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Carl Zuckmayer: Kriegsbegeisterung in Deutschland



Carl Zuckmayer (1896-1977)Es war Samstag, der erste August. In unserer Gegend, der Mainzer Neustadt, war es totenstill, kein Mensch und kein Fahrzeug auf der Straße, die Häuser wie ausgestorben. Aber von der Stadtmitte her hörte man, undeutlich und verworren, ein leises Brausen von vielen Stimmen, Gesang, Militärmusik. Ich lief in die Stadt. Je näher ich dem Schillerplatz kam, auf dem sich das Gouvernement der Garnison befand, desto dichter war das Gedränge: So ging es sonst nur zu, wenn an Fastnacht der Rosen- montagumzug erwartet wurde. Aber die Stimmung war anders. Obwohl man Rufen und Schreien und Lachen hörte, war in dem ganzen Getriebe eine zielhafte Geschlossenheit, nichts von müßiger Neugier, so als hätte jeder dort, wo alle hinströmten, etwas dringendes, unaufschiebbares zu tun. Mitten durch all die Menschen marschierten kleine Kommandos der Gouvernements-Wache, die an den Straßenecken noch druckfeuchte Plakate anschlugen, darauf stand in großen, weithin lesbaren Buchstaben:

"Seine Majestät der Kaiser und König hat die Mobilmachung von Heer und Marine angeordnet. Erster Mobilmachungstag ist der Zweite August."

gez. Wilhelm II. R

Sonst nichts. Wer damals dabei war, hat diesen Text nie vergessen. Da und dort traf ich Schulkameraden oder Freunde aus der Nachbarschaft, und auch das gehörte zu dem Unfasslichen: Wir sprachen kaum miteinander, wir berieten uns nicht, wir schauten uns nur an, nickten uns zu, lächelten: es war gar nichts zu besprechen. Es war selbstverständlich, es gab keine Fragen, keinen Zweifel mehr: wir würden mitgehen, alle.

Carl Zuckmayer: Als wär's ein Stück von mir. Frankfurt/M., S. 194 f (nach Ziegler, S. 121)