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Stunde 7 und 8: Militärische Begründungen für und Strategien im 1. Weltkrieg


Perspektivwechsel

In der 7. und 8. Stunde wurde ein Perspektivwechsel vorgenommen, wobei Ausgangspunkt dafür Überlegungen zum Verhältnis des Films zu den "wirklichen" historischen Ereignissen waren:

Der Film muss als dramaturgisch verdichtete Darstellung von Krieg und Kriegsalltag aus der retrospektiven Perspektive der einfachen Frontsoldaten angesehen werden. Er erzählt seine Geschichte aus der Sicht "von unten". Es stellt sich die Frage: Wie sah die militärische Führung das Geschehen (Sicht "von oben")?

Der Film sagt nichts über die Ursachen des Krieges, auch nichts über Begründungen der militärischen Führung für den Krieg und für die im Krieg angewendete Strategie. Wie sahen diese aus? Der Film vermittelt keine "Lösungsvorstellungen", wie Krieg vermieden werden könne - die hilflos-naive "Lösung" von Tjaden kennzeichnet eher das Erspüren der gesellschaftlichen Hierarchie und Herrschaft (das "wir hier unten - ihr da oben") - und weist damit auch nicht auf mögliche gesellschaftspolitische Konsequenzen hin. Was waren die Ergebnisse dieses Krieges?

Die Beschäftigung mit diesen Fragen sollte überleiten in eine Beschäftigung mit den gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen bei Kriegsende und zu Beginn der Weimarer Republik. Mit diesem Perspektivwechsel wurde die Arbeit am Film in eine Auseinandersetzung mit der politischen Geschichte vom Erstem Weltkrieg bis zum Ende der Weimarer Republik eingebettet.

Es wird im folgenden nur der Beginn dieser Kursphase beschrieben, in der die Arbeit mit Textquellen unmittelbar in Beziehung zur filmischen Perspektive gesetzt wurde. Die Beschreibung des weitere politikgeschichtlich orientierten Ablaufs des Kurses unterbleibt Zunächst fand eine Auseinandersetzung mit den strategischen Überlegungen des Chefs des Generalsstabs des Feldheeres, General Erich von Falkenhayns, statt. Die Schülerinnen und Schüler erfassten auf den ersten Blick, dass der General den Krieg aus einer völlig anderen Perspektive sah - und zugleich: dass der Film "erlebbar" gemacht habe, was es hieß, in der "Saugpumpe" drinzustecken.


Die Schülerinnen und Schüler wandten sich dann der Frage zu: Welche Perspektive/Sichtweise des Kriegsgeschehens - die von Remarque (die des Films) oder die von von Falkenhayn - ist "richtig"? Emotional neigten sie der filmischen Sichtweise zu, stellten dagegen aber die Feststellung, dass ein General in seiner Position wohl gar nicht anders argumentieren - und dann auch handeln - könne: Das "Kriegshandwerk" verlange derartiges Denken!? Die Problematik wurde erweitert um die Frage nach der politischen Verantwortung für das Geschehen: Womit kann man das Verhalten General von Falkenhayns rechtfertigen? Welches sind die Motive gewesen: Kalkül, Willkür oder (Sach)zwang?

Ein kurzer Lehrervortrag über militärpolitische Strategien seit 1890, der schließlich zu einer Analyse des sogenannten Schlieffen-Plans führte, und die Kenntnisnahme des Kriegsverlaufs anhand einer tabellarischen Übersicht (M 14), vermittelten ein Grundgerüst an Kontextwissen, um die veränderten strategischen Absichten beurteilen zukönnen. Ergebnis: Das Scheitern des ursprünglichen Strategie führte zum - im Film im Mittelpunkt stehenden - Stellungs- und Grabenkrieg. Indem von Falkenhayn Festungen angreifen lässt, greifen andere strategische Überlegungen platz, die - wohlkalkuliert - 350.000 Tote einplanen :

  • Warum macht die militärische Führung trotz des strategischen Scheiterns weiter?
  • Wer trägt dafür die Verantwortung?

Zur Beantwortung dieser Fragen wurde zurückgegriffen auf eine Untersuchung der deutschen Begründungen für den Krieg: Was hatte die politischen Eliten im Kaiserreich bewogen, den Krieg zu führen? Anhand zweier Quellentexte (M 10 und M 12) wurde die Motivkonstellation herausgearbeitet:

  • Annahme einer Bedrohung von außen, der vorzubeugen war
  • Wahrnehmung der Destabilisierung der tradierten Machtpositionen durch die politsche Opposition im Inneren, der begegnet werden sollte

Den Schülerinnen und Schülern wurde in diesem Zusammenhang auch ohne ausdrückliche Thematisierung deutlich: Der Mord in Sarajewo war nur Anlass, nicht Ursache des Ersten Weltkrieges.

Indem die politischen Begründungen in Beziehung gesetzt wurde zum Verhalten der militärischen Führung im Krieg konnte auf die Ausgangsfrage zurückgekommen werden: Eine äußere Bedrohung vorausgesetzt, wurde die militärische Gegenwehr als legitim angesehen - wenn diese Bedrohung real vorhanden gewesen sei. Der Versuch der Bewahrung der politischen Macht durch einen gewollten Krieg wurde als ein Interessenstandpunkt einer Minderheit gegen das Volk gewertet und als verwerflich bezeichnet. Von da ausgehend, waren die Verluste einkalkulierende Strategie Ausdruck einer inhumanen, an der eigenen Machterhaltung orientierten Interessenpolitik.