Diese Seite drucken

Bewertung und didaktisch-methodische Hinweise

 

Lutz Lehmanns als systematische Untersuchung der im Titel verschlagworteten Thesen angelegter Film gliedert sich in vier Abschnitte, die jeweils durch Texttafeln eingeleitet und auf diese Weise voneinander abgegrenzt werden. Im Mittelpunkt steht weniger eine nacherzählende Darstellung des 17. Juni als dessen kontroverse historische Interpretationen. Mit dieser Herangehensweise erreicht Lehmann zunächst zweierlei:

1.    wird die Funktionalisierung des Filmmaterials im Kontext seiner Verwendung in den zeitgenössischen Wochenschauen aufgezeigt. Am augenfälligsten gelingt dies, wenn das gleiche Material mit unterschiedlicher Kommentierung vorgeführt wird.
2.    wird gezeigt, dass mit den zur Verfügung stehenden Filmquellen kein Abbild der historischen Realität erstellt werden kann. Eine kritische Distanz zum Gezeigten bleibt stets gewahrt.


Bei der Auseinandersetzung mit den Interpretationen des 17. Juni erteilt Lehmann der SED-Propaganda zwar eine klare Absage, er bewertet jedoch auch die Volksaufstands-These, wie sie in der BRD gepflegt wurde und wird, dahingehend kritisch, dass er der Theorie von der Arbeiterrevolte den Vorzug gibt. Diese Distanz zum offiziellen westdeutschen Geschichtsbild macht bereits Lehmanns Eingangs-Moderation spürbar, in der er das zerbrochene Amtsschild Wilhelm Piecks, das im Hintergrund sichtbar ist, in Bezug zu „fanatischen Antikommunisten“ setzt, die an der Eskalation des 17. Juni mitgewirkt hätten. Um die Ausweitung und politische Radikalisierung der Arbeiterproteste zu erklären, geht er der Frage nach, inwieweit aggressive Agitation aus dem West-Berliner Untergrund oder sogar tatsächliche Intervention westlicher Geheimdienstler die Vorgänge befördert haben könnten, und zieht eine klare Trennlinie zwischen den Massenprotesten und den Bürgerkriegs-ähnlichen Szenen, die sich nach dem Aufmarsch der Sowjet-Panzer im Zentrum Berlins ereigneten. Lehmann sieht bei letzteren ausschließlich die genannten „fanatischen Antikommunisten“ aus dem Westen am Werk, bleibt aber einen Beweis für die Berechtigung dieser Annahme schuldig.
Nichtsdestotrotz zeichnet sich „Ein Mittwoch im Juni“ durch seine größtenteils schlüssige Argumentation und die Differenziertheit der Darstellung aus. Der von Lehmann eingenommene Standpunkt prädestiniert seine Dokumentation zu einer vergleichenden Vorführung mit den Filmen Peter Ottos („ Jene Tage im Juni“) und Joachim Paschens („ Der Einheit der Nation verpflichtet“).


Didaktisch-methodische Hinweise

Voraussetzung für den Einsatz im Unterricht sind Kenntnisse der Nachkriegsordnung bis zum Entstehen der beiden deutschen Staaten. Im Rahmen des Themas `Deutsche Geschichte nach 1945´ kann Lehmanns Film durchaus als Einstieg verwendet werden, da er Fragen provoziert und damit eine gute Diskussionsgrundlage liefert.
Als inhaltliche Schwerpunkte bei der Beschäftigung mit dem Film wären u.a. anzusprechen:

-    Wirtschaftsplanung in der DDR / erster Fünfjahresplan 1951-55: Auswirkungen des vorrangigen Ausbaus von Schwerindustrie auf Kosten der Konsumgüterproduktion
-    Hintergründe zu den Arbeitsnormen, den Normenerhöhungen und dem Neuen Kurs der SED
-    die Löwenthal-These (Sequenz 08) vom 17. Juni als „verpaßter Gelegenheit“ (aussenpolitische Orientierungsphase nach Stalins Tod im März 1953, westliche Reaktionen auf sowjetische Gesprächsangebote)
-    Langfristige Auswirkungen des 17. Juni (Festigung des Ulbricht-Regimes, Verhältnis zwischen DDR und BRD)


Unter mediendidaktischen Gesichtspunkten könnten beispielsweise zur Diskussion gestellt werden:

-    die Veränderungen der Bildwirkung von historischem Filmmaterial in Abhängigkeit von dem verwendeten Ton bzw. Kommentar
-    die Verwendung von Standbildern an Stelle von bewegten Bildern (Sequenz 06)


An geschichtstheoretischen Fragestellungen böten sich an:

-    In welcher Weise entstehen historische Interpretationen und wie verfestigen sie sich zu `Tradition´?
-    Inwiefern unterscheidet sich die bewusst, mit kritischer Distanz und unter Offenlegung ihrer Lücken bzw. Ungeklärtheiten betriebene Rekonstruktion geschichtlicher Ereignisse von einer historischen Darstellung, die sich als Abbild von Realität im Sinn des `so war es´ versteht?