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Stunde 6: Die verlorene Generation


Ausgangspunkt des Gesprächs war noch einmal die schon von den Schülern geäußerte Erkenntnis, dass sie die psychische Belastung der Menschen im Krieg zwar wahrgenommen hätten, aber nicht "nachvollziehen" könnten. Nachvollziehen konnten sie jedoch die im Film vorgestellte Konfliktstruktur:

wir hier vorn - ihr da hinten

wir hier unten - ihr da oben

Sehr nahe gingen den Schülerinnen und Schülern die Erlebnisse Bäumers während seines Heimaturlaubs:

  • Das Unverständnis, auf das er in der Heimat stößt und seine Unfähigkeit, sich in der Klasse mitzuteilen, riefen besondere Betroffenheit hervor. Die Schülerinnen und Schüler versetzten sich dabei in erster Linie in die Position der jüngeren Schüler.
  • Die "Argumentation" der "Stammtischkrieger" war für die Schülerinnen und Schüler ein weiteres Indiz dafür, dass viele Menschen in Deutschland, zumal die "ideologisch Verblendeten", für die Wirklichkeit des Kriegsgeschehens gar nicht zugänglich waren.
  • Die Naivität der Mutter ihrem Sohn gegenüber erschreckte die Schülerinnen und Schüler. Dieses Verhalten mache aber auch deutlich, wie gering das Verständnis der Menschen für die Kriegsrealität gewesen sei. Bäumers Konsequenz, nach diesen Erfahrungen an die Front zurückzukehren, war für die Lerngruppe verständlich.

Der Film hat insgesamt starke emotionale Reaktionen bei den Schülerinnen und Schülern hervorgerufen, die bis zu Tränen reichten. Ein Mädchen erinnerte die in einer Unfallsituation selbst erfahrenen eigene - kurzzeitige - Todeserfahrung. Sie habe darüber nachgedacht, wie es wohl sei, diese Todesangst als Dauererfahrung erleben zu müssen. "Das kann man doch eigentlich gar nicht aushalten, was die da über Monate ausgehalten haben!" war ihr Fazit. Zugleich betonte sie, und knüpfte damit an Äußerungen über die nicht nachvollziehbare psychische Belastungssituation der Soldaten an: "Das ist eigentlich nicht vermittelbar, was dort in mir vorgegangen ist".

In das Gespräch flossen eigene Erfahrungen ein, die die Schülerinnen und Schüler bei Gesprächen in der Familie/Verwandschaft über Krieg und Kriegserfahrungen gemacht hatten: Zumeist wurde in der Familie wenig oder überhaupt nicht über Krieg gesprochen. Wenn dies der Fall war, wurde sehr viel über besondere Kriegserlebnisse berichtet, aber die tiefe psychologische Bedeutung der Kriegserfahrung oder gar die - nicht sichtbaren - Verletzungen, die dadurch hervorgerufen worden sind, wurden in keinem Fall deutlich und waren somit auch nicht kommunizierbar. Eine Schülerin berichtete beispielsweise davon, dass sie sich bisher gegen Erzählungen ihres Großvaters gesträubt hätte, sich nicht für dessen Geschichten bzw. Erlebnisse interessiert habe. Dieser Film aber ("der war gut!") habe ihre Einstellung verändert, nur sei jetzt ein Gespräch mit dem Großvater leider nicht mehr möglich.

Die Lerngruppe betonte, dass der Film wichtig dafür sei, gerade diese tiefgreifenden psychischen Verletzungen in den Blick zu bekommen und kommunizierbar zu machen.

Besonders wichtig für die Schüler war die Gegenüberstellung von Kantorek und Bäumer und ihr Verhältnis zum Krieg, ihre jeweiligen Reden vor der Klasse ( Rede Kantoreks / Rede Bäumers) . Der Film wurde als Aufforderung verstanden, Agitation zu durchschauen: "Man soll Propaganda nicht aufsitzen ". Insofern sei der Film auch Dokument für "die Macht der Agitation".

Die Schülerinnen und Schüler betrachteten den Film insgesamt als eine beeindruckende Darstellung des Kriegsgrauens und stellten schließlich ihr Resümee des Films unter die Überschrift "Die verlorene Generation":

  • Film und Buch wollen "ein Sprachrohr der Sprachlosen" sein
  • Man kann die Unmenschlichkeit der Situation kaum verstehen: Im Krieg verlieren alle!

Es ist kaum vorstellbar, dass die Menschen - sofern sie den Krieg überlebt hatten - nach solchen Erfahrungen überhaupt "ins Leben" zurückkehren konnten. "Im Alltag müsse wohl ein "formales Korsett" umgebunden worden sein, an die Seele aber hätte niemand mehr herankommen können!" lautete die Formulierung einer Schülerin dazu.

Auf die eigenen Person bezogen, kam die Lerngruppe zu dem Fazit:

  • Man muss versuchen, wenn man mit anderen kommunizieren will, sie erst einmal überhaupt zu verstehen, ihre Beweggründe zu erfahren.
  • Auch wenn die Großeltern nicht über Krieg reden, werde ihre lebenslange Betroffenheit/Bedrückung an vielen Details bemerkbar:
    z. B. die typische Reaktion auf die kindliche Anfrag "Ich habe Hunger!" - "Warte, wir haben auch nichts bekommen!"