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Rede des Lehrers Kantorek


"Hört ihr nicht den Marschtritt unserer wehrhaften Soldaten? Hört ihr nicht die Marschmusik? Ist das nicht ein herzerhebendes Gefühl?

Wenn ich jung wäre wie ihr, nichts könnte mich da halten. Und ich sehe es in euren Augen, dass auch ihr die Begeisterung spürt, den heißen Wunsch, euch einzureihen, mitzumarschieren Schulter an Schulter. Und dass dieser Wunsch euch beseelt, wer könnte das besser verstehen als ich, euer alter Lehrer.

Ich weiss wohl, frohe Zuversicht erfüllt euch, dass der Allmächtige unsere Waffen in dem uns frevelich aufgezwungenen Kampfe zum Siege führen wird. Das, meine lieben Schüler, ist es, das ist es, was wir jetzt tun müssen: zuschlagen mit unserer ganzen Macht. Gebt eure ganze Kraft, setzt alles ein, damit wir den Sieg erringen, noch bevor das Jahr zu Ende geht.
Ihr sollt wissen, wenn ich heute an euch appelliere, dass ich es schweren Herzens tue. Doch das Vaterland lebt durch euch. Ihr seid die eiserne Jugend Deutschlands. Ihr seid die strahlenden Helden, die den Feind zurückschlagen werden, sobald ihr dazu aufgerufen seid.
Doch es ist nicht an mir, euch zu sagen: Geht hinaus und folgt dem Rufe freiwillig, unser Vaterland zu verteidigen. Aber ich frage euch, ist dieser Gedanke nicht schon längst in euch? Ich weiß von einer Schule, wo eine ganze Klasse geschlossen aufgestanden ist und sich freiwillig gemeldet hat. Ich nehme doch an, keiner von euch würde es mir verübeln, stolz darauf zu sein, wenn solches nun auch hier geschieht.
Vielleicht gibt es Leute, die der Meinung sind, dass ich es euch nicht erlauben sollte, in den Kampf zu ziehen, weil ihr so jung seid, weil ihr ein Zuhause habt, Väter, Mütter, von denen man euch nicht wegreißen sollte. Aber denken eure Väter so wenig an unser geliebtes Vaterland, dass sie das Vaterland lieber opfern würden als euch? Sind eure Mütter so schwach, dass sie ihre Söhne nicht hinausschicken wollen, das Land zu verteidigen, in dem sie geboren wurden? Nun und schließlich: Ist denn die Erfahrung des Kampfes etwas Schlechtes für einen jungen Mann? Denkt doch nur an die Ehre, des Kaisers Rock tragen zu dürfen. Wenn unsere Mädchen und Frauen stolz sind auf jene, die diesen Rock tragen, ist das denn etwas, dessen man sich schämen müsste?

Glaubt mir, ich weiß, daß billig Lob für Heldentaten euch nichts bedeutet. Das brauchte ich euch nicht erst zu lehren. Vielmehr haben wir danach gestrebt, würdig zu sein für das, was man nun von uns verlangt. Und wenn es sein muss, in vorderster Linie gegen den Feind zu stürmen, für Kaiser, Gott und Vaterland, dafür bereit sein, das ist die wahre Tugend. Schon bald wird der Krieg vorbei sein, sicherlich ohne große Verluste. Aber wenn Opfer gebracht werden müssen, dann lasst uns an den lateinischen Satz denken, den so mancher römische Krieger auf den Lippen trug, als er auf fremdem Boden im Kampfe stand: Dulce et decorum est pro patria mori - Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben.

Manche von euch mögen ehrgeizige Wünsche haben. Ich kenne einen jungen Mann, der das vielversprechende Talent zum Dichter hat. Den ersten Akt einer Tragödie hat er bereits geschrieben. Seinem Lehrer würde es zur Ehre gereichen, wenn er - wie ich annehme - davon träumt, in die Fußstapfen von Goethe und Schiller zu treten.
Aber jetzt ruft euch unser Land. Das Vaterland braucht seine Söhne. Alle persönlichen Wünsche haben jetzt keine Bedeutung mehr für euch. Ihr müsst sie opfern - auf dem Altar des Vaterlandes. Man kann sein Leben nicht ruhmreicher beginnen. Das Feld der Ehre ruft Euch. Seid ihr immer noch hier? Du Kropp, was hält dich zurück? Und du Müller, weißt du nicht, wie sehr du gebraucht wirst? Ah, du wartest darauf, was euer Primus tut. Und ich, ich warte auch darauf, Paul Bäumer! Sage mir, was wirst du tun?

Paul Bäumer: Ich werde mich melden

Klassenkameraden: Ich auch! - Ich bin auch dabei! ....

(Wortlaut nach der deutsch synchronisierten Filmfassung von 1984)