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Ablehnende Berichterstattung


Kommentar der Zeitschrift "Germania" (Organ der Zentrumspartei)

[...] Das Bild aber, dass der Film vom deutschen Soldaten an der Front zeichnet, ist eine Beleidigung nicht nur der Millionen Toten, die ihre Treue und selbstlose Hingabe an das Vaterland mit dem Tode besiegelt haben, sondern überhaupt aller derer, die aus einer tief ethischen Grundhaltung heraus den schweren, tragischen Dienst mit der Waffe auf sich genommen haben. Wir behaupteten beim Erscheinen von Remarques Kriegsbuch, dass so, wie er den deutschen Soldaten schildert, die große Mehrzahl von ihnen nicht gewesen ist. Die Menschen bei Remarque - und in diesem Film wirkt das noch krasser, sind keine Menschen mehr mit Leib und Seele, sondern seelenlose Schemen, einzig und allein auf ihres Leibes Notdurft, auf Fraß und Suff bedachte Wüstlinge, die an allen Gliedern schlottern. Sobald sie im Graben liegen oder das Granatfeuer über sich ergehen lassen müssen. So hat der deutsche Soldat auch im Herbst 1918 nicht ausgesehen, als die Zermürbung rapide vorgeschritten war.

Germania, 5.12.1930



Kommentar der "Berliner Börsenzeitung"

[...] Aber haben wir es überhaupt nötig, Kriegsfilme, in deren Mittelpunkt deutsches Weltkriegsgeschehen steht, aus Amerika zu beziehen, von einem Amerikaner, der vermutlich niemals Deutschland, geschweige denn den Weltkrieg gesehen hat, inszeniert und von den amerikanischen Schauspielern und Komparsen dargestellt, - haben wir das wirklich nötig? Denn das ist doch von vornherein klar, dass die Amerikaner, selbst wenn die Verfilmung in unserem Sinne erfolgt wäre, uns auf diesem Gebiet niemals Letztes geben können, weil sie die Besonderheit der deutschen Seele, wie sie im Weltkriegsgeschehen ihren Ausdruck fand, unmöglich wiederverkörpern können... Aber von alledem weiß ein Film wie dieser nichts, und davon in diesem Zusammenhang sprechen, bedeutet soviel, wie einem Blinden von der Farbe zu erzählen. Es sind eben zwei verschiedene Welten. Die hier in tendenziös übersteigerter Einseitigkeit wiedergegebene lehnen wir ab. Es gibt heute noch ein Deutschland, dem das Weltkriegsgeschehen mit all seinen Schrecknissen als schwerste Prüfung und Läuterung eines Volkes heilig ist und das an das so oft missbrauchte Wort von der großen Zeit glaubt; Frontsoldaten, denen das Kriegserlebnis zu den heiligsten Erinnerungen gehört. Für alle diese ist solch ein Film eine unerhörte Beleidigung, die wir uns nicht bieten lassen sollten.

Berliner Börsenzeitung, 5.12.1930



Front-Erlebnis

"Im Westen nichts Neues" ist angelaufen. In seinen Kernteilen bringt der Film den Sturm auf Grabenstücke der Gegner (was im Westen nichts Neues war). Das "Front-Erlebnis", jenen in der Restaurationszeit seit 1919 gewachsene neue Begriff, für den die nationale Bewegung des jüngsten politischen Deutschland sich einsetzt. Die Schlacht-Entfesselung, die unentrinnbare Stunde des Frontkampfes, ist im Tonfilm wiedererstanden. Ein Ernst Jünger hat es in seinem "Antlitz des Weltkrieges" nicht anders gesehen. Gegen diesen Front-Geist kontrastiert in Laemmles Werk die Remarque-Mentalität. Das ist der Widerspruch in diesem Film, vielleicht könnten ihn aber darum gerade in Deutschland beide Fronten unseres Volkes nebeneinander hören und sehen. (Anm.: So schrieb ich gestern abend vor den Ereignissen im Berliner Mozartsaal. Ich sehe keine Veranlassung, diese Anschauung nach den Ereignissen zu retuschieren.) Mit Recht wurde (z.B. durch H. Sinsheimer) darauf aufmerksam gemacht, dass diese Art Filme an sich heute dem Friedensgedanken nicht dienen. Heute ein rückwärts gewandter Pazifist zu sein, heute sein Gefühl und seine Tat von 1914, 1915, 1917, 1918 zu rationalisieren, zu analysieren und kritisieren - ist verlogen; und auch Flucht vor der Gegenwart. Ein Kriegsfilm, der heute zu drehen wäre, zeige das Grauen eines kommenden Jahrzehnts voraus, zeichne vor, wie nach diesem Krieg, der in seinen Anfängen ein Zögling des 19. Jahrhunderts war und in zwei, drei Jahren sich auf die grausige Höhe der Zerstörungstechnik neuester Forschungsergebnisse erhob, ein Krieg der gesteigerten Technik mit Gaswaffen, Ferngeschützen, Fliegerheeren, die schutzlose Weltstädte anfallen werde. Wenn er nicht (auch mit Hilfe solcher "Friedens"-Propaganda des Films) verhindert wird.

Film-Kurier, Nr. 288, 6.12.1930