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Arbeitshinweise

Aufgrund des aus heutiger Sicht schleppenden Erzähltempos eignet sich Heimkehr für den Unterrichtseinsatz weniger als die anderen in diesem Bereich vorgestellten Weltkriegs-Spielfilme. Vor allem die langwierige Schilderung der Auseinandersetzung zwischen den drei Protagonisten verlangt dem Zuschauer viel Geduld ab. Erschwerend kommt hinzu, dass die Stummfilm-Melodramatik dieser Szenen, zumal sie in der vorliegenden Fassung durch keine Musik gestützt wird, sehr antiquiert wirkt und vor allem bei jüngeren Zuschauern auf Unverständnis stoßen dürfte. Nichtsdestotrotz bietet der Film partiell Anknüpfungspunkte für den Unterrichtseinsatz, insbesondere weil er das im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg filmisch selten behandelte Thema Kriegsgefangenschaft aufweist (Sequenzen 1-5).

Eine interessante Parallele ergibt sich zudem zum Film Westfront 1918. Georg Wilhelm Pabst schildert darin aus männlicher Perspektive, wie der Soldat Karl auf Heimaturlaub seine Frau inflagranti mit einem Fleischergesellen ertappt (Sequenz 15-16). Ihren Fehltritt begründet seine Frau mit der materiellen Notlage, der die Zivilbevölkerung während des Krieges ausgesetzt ist. Auch wenn dieser Aspekt in Heimkehr nicht thematisiert wird, behandelt der Film die Problematik der zurückgelassenen Ehefrau mit einem stärkeren Fokus auf die weiblichen Perspektive, sodass sich hier Vergleichsmöglichkeiten ergeben. Statt der materiellen ist es die seelische Not, d.h. Annas Einsamkeit und Verlassenheit, die dazu führen, dass sie sich in der Wohngemeinschaft mit dem Freund ihres Mannes zu diesem hingezogen fühlt. Dies wird besonders deutlich in den Sequenzen 8, 9 und 11. Der hier vorgestellte Lehrplanvorschlag steht daher unter der Überschrift:

Erzwungene Trennung: Ehe und Liebe im Ersten Weltkrieg

1./2. Stunde: Kurze Einführung in den Film Westfront 1918 unter Zuhilfenahme der Handlungszusammenfassung sowie ggf. der Bewertung durch Siegfried Kracauer (K 1). Anschließend Vorführung der Sequenzen 14-16 (ca. 14 Filmminuten) und Diskussion der Motive für den Ehebruch von Karls Frau.

3./4. Stunde: Kurze Einführung in den Film Heimkehr unter Zuhilfenahme der Handlungszusammenfassung sowie den von Elisabeth Lutz-Kopp zusammengetragenen zeitgenössischen Pressereaktionen (K 1). Anschließend Sichtung der Sequenzen 6-7 und 11 (ca. 25 Filmminuten) und Diskussion, inwieweit sich die Konstellation und die Motive der Figuren in Heimkehr von denen in Westfront 1918 unterscheiden. Worin liegt auf der einen Seite die Anziehung zwischen Karl und Anna, und was hält sie auf der anderen Seite vom Ehebruch ab?

5./6. Stunde: Vertiefung der Diskussion unter Verwendung von Material M 1: Ute Daniel über Sexualität, Prostitution und Ehe im Ersten Weltkrieg. Im zeitgenössischen Sprachgebrauch handelt es sich bei den Frauenfiguren beider Filme um „Kriegerfrauen“. Welche gesellschaftlichen Ansprüche wurden an sie gestellt, welchen staatlichen Restriktionen unterlagen sie? Ute Daniel zitiert ein Dokument, in dem es heißt: „Es gibt Kriegerfrauen, die Liebe und Treue, Zucht und Sitte vergessen und sich fremden Männern an den Hals werfen, während die Männer draußen darben und bluten; Kriegerfrauen, die zum Tanz und ins Vergnügen laufen, die mit dem Geld, das die Männer schicken, sich wie Dirnen putzen oder im Essen schlemmern, während sich die Kinder mit zerrissenen Strümpfen und Kleidern verwildert auf der Straße herumtreiben.“ (Siehe hier.) In welchem Verhältnis steht das in diesem Zitat gezeichnete Bild zu den beiden Kriegerfrauen in Heimkehr und Westfront 1918?

7./8. Stunde: Perspektivwechsel: Sexualität an der Front. Aufbauend auf Material M 1 (Ute Daniel) sollen die Sequenzen 35 und 37 aus Im Westen nichts Neues (Besuch bei den Französinnen) und die Sequenzen 2, 3 und 11 aus Westfront 1918 (der Student und Yvette) vorgeführt und unter dem Gesichtspunkt der Prostitution bzw. der sexuellen Kontakte mit der Bevölkerung in den deutsch besetzten Gebieten diskutiert werden. In den filmischen Darstellungen erscheint die Romanze des Studenten mit Yvette ebenso wie der tröstliche Besuch Paul Bäumers und seiner Kameraden bei den Französinnen als Moment der Hoffnung: in der zwischenmenschlichen, auch erotischen Annäherung scheint sich eine Völkerverständigung abzuzeichnen. Inwieweit ist diese Darstellung realistisch, inwieweit ist sie kritisch zu bewerten? Welche Probleme ergaben sich daraus für die Frauen in den besetzten Gebieten, und welche Motive mögen sie zur Prostitution oder zu Verhältnissen mit deutschen Soldaten getrieben haben? (Zum Film Westfront 1918 können auch die Thesen von Barbara Ziereis / K 2, Abschnitt „Filmfrauen im Krieg“, herangezogen werden.)

Die vorgestellte Lehreinheit kann ggf. noch ergänzt werden durch eine 9./10. Stunde, in denen die Frauendarstellung der patriotischen Weltkriegs-Spielfilme Berge in Flammen und Morgenrot kritisch zu untersuchen und mit den vorhergegangenen Filmausschnitten zu vergleichen wäre. Im Mittelpunkt sollte die Vorführung und Diskussion der Sequenz 15 aus Berge in Flammen stehen (Besuch Florian Dimais in seinem besetzten Heimatdorf) und der Sequenzen 14 und 16 aus Morgenrot, die die Haltung der weiblichen Bevölkerung in der Heimatstadt der U-Boots-Besatzung veranschaulichen. Ergänzend können hierbei die Thesen von Barbara Ziereis zum Thema „Filmfrauen im Krieg“ herangezogen werden, siehe K 2 zu Berge in Flammen und K 2 zu Morgenrot.