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Michael Eckardt: Zur Rezeption des Spielfilms der Weimarer Republik in Südafrika 1928 – 1933. Eine kinohistorische Untersuchung. Dissertation zur Erlangung des sozialwissenschaftlichen Doktorgrades der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen, 2007, S. 281-283:

HEIMKEHR (1) thematisiert das durch gemeinsame Kriegs- und Gefangenschaftserlebnisse entstandene Vertrauensverhältnis eines ledigen und eines verheirateten Soldaten. Die Erzählungen des letzteren über dessen Frau schaffen bei seinem Kameraden eine Vertrautheit mit der Ehefrau, welche ihn nach seiner Flucht in die Lage versetzt, an die Stelle seines Kameraden zu treten. Nach seiner Rückkehr erkennt der alte Ehemann die neue Situation und verzichtet darauf, sein Recht von einer Frau zu fordern, die seine Liebe nicht mehr erwidert und geht zur See.

In den Filmvorbesprechungen zu HEIMKEHR fällt auf, das sie sich im Wortlaut stark ähneln, selten über eine Inhaltsangaben hinausgehen und wohl auf eine Agenturmeldung zurückzuführen sind (z.B. CT 31.8.29: 11, NM 7.9.29: 27, NA 7.9.29: 6 etc.). Die erste Notiz des Natal Advertisers berichtet von Erich Pommers Rückkehr aus Hollywood und seinem neusten für die UFA produzierten Film (NA 8.2.29: 9). Um einen Film auch international ansprechend zu machen, habe Pommer in Hollywood gelernt, dass die Story eines Filmes auf das einfachste mögliche Element reduziert werden müsse. Daraus sei HEIMKEHR entstanden, ein Film mit perfekten Details, sehenswert, weil er eben nicht auf Sensationen ausgerichtet sei (ebd.). Die meisten Rezensionen und Vorbesprechungen gingen nicht über Inhaltsangaben hinaus, vereinzelt war von einem zahlreichen Publikum und einer typischen UFA-Produktion mit perfekten Details und Fotografie die Rede (CA 3.9.29: 13). Kritisch äußerten sich nur wenige Kommentatoren, wie z.B. jener in Die Burger, der den zu häufigen Einsatz gemalter Hintergrundkulissen bemängelte, eine Spielerei, von der Pommer auch manchen deutschen Kritikern zufolge schnellstens genesen möge (DB 31.8.29: 8). Nachdem die Handlung in Deutschland angelangt sei, wurde dieser Mangel aber abgestellt und der gewohnte, warme Ton der UFA-Fotografie sei wieder vorherrschend. Bei der Darstellung der Schauspieler rage Lars Hanson deutlich hervor, eine Tatsache die auf Pommer zurückgehe, der den Schweden nicht wie in seinen amerikanischen Rollen nur sentimental agieren lasse. In vieler Hinsicht sei der Film typisch deutsch, besonders in der einfachen Darstellung der europäischen Häuslichkeit und der gewohnten echten Menschlichkeit ohne amerikanisches Gehabe und ähnlichen Zierrat (ebd.). Als „nicht vom üblichen Standard“ sprach hingegen der Natal Mercury, trotz des guten Schauspiels schleppe sich die Handlung an vielen Stellen nur dahin (NM 10.9.29: 8). Der einzige Fehler dieses großartigen Dramas bestand für den Natal Advertiserim Mangel an lichten Momenten, um die dramatische Intensität des Films zu entlasten (NA 10.9.29: 14). In der deutschen Kritik wurde vor allem bemängelt, dass jene dem Kammerspiel zugrundeliegende Novelle „Karl und Anna“ (Leonhard Frank), als Stoff nicht recht zur Verfilmung tauge und die Bilder spürbar versagen, wenn sie die Bedeutung der Wörter, die sie illustrieren, treffen sollen (Kracauer 1995: 202):

„Fanatischer und kompromißreiner Wille zu höchstgesteigerter filmkünstlerischer Qualitätsleistung ist hier verwirklicht – jedoch an einen Stoff verwandt, der sich – grundsätzlich gesprochen – den spezifischen und ureigensten Ausdrucksmitteln und Möglichkeiten des Lichtspiels versagt – versagen muß“ (LBB 30.8.28: 2).

Da der Stoff sich thematisch der Formung durch filmische Ausdrucksmittel entziehe, hätte man höchstens mit revolutionär neuen manuskript- und regie-technischen Lösungen im „Sinne der Russenkunst“ etwas erreichen können, nicht aber mit einem Festhalten an den Traditionen des westeuropäischen Kammerspiels, die nur – und das mit den besten, genial beherrschten Mitteln von heute und morgen – einen Film von gestern entstehen lassen habe (ebd.). Der Höhepunkt des Films, das Erkennen der Liebe zwischen Anna und Karl durch Richard, sei mit novellistischer Psychologie überladen:

„Mit respektheischendem Takt ringt Joe May um bildmäßige Lösungen für schwer ausdeutbare menschliche Beziehungen, die in einer restlos gültigen Sprache auch die gekonnteste Kammerfilmkunst nicht mit letzter Überzeugungskraft zu formulieren vermag. Auf eine simple Formel gebracht, kündete er den Sieg der Freundschaft über die Liebe, des Mannes über das Weib“ (ebd.).

Angeblich sei die erste „Erich-Pommer-Produktion“ in Alfred Hugenbergs UFA vom hauseigenen Blatt „UFA-Dienst“ mit einer Inhaltsangabe versehen worden, die Uneingeweihten suggerieren könnte, dass es sich „um einen Film mit bolschewistischer Tendenz“ handeln würde, was sogleich dementiert wurde (Kreimeier 1992: 202). Bis auf den Hinweis auf die während der Zeit des Zusammenbruchs und der Revolution spielenden Handlung ließ sich aus den UFA-Reklame-Ratschlägen jedoch kein Hinweis auf etwaige Tendenzen entnehmen, auch konnten in der südafrikanischen Rezeption ähnliche Auffassungen nicht nachgewiesen werden. (2) […] Die dortige Presse monierte zwar einige Besonderheiten der Filmbauten (auf Leinwand gemalte Natur- und Stadtlandschaften), erkannte diese jedoch nicht wie spätere Kommentare als oberflächliche Anleihen an den Expressionismus (Dahlke/Karl 1988: 171) und den Straßenfilm der frühen 1920er Jahre (Kracauer 1995: 202), da Filme dieser Epoche (mit der Ausnahme des „Caligari“-Films) in Südafrika nicht gezeigt wurden und somit auch keine Parallelen hergestellt werden konnten. Die Novelle schien ebenfalls nicht besonders bekannt gewesen zu sein, da der von der Literaturvorlage abweichende Ausgang des Films unerwähnt blieb. (3)

(1) NA (= Natal Advertiser) 8.2.29: 9, ST (= Sunday Times) 25.8.29: 6, DB (=Die Burger) 31.8.29: 8, CT (= Cape Times) 31.8.29: 11, CA (= Cape Argus) 3.9.29: 13, NM (= Natal Mercury) 7.9.29: 27, NA (= Natal Advertiser) 7.9.29: 6, CT (= Cape Times) 3.9.29: 7, NM (= Natal Mercury) 10.9.29: 8, NA (= Natal Advertiser) 10.9.29: 14, DFA (= Diamond Fields Advertiser)16.9.29: 3, NW (= Natal Witness) 28.9.29: 13, EPH (= Eastern Province Herold) 30.9.29: 8, EPH (= Eastern Province Herold) 1.10.29: 12, EPH (= Eastern Province Herold) 2.10.29: 15, EPH (= Eastern Province Herold) 5.10.29: 15, TF (= The Friend) 7.1.30: 5 (Johannesburg, Kapstadt, Durban, Kimberley, Pietermaritzburg, Port Elizabeth, Bloemfontein).

(2) Vgl. UFA-Reklame-Ratschlag zu HEIMKEHR. Berlin 1928, 12 S.

(3) Kreimeier spricht von einem „verfälschten Happy-End“ (1992: 202), ein Detail, auf das weder in der Lichtbildbühne noch bei Siegfried Kracauer (1995) eingegangen wurde.

Michael Eckardt

 

Michael Eckardts Dissertationsschrift ist hier online abrufbar. In Buchform erschien sie 2008 unter dem Titel: Zwischenspiele der Filmgeschichte. Zur Rezeption des Kinos der Weimarer Republik in Südafrika 1928-1933. (Hochschulschriften, Band 17.) Berlin: Trafo 2008. Die Heimkehr betreffenden Ausführungen finden sich auf den S. 374 f.