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Der Produzent


Carl Laemmle (1867-1939) Erich Maria Remarques Roman war noch kein internationaler Bestseller geworden, als der gebürtige Ungar und Regisseur Paul Fejos den deutschstämmigen Präsidenten der Universal Pictures Corporation
Carl Laemmle
(am 17. Januar 1867 in Laupheim bei Ulm geboren) auf den Roman Remarques als Filmstoff aufmerksam machte. Fejos, der als Sanitäter am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte, war später emigriert und stand bei der Universal unter Vertrag. Laemmle nahm diesen Tip 1929 mit auf seine jährliche Transatlantikreise nach Deutschland und erwarb die Rechte. Der Hollywoodpionier und Eigner der größten Filmstadt der Welt, Universal City, hatte beste Erfahrungen mit schockierend realistischen Filmen gemacht. Laemmle hatte 1913 SEELENHANDEL (TRAFFIC IN SOULS), einen Film über Mädchenhandel, produziert, dessen Geschichte auf einem Report über Prostitution basierte. Der Film zeigte erstmals ein Bordell von innen, kostete 5 700 US-Dollar und brachte 450 000 Dollar ein. Ein Erfolg war auch 1916 WO SIND MEINE KINDER (WHERE ARE MY CHILDREN). Der Film behandelt ein heikles Thema, er war zwar gegen Abtreibung, befürwortete jedoch die Geburtenkontrolle. Dass sich Realismus im Film bezahlt macht, wusste also der Filmfabrikant Laemmle. als er den Stoff von IM WESTEN NICHTS NEUES einkaufte. Es war ein Grund für die Forcierung des Projekts.

Ein anderer Grund lag 13 Jahre zurück, als die USA am 6. April 1917 in den Ersten Weltkrieg eingetreten waren. Laemmle, der deutschstämmige Jude, durfte im kriegshysterischen Hollywood nicht in den Verdacht geraten, mit seinen ehemaligen Landsleuten zu fraternisieren. Er produzierte daher u. a. die stärksten antideutschen Propagandafilme. Der Cartoonist und Trickfilmzeichner Windsor McCay ("Little Nemo") war angeheuert worden, "eine historische Aufzeichnung von dem Verbrechen zu machen, das die Menschheit entsetzte", nämlich dem Abschuss des Luxusliners "Lusitania" durch das deutsche U-Boot "U 20". Der Film von 1918 hieß DER UNTERGANG DER LUSITANIA (THE SINKING OF THE LUSITANIA). Zu diesem Zeitpunkt hatte der Krieg Hollywood erfasst, Stars wie Mary Pickford, Douglas Fairbanks und Charlie Chaplin warben bei Massendemonstrationen gegen Kaiserdeutschland für Kriegsanleihen. Chaplin produzierte im gleichen Jahr die Militärklamotte DAS GEWEHR ÜBER (SHOULDER ARMS, 1918). Ein anderer Propagandafilm Laemmles karikierte den Deutschen Kaiser Wilhelm II., DER KAISER - DIE BESTIE VON BERLIN (THE KAISER - BEAST OF BERLIN, 1918). Er machte den kriegswütenden Potentaten zum Gespött für das amerikanische Publikum. Dieser Film war ein solcher Erfolg, dass andere Filmfirmen gleich noch drei Kaiser-Filme nachschoben. Laemmle erkannte damals, dass man mit den "Krauts" oder "Hunnen" beim Publikum auf Interesse stößt, und zog mit dem Film HERZ DER MENSCHLICHKEIT (HEART OF HUMANITY; 1919) nach. Dieser Film war eine Imitation des Griffith-Films HERZ DER WELT (HEART OF THE WORLD; 1918), für den Griffith vor Ort in den Schützengräben der Westfront recherchiert hatte und bei dem Erich von Stroheim die Regieassistenz übernahm. Bei Griffith war es eher ein Liebesfilm mit Lillian Gish und brutalen deutschen Landsern. Laemmle dagegen zeigte die Wahnsinnstat eines deutschen Offiziers. Dieser "Hunne" wurde von dem Hyperrealisten und späteren Universal-Regisseur Erich von Stroheim gespielt, der im Film eine Rotkreuzschwester vergewaltigen will und dabei ein störendes Kind zum Fenster hinauswirft. Das waren Filme, die auch in Deutschland diskutiert wurden und die Laemmle dort nicht nur bei den Deutschnationalen und Chauvinisten unbeliebt gemacht hatten.


Laemmle wusste also, auf was er sich mit der Verfilmung von "Im Westen nichts Neues" eingelassen hatte. Bei seiner Rückkehr aus Europa sagte er in der "New York Times" vom 6. Oktober 1929: "Das Sentiment der Nationalsozialisten ist so stark gegen dieses Buch, dass uns eine der größten Theaterketten Deutschlands zu verstehen gab, sie wollten nichts mit der Vorführung eines solchen Filmes in ihrem Land zu tun haben."

nach: Hans Beller: Gegen den Krieg - Im Westen nichts Neues im Begleitheft zum Medienpaket