Diese Seite drucken

K 2

K 2: Barbara Ziereis: Freunde, Feinde und Frauen – Repräsentationen des „Eigenen“ und des „Anderen“ im Weltkriegsfilm der Weimarer Republik. In: Medien – Politik – Geschichte. Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte 2003. Göttingen: Wallstein 2003, S. 40-61, hier zitiert: S. 47-48, 51-52, 55-59, 61.

Berge in Flammen ist ein Berg- und Kriegsfilm, den Luis Trenker im Jahr 1931 realisierte. Trenker verfaßte zusammen mit Karl Hartl das Drehbuch, führte Regie und übernahm die Hauptrolle als Tiroler Bergbauer Florian Dimai. Auch dieser Film erhielt von der Zensurbehörde das Prädikat „künstlerisch“ und wurde ein großer Erfolg. Schauplatz ist die Hochgebirgsfront in den Dolomiten, an der sich österreichisch-ungarische Kaiserjäger und italienische Alpini gegenüberliegen. Im Mittelpunkt der Handlung steht die drohende Sprengung einer Kavernenstellung der Kaiserjäger durch die italienischen Truppen. […]

Filmfrauen im Krieg

[…] Berge in Flammen zeigt Pia Dimai, die Ehefrau des Protagonisten Florian, in ihrem Haus. Sie kocht Essen in der Wohnküche. Bei ihr sind Artur Franchini, ein Bergfreund ihres Mannes, der als italienischer Besatzungsoffizier mit seinem Burschen Mario im Hause Dimai Quartier bezogen hat. Mario gibt der Hausfrau Lebensmittel und hilft ihr beim Kochen. Durch das Fenster sieht Pia einen Zug mit verletzten Gefangenen auf dem Weg zum Lazarett, fragt nach ihrem Mann und muß erfahren, daß dieser gefallen sei. Trauern kommt sie nach Hause, wo Franchini sie mit dem Hinweis tröstet, daß schon viele totgesagt worden seien. Die Einquartierung der italienischen Besatzer scheint Pia nicht zu belasten Das Zusammenleben wirkt eher wie ein Besuch Franchinis und Marios. Die Probleme der Frau im Krieg werden auf die Sorge um den Mann im Feld reduziert. […] Auch hier ist das Verhältnis zwischen Mann und Frau national konnotiert. Der Italiener Franchini verhält sich ihr gegenüber höflich, respektvoll, freundschaftlich und zurückhaltend. In keiner Situation tritt er ihr zu nahe. Innerhalb der Filmhandlung ist dieses Verhalten als Freundschaftsbeweis gegenüber Florian Dimai zu deuten. Darüber hinaus kann es in nationale Kategorien übersetzt werden: zwischen Franchini, also Italien, und Pia, also Tirol, besteht keine Feindschaft, und Italien erkennt grundsätzlich die Zugehörigkeit Tirols zu Österreich an. In einer späteren Szene nutzt Florian Dimai, der auf dem Höhenzug oberhalb seines Heimatdorfes stationiert ist, einen Spähgang, um zu desertieren und seine Frau heimlich zu besuchen. Er trifft seine Frau, sie umarmen sich. Im Haus sind auch Franchini und Mario. Als diese sich von Pia verabschieden, hält sich Florian versteckt. Während der Verabschiedung erwähnt Mario ihr gegenüber Zeit und Ort der geplanten Sprengung der Kaverne, in der Dimais Einheit stationiert ist. Dimai beschließt daraufhin, zu deinen Kameraden zurückzukehren, um sie zu warnen. Pia fleht ihn an zu bleiben und holt den gemeinsamen Sohn, dessen Anblick Dimai umstimmen soll. Er nutzt ihre kurze Abwesenheit, um sofort zu gehen und aufzusteigen.

Auch in dieser Sequenz tritt Pia Damai als Mutter und liebende Ehefrau auf. Für ihren Mann ist sie der Bezugspunkt, der den Frieden und die Heimat symbolisiert. Doch der Krieg ist – so der Film – mehr als die Verteidigung der Heimat. Er erscheint als Bewährungsprobe für Männer, die sich in männlich konnotierten Tugenden wie Kameradschaft und Mut beweisen müssen. Zu diesem Zweck muß sich ein Mann von seiner Frau und damit der „weiblichen“ Welt der Heimat trennen, da ihn diese von seiner Bestimmung als Mann abhalten.

Interessant ist in dieser Sequenz auch die Modellierung der Figur Mario, die ausschließlich in einem weiblich konnotierten Umfeld erscheint: Er hält sich nur im Haus auf, bereitet Essen zu und führt Hausarbeiten aus. Dem Stereotyp von der weiblichen Klatschsucht folgend, kann er ein Geheimnis nicht für sich behalten. Wegen seiner Geschwätzigkeit wird […] der schon sichere italienische Sieg verspielt. Der Verrat wird zwar von einem Mann ausgeführt, dieser jedoch selbst feminisiert und so sein Fehlverhalten als Verlassen der männlichen Rolle gedeutet. […]

Filmfeinde

[…] Der italienische Freund wird zum Besatzer des Heimatdorfes von Dimai. Bemerkenswert ist, wie diese Figur als „Feind“ inszeniert wird. Der Italiener Franchini spricht leise und benimmt sich zurückhaltend. Sein Quartier bezieht er im Haus seines Freundes, wo er höflich bei dessen Frau Pia Dimai vorstellig wird. Die Szenerie erinnert an die Anfrage eines Touristen in einer Frühstückspension. […] In den Kämpfen selbst sind die einzelnen Beteiligten kaum zu erkennen. Der Film legt sein Augenmerk vielmehr auf die Darstellung gewaltiger Explosionen, die Unmengen von Schnee und Fels durch die Luft schleudern. Auch hier wird der feindliche Angriff vor allem durch die Wirkung der Waffen repräsentiert. Im weiteren Verlauf der Handlung erzählt der Film von den Sprengungsvorbereitungen der italienischen Seite. […] Hier erscheint die italienische Seite als effiziente Armee, die sich durch stringente Planung und Durchführung, durch eine gute Ausrüstung und ausreichende personelle Ausstattung auszeichnet. […]

Als Dimai sich von seiner Einheit absetzt, um seine Frau zu treffen, kommt er an einem Lager der Alpini vorbei. Die Männer dort sitzen am Feuer im Schnee und singen gemeinsam ein Berglied. Sie unterscheiden sich von den Kaiserjägern nur durch ihre Uniform. […] Zum anderen bewirkt das Zeigen von Alltagshandlungen wie Essen, Kaffee kochen oder Singen, daß sich das Publikum den Alpini emotional annähern kann.

Entscheidend für den Ausgang des Films ist die bereits beschriebene Szene, in der Florian Dimai den Burschen Mario belauscht, als dieser den Plan der italienischen Generalität an Pia verrät. Die weiblichen Rollenanteile der Figur „Mario“ wurden bereits erwähnt. Zudem wird Mario als „Süditaliener“ kodiert. Er ist von kleiner Statur, hat dichtes, lockiges, schwarzes Haar, spricht mit lauter Stimme und ausladenden Gesten. Damit unterscheidet sich Mario vom als „Norditaliener“ codierten Franchini, der ein Italiener mit „deutschen Vorzeichen“ zu sein scheint. Er spricht deutsch, ist zurückhaltend in Gestik und Mimik, pflichtbewußt, respektvoll. Auch in Abgrenzung zu Mario wird Franchini zum „Freund“.

[…] In der Schlußszene sind Dimai und Franchini im Jahr 1931 auf einer Bergtour zu sehen. Sie wandern über das ehemalige Schlachtfeld. Am Gipfel schütteln sie sich die Hände. Später sitzen sie schweigend nebeneinander, während die Kamera ihren Blicken auf das Alpenpanorama folgt. Dimai und Franchini sind Freunde wie zu Beginn des Films. Die Feindschaft war ein Intermezzo, ein sportlicher Wettkampf, bei dem beide zufällig auf verschiedenen Seiten standen. Die Geste des Händeschüttelns unterstützt die Interpretation der Kriegsereignisse als sportähnliches Ereignis. […]

Freunde im Krieg

[…] In der Anfangssequenz von Berge in Flammen führt das Bergsteigen als gemeinsam ausgeübter Sport und die Begeisterung für die Bergwelt der Alpen zwei Freunde zusammen. Erst im Verlauf dieser Sequenz – durch Franchinis Eintrag in das Gipfelbuch – stellt sich heraus, daß beide unterschiedlicher Nationalität sind. Der Krieg macht sie automatisch zu Feinden. Wie bereits beschrieben werden die Kaiserjäger mit dem Kriegseintritt Italiens auf Seiten der Alliierten in einer Kaverne über ihrem Dorf stationiert. Mit dieser örtlichen Nähe zur Heimat wird eine Übereinstimmung der Kriegspropaganda von der „Verteidigung der Heimat“ und den militärischen Handlungen im Krieg konstruiert. Die österreichisch-ungarische Armee wird in diesem Film nur durch eine deutschsprachige, regional festverankerte Gruppe Soldaten repräsentiert. Die Kaiserjäger erscheinen als Kern einer idealen deutschen Armee und können so in den deutschnationalen Erinnerungskosmos eingeordnet werden. Die Tiroler werden als Deutsche präsentiert. Vor dem politischen Hintergrund, daß der Versailler Vertrag ausdrücklich den Zusammenschluß Deutsch-Österreichs und des Deutschen Reichs ausgeschlossen hatte, kommt dieser Darstellung eine politische Botschaft zu.

[…] Von Dimai gewarnt, können die Tiroler die Stellung trotz mangelhafter technischer Ausrüstung halten. Der Deserteur erscheint in diesem Film als einer, der nicht verräterisch handelt. Den sicheren Kriegstod vor Augen, kehrt er zunächst in die schmerzlich vermißte Heimat zurück. Er hat sein individuelles vor das nationale Interesse gestellt, als dies nur noch den sinnlosen Tod verheißt. Mit der Möglichkeit, seine Kameraden zu warnen, hat der Krieg wieder einen Sinn, und er findet zur patriotischen Aufgabe zurück. Dimai wird zwar für diesen „Ausrutscher“ mit einer Verletzung bestraft, doch die Rückkehr des „verlorenen Sohnes“ wird mit dem Sieg in der Schlacht belohnt.

Am Ende des Films gehen die zwei Bergfreunde die Front ab, an der sie auf verschiedenen Seiten gekämpft haben. Am Gipfel schütteln sie sich die Hände. Über zehn Jahre nach Kriegsende zeigen die im Weltkrieg zu Feinden gewordenen Freunde Zeichen der Versöhnung. Die Freundschaft ist aufgrund des ehrenhaften Verhaltens der beiden, vor allem Franchinis im Hause Dimai, trotz des Krieges nicht getrübt worden. Am Ende ist die Narration dort, wo sie begonnen hat. […]

Fazit

[…] In Berge in Flammen führt die Betonung der „eigentlichen“ Gleichheit der Kriegsgegner zur Versöhnung. Diesen Mangel an Differenz belegt der Film anhand von Alltagseindrücken aus dem Leben der feindlichen Soldaten. Die Beteiligten verspüren keinen Haß auf den Kriegsfeind. Jedoch zeigen sie den Krieg als Abenteuer und Ort der männlichen Selbstbeweisung. Damit unterscheidet sich der Krieg nicht vom sportlichen Ereignis (hier das Bergsteigen), da hier wie dort die gleichen Tugenden verlangt werden. Die Eigenschaften, die außerhalb des propagierten Selbstbildes liegen, werden einer als fremd und weiblich konnotierten Figur zugeschrieben. Berge in Flammen ist in diesem Sinne kein Mobilisierungsfilm für den Krieg, wirbt jedoch für die Selbstfindung im Männerbund.

Barbara Ziereis