Diese Seite drucken

Neutrale Berichterstattung


Der Kampf um den Remarque-Film.  Vorführung gewaltsam verhindert!

KampfartikelWährend am Donnerstag, wie der "Film-Kurier" berichtete, der Remarque-Film "Im Westen nichts Neues" ohne Störung und ohne jede Opposition mit stärksten Eindrücken abrollte, kam es gestern zu heute in der gesamten Morgenpresse wiedergegebenen Protesten und Skandalen - eine Art praktischer Demonstrierung zu der Kritik am Remarque-Film, die sich vor diesem Werk in zwei Fronten geteilt hat. Wir nennen die "Germania", die "Deutsche Allgemeine Zeitung", "Berliner Börsen-Zeitung", die neben den Scherl-Blättern - von der nationalsozialistischen Presse ganz abgesehen - in schärfster Form gegen den Film protestieren, mit den gleichen Argumenten, die die Kleine Anfrage der Deutschnationalen Volkspartei charakterisieren. Zu der Darstellung der Vorgänge wird nach den polizeilichen Ermittlungen mitgeteilt, dass die Anzahl der Demonstranten in Wirklichkeit nur 40 bis 60 betragen habe. Nun, das mögen Nuancen der Kriegsberichterstattung sein - der ungeheure Protest und die Störung der Vorführungen mit riesigem Polizeiaufgebot bleiben ebenso bestehen wie die außerordentlich heftigen Proteste der genannten Presse. Die gestrigen Zwischenfälle haben begreiflicherweise nicht nur die Deutsche Universal und den Mozartsaal, sondern darüber hinaus Polizeipräsidium, Preußisches Ministerium und Reichsinnenministerium beschäftigt. Der Polizeipräsident hat in den Vorgängen keinerlei Anlass gefunden, die Vorführung zu verhindern. Im Gegenteil. Am heutigen Sonnabend nehmen die Vorführungen im Mozartsaal unter stärkstem Polizeischutz ihren Fortgang. Wir erfahren noch, dass beabsichtigt ist, am Dienstag in Berlin sowohl die englische wie die französische Fassung des Films der Presse vorzuführen. Dieser Beschluss ist begrüßenswert. Die Auswirkung der planmäßigen, mit langer Hand vorbereiteten politischen Aktion gegen den Remarque-Film ist naturgemäß nicht abzusehen, da nicht feststeht, ob und in welchem Umfange sich Demonstrationen im Kino wiederholen. Die gestrige Nachmittagsvorführung vor den Theaterbesitzern hinterließ, wie uns berichtet, wieder starke Eindrücke.

Der Verlauf der Zwischenfälle: Der Film "Im Westen nichts Neues", gegen den schon vor der Premiere in einem großen Teil der Rechtspresse protestiert worden ist, gab am Freitag Anlass zu wüsten Tumulten im Berliner Mozartsaal. Von nationalsozialistischer Seite waren im Vorverkauf einige hundert Eintrittskarten erworben worden. Bald nach Beginn der Vorführung begann dann die gut vorbereitete Aktion gegen den Film. Es begann mit nationalistischen und antisemitischen Zwischenrufen, es wurden Stinkbomben geworfen und weiße Mäuse ausgesetzt. Es waren mehrere nationalsozialistische Reichstagsabgeordnete anwesend, so Dr. Goebbels und Pfarrer Münchmeyer, die ihre Anhänger durch Zurufe aufmunterten und den Skandal dirigierten. Die Vorführung musste schließlich unterbrochen werden. Es kam zu Schlägereien mit Besuchern, die sich gegen den Terror wandten. Die inzwischen herbeigerufene Polizei musste den Saal gewaltsam räumen. Die Demonstranten hatten dann noch die Unverfrorenheit, ihr Eintrittsgeld wegen Abbruch der Vorstellung zurückzufordern, sie zerschlugen eine Scheibe der Kasse und bedrohten die Kassiererin. Auf dem Nollendorfplatz nahmen die Demonstrationen ihren Fortgang. Die Direktion des Mozartsaals sah sich genötigt, die 9-Uhr-Vorstellung ausfallen zu lassen.

Wie die TU. erfährt, beabsichtigt die Reichsregierung, einen Gesetzentwurf einzubringen, der die Filmprüfstelle verpflichtet, in Zukunft bei der Beurteilung ausländischer Filme nicht nur die vorliegende, für Deutschland bestimmte Fassung zu berücksichtigen, sondern auch die Fassungen, die im Ausland gezeigt werden. Dieses Gesetz soll der Filmprüfstelle eine ihr bisher fehlende gesetzliche Handhabe gegen solche Filme bieten, die im Ausland in hetzerischer, in Deutschland aber nur in harmloser, aller anstößigen Stellen entkleideter Fassung gezeigt werden.

Film-Kurier, Nr. 288, 6.12.1930



Im Westen doch was Neues

Bewohner der an den südlichen Zipfel von Holland, die Provinz Limburg, angrenzenden deutschen Gebiete werden eingeladen über die Grenze nach Venloo zu kommen, wo die niederländische Premiere des für das Ansehen Deutschlands im Auslande so gefährlichen Remarque-Film stattfinden soll. Sonst reisen Bewohner der holländischen Grenzprovinz gern in Extra-Omnibussen nach Deutschland hinüber, um hier Filme zu sehen, die ihnen ihre katholische Sonderzensur verbietet. Jetzt können umgekehrt deutsche Kinos in Grenzorten einmal einige ihrer Kunden an die Holländer abgeben. Die sozialdemokratische Partei ist hier auf einen originellen Einfall gekommen: sie veranstaltet am kommenden Sonntag Sonderfahrten mit Omnibussen nach Straßburg, wo die Fahrtteilnehmer den in Deutschland verbotenen Remarque-Film "Im Westen nichts Neues" besichtigen. Die Rückfahrt erfolgt noch am selben Abend. Auch aus der Schweiz wird ein Riesenandrang von Reichsdeutschen durch die Kinos gemeldet, die den Remarque-Film spielen.

Film-Kurier, Nr. 6, 8.1.1931



Reichstagsdebatte um Remarque.
S.P.D.-Antrag auf Aufhebung des Verbotes.

Der starke Protest, auch in den eigenen Reihen, wegen der Ablehnung des kommunistischen Remarque-Antrags im Haushaltsausschuss hat die S.P.D. veranlasst, einen offensichtlichen Fehler, der schwere psychologische Folgen haben würde, zu korrigieren. Die sozialdemokratische Fraktion hat im Reichstag nunmehr folgenden Antrag eingebracht, der die Aufhebung des Remarque-Verbotes zum Ziele hat. "Der Reichstag hält das Verbot des Films 'Im Westen nichts Neues' sachlich für nicht begründet. Er erwartet von der Reichsregierung, dass diese alle Vorbereitungen trifft, um die Prüfung des Bildstreifens zu beschleunigen, wenn dieser durch den Hersteller erneut vorgelegt wird. Ferner: der § 2 des Lichtspielgesetzes erhält folgende Fassung: Bildstreifen gegen deren unbeschränkte Vorführung Versagungsgründe aus § 1 vorliegen, sind zur Vorführung vor bestimmten Personenkreisen oder unter beschränkenden Vorführungsbedingungen zuzulassen."

Im Reichstagsplenum gab es gestern bei der Kulturdebatte auch einen heftigen Kampf um das Für und Wider des Remarque-Verbotes. Der sozialdemokratische Abgeordnete Schreck-Bielefeld führte folgendes aus: "Auf das schärfste verurteilen wir auch das Verbot des Films 'Im Westen nichts Neues'. Wir können uns des Verdachtes nicht erwehren, dass diese Kammer der Oberprüfstelle nicht ordnungsgemäß zusammengesetzt war. Die Presse hat man nicht zugelassen, weil sie angeblich über die Verhandlung vor der ersten Kammer nicht objektiv berichtet habe! In Wahrheit ist das Verbot eine Verbeugung vor dem Gassenterror, gegen den die Staatsgewalt sich nicht durchgesetzt hat. Man behauptet, dass der Film das deutsche Ansehen schädige, aber wohl niemals ist durch einen Film das deutsche Ansehen so geschädigt worden, wie durch dieses Verbot. (Sehr wahr!) Himmelsstöße hat es in allen Armeen gegeben, nicht nur in der deutschen. In seiner großzügigen Anlage und seiner nackten Wahrhaftigkeit kann aber dieser Film nur Sympathien für die deutschen Weltkriegssoldaten im Auslande werben. Man hat daran Anstoß genommen, dass junge Soldaten die Nerven verlieren, zu weinen anfangen und nach der Mutter rufen. Wer sich darüber entrüstet, der weiß entweder nicht, dass solche Äußerungen der Angst und des Schreckens auch im bürgerlichen Leben vorkommen, oder er ist ein Heuchler. (Sehr gut! links.) Der Reichsinnenminister sollte dahin wirken, dass wahrheitsgemäße Gutachten vorgelegt werden, die zu einer Aufhebung des Verbotes führen: er kann das um so mehr tun, als die Zentrumspresse von dem Verbot stark abgerückt ist. Zehntausende Deutsche, die an den Grenzen wohnen, fahren ins Ausland, um diesen Film zu sehen und lassen deutsches Geld dort. Gerade dieser Film und ähnliche, die ihm vielleicht folgen, müssten der deutschen Jugend vorgeführt werden, damit sie das fürchterliche Elend des Krieges auf diese unblutige Weise kennenlernt." Abg. Petzold (Wirtschaftspartei) betonte, dass er am Remarque-Film nichts gefunden habe, was das Verbot verlangt. Aber die Staatsautorität fordere, ein einmal ausgesprochenes Verbot auch anzuerkennen. Abg. von Kardorff (Volkspartei) weist zum Verbot des Films "Im Westen nichts Neues" darauf hin, dass wir ein seelisch wundgeriebenes Volk seien und dass wir dieser Tatsache Rechnung tragen müssen. Der Film habe unzweifelhaft eine pazifistische Tendenz. Ein zu weitgehender Pazifismus sei aber geeignet, auch die letzten Reste unseres Wehrwillens zu ertöten. Deshalb werde man die Entscheidung des Ministers in der Verbotsfrage begrüßen können. Ruhe und Ordnung sei mehr wert, als dass dieser oder jener Film laufe. (Zuruf links: Also doch Verbeugung vor der Straße!) Abg. Mumm (Chr. Soz.) verlangt, dass ausländische Filme, die das deutsche Ansehen schädigen, auch nach Ausmerzung dieser Stellen nicht in Deutschland zugelassen werden. Abg. Külz (Staatspartei) erklärt, ihm scheine das Verbot nicht berechtigt, da der Film nicht als eine Verunglimpfung der deutschen Armee aufgefasst werden könne. Es befremde aber, dass der Dichter die ihn so beherrschenden Erlebnisse der Verfilmung preisgegeben (?) habe. Wenn aber die Gasse Zensur ausüben könne, dann sei es aus mit Deutschland als Kulturstaat. Bemerkenswert ist, dass der Zentrums-Redner Dr. Schreiber mit keinem Wort auf die Remarque-Angelegenheit, die von sämtlichen anderen Rednern behandelt wurde, eingegangen ist.

Film-Kurier, Nr. 52, 3.3.1931