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Resümee: Der Film als "Orientierungsmedium"


Zielsetzung des Kurses war es, die gesellschaftlichen und politischen Kontinuitäten zwischen dem deutschen Kaiserreich und der Weimarer Republik herauszuarbeiten und deren Konsequenzen für den weiteren Verlauf der Entwicklung in der Weimarer Republik bis zum Faschismus in den 30er Jahren zu erörtern: Die Bedingungen, der Verlauf und die Folgen des Ersten Weltkrieges waren die Themenfelder, wobei insbesondere die Konsequenzen, die aus den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges gezogen wurden, zur Sprache kommen sollten.

Der Film IM WESTEN NICHTS NEUES wurde als eine Art "Orientierungsmedium" in den Mittelpunkt der Arbeit gerückt. Zunächst fand eine Auseinandersetzung mit der filmischen Darstellung der Kriegsereignisse statt, die in Beziehung gesetzt wurde zu anderen exemplarischen Darstellungen (Textquellen, Karten, Bilder).

Kernfragen der Arbeit waren:

  • Wie wird Krieg dargestellt? Was wird vom Kriegsgeschehen aus welcher Perspektive dargestellt?
  • In welcher Weise werden im Film die Kriegserfahrungen verarbeitet?
  • Welche Konsequenzen werden aus diesen Kriegserfahrungen gezogen, welche Perspektiven aufgezeigt?

Im weiteren Verlauf wurde anhand von schriftlichen Quellenmaterialien der politische Kontext behandelt.

Schließlich wurden Kritiken am Film (und am Buch) als Quellen behandelt. Die Auseinandersetzungen um das Buch/den Film sollten exemplarisch für die grundsätzlichen politischen Kontroversen am Ende der Weimarer Republik stehen:

  • Welche politische Bedeutung hatte die Auseinandersetzung um den Film am Ende der Weimarer Republik?
  • Welche Haltungen zum Kriegsgeschehen werden dabei deutlich?
  • Welche politischen Konsequenzen zogen diese Auseinandersetzungen nach sich?

Der Film hatte zentrale Bedeutung für diesen Kurs: In knapp der Hälfte der Stunden war er direkt oder indirekt Gegenstand der Arbeit. Die Sichtung des Films zog sich insgesamt über 5 Unterrichtstunden - 1 1/2 Wochen - hin: ein Vorgehen, welches an sich nicht anzustreben ist. Die geschlossene Präsentation eines Filmwerkes ist eigentlich anzustreben, um einen ungebrochenen Eindruck vom gesamten Film zu ermöglichen und Detailkritiken in den Gesamtzusammenhang einbetten zu können. In diesem Kurs, in dem zunächst die Darstellungsebene des Films im Mittelpunkt stand, wurde aber bewusst erprobt, ob auch eine sequenzweise Filmsichtung Sinn macht: Das Vorgehen führte zu einer unmittelbareren Präsenz der Eindrücke in den direkt folgenden Gesprächen, die sich allerdings zunächst immer nur auf Filmteile beziehen konnten. Die Befürchtung, dass deswegen die "Qualität" des Films nicht so deutlich werden würde, trat nicht ein, wie auch in der vergleichenden Diskussion zu WESTFRONT 1918 deutlich wird. Eine Gesamtreflexion des Films bleibt auch bei sequenzweiser Sichtung und Besprechung notwendig, der Vergleich mit einem anderen Film vertieft die Eindrücke und Reflexionen.

Hilfreich für ein nachträgliches Filmgespräch (Gesamtreflexion) sind die Szenenfotografien der Bildtafel. Diese Bilder verknüpfen die Bilder im Kopf mit denen im Film und erleichtern, sich an wesentliche Aspekte der filmischen Darstellung zu erinnern.

Es hat sich gezeigt, dass die retrospektive filmische Darstellung von Kriegsereignissen einen Zugang zur Auseinandersetzung mit den historischen Geschehnissen von 1914 bis 1918 ermöglichte, bei dem emotionale Dimensionen der Beschäftigung mit Geschichte betont wurden. Über den Vergleich mit anderen Darstellungen (Textdarstellungen und -quellen, Bildern, Filmen) konnte insbesondere der Frage nachgegangen werden, wie jeweils Krieg gesehen bzw. bewertet wird, wie Problemstellungen und prozessuale Entwicklungen verdichtet werden und damit Geschichte "konstruiert" wird. Zugleich konnte darüber nachgedacht werden, wie authentisch die jeweilige Darstellung ist und aus welcher Perspektive sie erfolgte. Über die Auseinandersetzung mit diesen verschiedenen Perspektiven fand zugleich eine Kritik der Quellen und Darstellungen statt, wie auch eine Reflexion der eigenen Stellung zum historischen Geschehen und zur Arbeit selbst.

Als Primärquelle wurde der Film aufgrund seiner Produktions- und Rezeptionszeit am Ende der Weimarer Republik in den Zusammenhang der politischen Auseinandersetzungen dieser Zeit gestellt. Welche gesellschaftlichen und individuellen Erfahrungen werden reflektiert? Welche Werte und Normen werden propagiert bzw. kritisiert oder verworfen? Roman und Film, und vor allem deren Rezeption, wurden genutzt, um auf zentrale kollektive Bewusstseinselemente, die Ausdruck auch politischer Machtverhältnisse gewesen sind bzw. mit der politischen Entwicklung in einem dialektischen Verhältnis (Wechselwirkung) stehen, zu verweisen.

Eine derartige Arbeit erforderte allerdings, dass der Auseinandersetzung mit dem Film viel Zeit zugestanden wurde und damit die Vermittlung von "Stoff" auf ein für die Behandlung des Kursthemas notwendiges Minimum reduziert werden musste. Außerdem hat es sich als erforderlich erwiesen, die konkrete inhaltliche Planung so offen zu halten, dass Fragen und Vertiefungswünsche, die erst aus der Arbeit heraus entstanden, einbezogen werden konnten: Nur die Grundstruktur und -fragen des Kurses standen fest, die Details und den konkreten Verlauf konnten die Schüler mitbestimmen.

Ein wichtiger Abschnitt im Verlaufe des Kurses war die 9. Stunde, in der bei den Schülerinnen und Schülern das Bedürfnis entstand, den Paradigmen- bzw. Perspektivwechsel (sowohl die Art der Quellen und Darstellungen wie auch die inhaltlichen Aussagen betreffend), der die inhaltliche Arbeit kennzeichnete zu besprechen. Ergebnis dieses Gesprächs war die Forderung, diesen Wechsel als durchgängiges Prinzip beizubehalten. "Warum ist das nicht immer so gewesen, Geschichtsunterricht kann ja richtig spannend sein" war eine Schüleräußerung im Verlaufe der Diskussion. Im Kurs kam es also - zumindest in Ansätzen - zu einer Metakommunikation über den Unterricht: Über die Fragen nach Zugängen zur historischen Realität, nach der eigenen Betroffenheit und nach den "Qualitäten" unterschiedlicher Quellen und Darstellungen. Der Film, der in starkem Maße Emotionen hervorrief, also auf die affektive Ebene zielte, hatte diese Verknüpfung von eigener Betroffenheit und kognitivem Interesse kommunizierbar gemacht und zugleich über die sinnliche Erfahrung auch sogenannten schwächeren Schülern einen Zugang zu historischen Fragestellungen erleichtert. (Bestätigt wird diese Einschätzung durch die Ergebnisse der ersten Klausur: Der ganze Kurs hat insgesamt um fast eine Notenstufe besser geschrieben.)

Der Film war z. T. "Ersatz" für lebensgeschichtlich - glücklicherweise - nicht mögliche unmittelbare Erfahrung. Die Möglichkeit der Identifikation mit handelnden Personen öffnete "Einblicke" in eine sonst verschlossene Welt - vermittelt über literarische Texte ist eine solche Öffnung vielleicht auch möglich, wie Äußerungen von Schülerinnen und Schülern, die in einem Deutschkurs den Roman bereits gelesen hatten, offenbarten, sicher aber nicht über traditionelle politikgeschichtliche Quellen. Vielleich ist es möglich, dass Schüler über eine Arbeit mit dem Medium Film wieder eine Art Sensorium für politische Interessen und für kollektives politisches Verhalten entwickeln?

Zusammenfassend lässt sich vielleicht festhalten:

Spielfilme haben vor allem im Rahmen von Reflexionsprozessen Bedeutung - auch in Lernphasen, in der die Beschäftigung mit der jeweiligen filmischen Darstellung im Mittelpunkt steht. Hier entfalten sie ihre besonderen kommunikativen Qualitäten.