Diese Seite drucken

Historische Einordnung, Bewertung und Arbeitshinweise

 

Die Einsetzbarkeit des Films „Jene Tage im Juni“ hängt in starkem Maße von der zur Verfügung stehenden Zeit ab. Aufgrund der Komplexität der Darstellung ist der Film vor allem für den universitären Seminarbereich zu empfehlen. Es werden Grundkenntnisse der deutschen Nachkriegsgeschichte insbesondere des sich verschärfenden Ost-West-Konfliktes vorausgesetzt.

Zweckdienlich zum Verständnis des Films ist dessen Einordnung in den Kontext der sich abkühlenden Ost-West-Beziehungen zwischen 1979-85.

Im Spätsommer 1982 scheiterte in Westdeutschland die sozialliberale Koalition unter Helmut Schmidt. Zu diesem Zeitpunkt wurden die innerdeutschen Beziehungen überschattet durch den Afghanistankrieg und eine neue Welle des Wettrüstens. Als wichtige Einzelereignisse wären zu nennen:

- die Stationierung sowjetischer Truppen auf Kuba ab August 1979 und die Beeinträchtigung des Rüstungsgleichgewichts in Europa durch sowjetische Mittelstreckenraketen (SS 20) verursachen eine Krise zwischen den USA und der UDSSR

- den NATO-Doppelbeschluss vom 12. Dezember 1979: Weil der Warschauer Pakt die Westeuropa bedrohenden nuklearen Waffensysteme zunehmend verstärkte und die UDSSR immer mehr SS 20- Raketen stationierte, beschloss die NATO in Brüssel die Wiederherstellung des regionalen Gleichgewichts durch Aufstellung von 572 nuklearen US-Gefechtsköpfen in Westeuropa. Zugleich wurde die Bereitschaft zur Begrenzung des Raketenpotenzials im Rahmen von neuen Verhandlungen betont.

- Am 4. Januar 1980 unterbrach US-Präsident Jimmy Carter wegen des sowjetischen Einmarschs in Afghanistan die Ratifizierung des SALT-II-Vertrages (Strategic Arms Limitation Talks: im Juni 1979 zwischen den USA und der Sowjetunion beschlossene Verringerung von Fern- und Raketenwaffen gegenüber SALT-I, 1972).

- Am 20. Februar erklärte Carter den Boykott gegen die olympischen Sommerspiele in Moskau.

- Am 8. August 1981 entschied Carters Nachfolger im Amt Ronald Reagan die Produktion von Neutronenwaffen.

- Beginn der Genfer Abrüstungsverhandlungen über Mittelstreckenraketen am 30. November 1981

- Verhängung von US- Sanktionen gegen das Erdgasgeschäft in Westeuropa mit der UDSSR am 30. Juli 1982

- Am 4. Mai 1983 forderte das US-Repräsentantenhaus ein gegenseitiges überprüfbares Einfrieren („freeze“) aller Nuklearbestände in den USA und UDSSR. Am 21. Juli wurden 2,5 Mrd. US-Dollar zum Bau von 27 MX-Interkontinental-Raketen bewilligt.

- Am 22. November 1983 beschloss der deutsche Bundestag die Stationierung neuer US-Mittelstreckenraketen in der BRD.

- Beginn der Genfer Abrüstungskonferenz mit 44 Teilnehmer-Ländern (Themenschwerpunkt: Verbot von chemischen Waffen) am 7. Februar 1984


Bewertung

Nach Darstellung des Films betraf der Arbeiteraufstand praktisch das gesamte Staatsgebiet der DDR und verfolgte dabei eigenständig, d.h. ohne Beeinflussung oder gar Steuerung des Westens das Ziel, das politische System abzuschaffen. Es ist die Absicht erkennbar, die offiziellen Verlautbarungen der DDR als Propagandalügen zu enttarnen, während die Zeitzeugen die authentische Sicht der Aufständischen wiedergeben.

Im Kontext der drei grundlegenden Thesen zum 17. Juni:

  1. Protest gegen die Normerhöhungen, nicht aber gegen das System der DDR als solches
  2. Protest / Aufstand gegen das politische System der DDR, bei dem die Normerhöhungen nur Anlass waren
  3. Vom Westen initiierter bzw. gesteuerter Aufstand, um die DDR zu destabilisieren

stützt der Film eindeutig die These 2.

Dies war noch in der Bundesrepublik der 1970er Jahre keineswegs eine unumstrittene Deutung gewesen, wie z.B. der Film „ Ein Mittwoch im Juni“ von Lutz Lehmann zeigt. Vielmehr ist der Film in die „Wendezeit“ ab Anfang der 1980er Jahre einzuordnen, die (s.o.) durch eine Abkühlung des politischen Klimas und eine damit einhergehende konfrontative Politik gekennzeichnet ist. Insofern ist der Film durchaus tendenziös und parteilich.

Die folgenden Fragen sollten bei der Bearbeitung des Films eine Rolle spielen:

1. Wie ist der Film dramaturgisch (Aufbau, Schwerpunkte, Kontraste) konzipiert?

Siehe hierzu auch das Sequenzprotokoll, Zeitzeugen und verwendetes Filmmaterial / Dokumente!

2. Wie ist das verwendete Filmmaterial zu beurteilen, wie die verwendeten Dokumente, Fotos, Redemitschnitte, Textauszüge?

Der Film kontrastiert bewusst DEFA-Wochenschauen und Ausschnitte aus Propagandafilmen der DDR mit Interview-Sequenzen. Von westlichen Kameramännern stammendes Archivmaterial ist zu einer langen Sequenz zusammengefasst, die – unterstützt durch O-Töne der Radioberichterstattung – den Demonstrationszug in Berlin und das Auftauchen der sowjetischen Panzer zeigen.

3. Welche Absichten verfolgt der Film bei der Darstellung der politischen Verhältnisse in der DDR?

Auffällig ist, dass mit Wolf Biermann, Ernst Busch und Bertolt Brecht mit Vorliebe Linksintellektuelle zitiert werden. Der von den Machern beabsichtigte Effekt läuft zweifellos darauf hinaus, die Glaubwürdigkeit der SED-Regierung selbst in den Augen denkbarer Sympathisanten in Frage zu stellen. Doch ist diese Strategie mit den historischen Fakten vereinbar? Zu diskutieren wäre beispielsweise, ob Brecht sich tatsächlich bereits unmittelbar während und nach dem 17. Juni so eindeutig gegen die Maßnahmen der SED-Regierung ausgesprochen hat wie der Film suggeriert.

4. Welche Zeitzeugen treten auf, was für eine Sichtweise wird vorrangig geschildert? Welche Kritik ließe sich an der Auswahl der Zeitzeugen festmachen, oder lässt sich daran eine politische Tendenz ablesen? Wie überzeugend wirkt die Kontinuität, die im Schlusskapitel des Films zwischen Gestapo und Stasi konstruiert wird, überhaupt der immer wieder formulierte Vergleich DDR / Drittes Reich?