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Bewertung und Materialien

 

Joachim Paschens Film sticht aus den Dokumentationen zum 17. Juni durch seinen Umgang mit historischen Filmquellen heraus, die stets im Kontext ihrer propagandistischen Verwendung in der Ost- bzw. West-Wochenschau kenntlich gemacht werden. Der Erkenntniswert des Films liegt in der Verdeutlichung der jeweiligen Perspektive und den mit der Filmberichterstattung verbundenen Darstellungsabsichten. Zudem ermöglicht dieses Konzept eine weitgehende Versachlichung der Diskussion um die Ereignisse des 17. Juni.

Eine historische Einordnung des Films, Arbeitshinweise und weiterführende Informationen enthält die von Joachim Paschen erstellte Film-Begleitkarte des Instituts für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht (FWU) aus dem Jahr 1982, die hier in Auszügen wiedergegeben wird.

 

Filmbegleitkarte des FWU, Joachim Paschen, 1982: Historische Einordnung und Arbeitshinweise

Adressaten: Sekundarbereich I – Hauptschule, Realschule, Gymnasium (Schuljahr 9-10).

Sekundarbereich II – Gymnasiale Oberstufe, Fachoberschule, Berufsgrundbildungsjahr, Berufsschule, Fachschule

Lernziele: Die Ereignisse des 17. Juni 1953 in Berlin (Ost) kennenlernen; Einblick in die Ursachen des Aufstandes in der DDR gewinnen; die unterschiedliche Berichterstattung über den 17. Juni 1953 in den Wochenschauen in West und Ost beurteilen und bewerten lernen.

Vorkenntnisse: Die Gründung der beiden deutschen Staaten 1949; die Deutschlandpolitik der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg.

[…]

Zum Inhalt:

 

Die filmische Darstellung eines historischen Ereignisses mit Hilfe von Wochenschau-Ausschnitten unterliegt einer doppelten Auswahl: Es ist nur der filmisch überlieferte Ausschnitt der Wirklichkeit darstellbar, und auch dieses Material muss, angesichts der Fülle, reduziert werden. Hinzu kommt eine weitere Verengung des Blickfeldes: Die Wochenschauen, deren Archive benutzt werden konnten, standen unter dem Einfluss der jeweiligen Regierungen, sowohl in West („Neue Deutsche Wochenschau“ / NDW, „Welt im Film“ / WiF, „Welt im Bild“ / WiB) als auch in Ost („Der Augenzeuge“ in der DDR). Damit einerseits die Anschaulichkeit des Films bei der möglichst objektiven Vermittlung historischer Sachverhalte genutzt wird, die Zuschauer sich andererseits der Schwierigkeiten der Auswahl bewusst bleiben, verfährt der vorliegende Film zweigleisig: Neben den neumontierten und –kommentierten Sequenzen, die das Ereignis aus der Sicht 30 Jahre danach darstellen, stehen in originaler Fassung (durch Zwischentitel und Kommentarhinweise gekennzeichnete) Wochenschau-Ausschnitte, die zeitgenössische Positionen vor Augen führen. Die folgende Inhaltsübersicht soll als Orientierungshilfe dienen.

1. Der erste Wochenschau-Bericht der NDW über den 17 Juni (2’)

Dieser vollständig wiedergegebene Bericht wurde noch am Tage des Ereignisses kopiert und geschnitten und als Sondermeldung den bereits an die Kinos ausgelieferten Kopien nachgeschickt; die Darstellung reicht daher nur bis zu den frühen Mittagsstunden.

2. Die Verhältnisse in der DDR 1952/53 (2’30’’)

In einer Rückblende wird kurz auf einige Daten zur Vorgeschichte hingewiesen.

[…]

3. Der Ost-West-Gegensatz (3’15’’)

Der weltweite Gegensatz zwischen UdSSR und USA manifestiert sich in Deutschland vor allem in Berlin: Der Westteil des Stadt wird mit beträchtlichen Finanzmitteln aus Washington und Bonn zu einem `Schaufenster der freien Welt´ ausgebaut. Zahlreiche Ausstellungen sollen `Eindruck machen auf die Ostdeutschen´ (WiF vom 9. Oktober 1950 und NDW vom 23. September 1952). Die Gegenüberstellung der Berichte aus der NDW und dem `Augenzeugen´ (gekürzt) über die Maifeuern von 1953 in Berlin (West) und (Ost) betont den Gegensatz: Während man im Westen `Freiheit für die Deutschen in der Ostzone´ fordert, rüstet man sich im Osten zur `Sicherung des Sozialismus´.

4. Die Vorgeschichte (1’30’’)

[…]

5. Die Ereignisse am 17. Juni (3’40’’)

Der Film bemüht sich um eine chronologische Gliederung des Wochenschau- und Foto-Materials; dabei ist zu beachten, dass alle Aufnahmen von westlicher Seite stammen und fast ausschließlich Ereignisse an der Sektorengrenze wiedergeben. Aus Ostberliner Stadtteilen und anderen Orten der DDR waren keine Filmaufnahmen und nur vereinzelt Fotos verfügbar. Der Film unterscheidet folgende Phasen: Von 7 Uhr an friedliche Demonstrationen im Regierungsviertel; im Laufe des Vormittags kommt es zu Gewalttätigkeiten; gegen Mittag wird die rote Fahne vom Brandenburger Tor geholt und die schwarzrotgoldene Fahne aufgezogen; ab 13 Uhr wird vom sowjetischen Stadtkommandanten Dibrowa über Ost-Berlin der Ausnahmezustand verhängt; mehrere sowjetische Panzer rücken vor bis zum Potsdamer Platz; sowjetische Soldaten und Volkspolizei zerstreuen mit Waffengewalt die Demonstranten; gegen Abend ist der Aufruhr unterdrückt. […]

6. Reaktionen in West und Ost (3’)

Beispielhaft sollen einige Wochenschau-Ausschnitte die unterschiedliche Bewertung der Ereignisse deutlich machen.

[…]

Anders als die Presse berichtet die DDR-Wochenschau nicht über die Ereignisse in Berlin. Stattdessen findet sich in der Ausgabe des `Augenzeugen´ vom 26.6.1953 ein Ablenkungsmanöver: Aus älterem Filmmaterial westlicher Herkunft wird en `heimlicher Aufmarsch´ der US-Streitkräfte in der Bundesrepublik am 16. Juli konstruiert. […] In der DDR werden `herzliche Freundschaftskundgebungen´ zwischen Deutschen und Angehörigen der Sowjetarmee organisiert; über ein solches `improvisiertes Tanzvergnügen´ berichtet der `Augenzeuge´ am 3. Juli.

7. Schluss: `Welt im Bild´ vom 17. Juli 1953 (1’)

[…]

Ergänzende Informationen: Zum historisch-politischen Umfeld des 17. Juni 1953

 

1. Die weltpolitische Lage zu Beginn der fünfziger Jahre war durch eine Verschärfung des kalten Krieges gekennzeichnet. Die USA hatten ihr Atombombenmonopol verloren; der Sowjetunion fehlten jedoch noch die zur Erreichung des amerikanischen Territoriums notwendigen Trägerwaffen. Der Krieg im geteilten Korea (1950-1953), an dem sich die beiden Weltmächte zum Teil direkt beteiligten, machte deutlich, wie labil der Weltfrieden war, gerade in Europa, wo die Sowjetunion um die Absicherung ihres nach dem Zweiten Weltkrieg gewonnen Machtbereichs bemüht blieb. In den USA war seit Anfang 1953 eine neue republikanische Regierung unter Eisenhower / Dulles im Amt, die den vorangegangenen Wahlkampf mit der Parole vom `Roll back´ des Kommunismus gewonnen hatte. In der Sowjetunion dagegen gab es nach dem Tode Stalins am 5. März 1953 in der Führung eine politische Krise, in deren Verlauf einer der drei Nachfolger, Beria, wegen seiner Bereitschaft, dem Westen entgegenzukommen, ausgeschaltet wurde.

2. Die deutschlandpolitische Lage war nach der staatlichen Teilung von gegensätzlichen Bemühungen um die Wiederherstellung der deutschen Einheit gekennzeichnet: Während die Grotewohl-Regierung in Berlin (Ost) gleichberechtigte Verhandlungen mit der Bundesregierung verlangte, lehnte die Adenauer-Regierung in Bonn die Anerkennung der DDR strikt ab und beharrte auf `freien Wahlen´ als dem ersten Schritt. Trotz mehrerer Annäherungsversuche konnten die Gegensätze nicht überbrückt werden. Der weitestgehende Vorschlag der Sowjetunion (Stalin-Note vom März 1952) – angesichts der bevorstehenden Eingliederung der Bundesrepublik Deutschland in das westliche Militärbündnis –, der Wiedervereinigung um den Preis der deutschen Neutralität zuzustimmen, wurde vom Westen abgelehnt. Man spekulierte darauf, dass Moskau die DDR als zu kostspieligen Ballast ohnehin eines Tages abwerfen würde.

3. Die Lage in der DDR wurde vor allem nach den Beschlüssen vom Juni 1952 zum beschleunigten Aufbau des Sozialismus komplizierter. Die von Ulbricht ausgerufene `Verschärfung des Klassenkampfes´ und die Abgrenzung von Westdeutschland schreckten viele Bürger ab. Verheerend musste es für das Regime werden, als auch unter der Arbeiterschaft die Unruhe wuchs. Bezeichnend ist jedoch, dass bei der Untersuchung der eigenen Schwächen nach dem 17. Juni von der SED-Führung vor allem zwei Bereiche scharf kritisiert wurden: die unzureichende Agitation und Propaganda in der Parteipresse sowie der mangelnde Staatsschutz. […]

Zur Verwendung

 

Der Film ist für den historisch-politischen Unterricht zum Themenkomplex der deutschen Frage vorgesehen. Er kann bei der Behandlung der deutschen Teilung und der Wiedervereinigungspolitik ebenso verwendet werden wie bei der Aufarbeitung der historischen Ereignisse vom 17. Juni 1953.

Der Film vermittelt den durch Bilder zu erfassenden Aspekt der historischen Wirklichkeit; daher ist es erforderlich, schriftliches Material als Ergänzung in den Unterricht einzubringen. Die besondere Struktur des Films macht seine Besprechung unbedingt notwendig. Die Originalteile aus den Wochenschauen ermöglichen es andererseits auch, politische Tendenzen in den Massenmedien der damaligen Zeit zu untersuchen. […] Besonders geeignet für eine solche Untersuchung sind der am Anfang des Films stehende Wochenschau-Bericht über den 17. Juni sowie der Vergleich der Berichte über die Maifeiern 1953 in Berlin (west) und (Ost).

Der Text ist der von Joachim Paschen erstellten Film-Begleitkarte des Instituts für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht (FWU) entnommen (Grünwald 1982).