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Diskussion in der Straßenbahn (Sequenz 19)

Zeitunglesender Fahrgast: „In Brasilien haben Sie 24 Millionen Pfund Kaffee verbrannt.“

Zufälliger Zuhörer: „Was haben die mit dem Kaffee gemacht?“

Zeitunglesender Fahrgast: „Verbrannt. Einfach verbrannt.“

Fahrgast #2: „24 Millionen Pfund Kaffee verbrannt? Das halt ich glattweg für ‘ne Verhetzung.“

Älterer Fahrgast: „Das hab ich auch gelesen. Aber das kann ich nicht glauben.“

Fahrgast #3: (überheblich) „Das sagt einem doch schon der gesunde Menschenverstand, dass sowas gar nicht möglich sein kann.“

Zeitunglesender Fahrgast: (liest vor) „Verbrannter Kaffee. Irrsinn der Weltwirtschaft. Hier – bitteschön. In St. Cruz, dem größten Kaffeehafen der Welt, lagert mehr Kaffee als die Welt fähig ist zu kaufen. Alles zusammen 12 bis 15 Millionen Sack – mehr als eine volle Jahresproduktion Brasiliens. Und da immer mehr Kaffee zu diesem Kaffee hinzukommt, lässt die Regierung den Überschuss verbrennen.“

Fahrgast #2: „Brauchen Sie gar nicht mehr vorzulesen! Den Käse kennen wir.“

Zeitunglesender Fahrgast (?): „Wir haben teuren Weizen und arbeitslose Industriearbeiter, während Argentinien teure Industriewaren hat und arbeitslose Landarbeiter – und das ganze heißt Weltwirtschaft und ist eine Affenschande.“

Arbeiter #1: „24 Millionen Pfund Kaffee verbrannt – das ist aber wirklich ‘ne Affenschande.“

Arbeiter #2: „Mit uns können sie‘s ja machen.“

Fahrgast #3: „Sehr richtig.“

Älterer Fahrgast: „Ich verstehe das Ganze nicht. Kaffee verbrennen, was soll denn das eigentlich für einen Zweck haben?“

Anni: „Das ist doch die reine Bosheit von den Leuten.“

Fritz: „Bosheit? Die sind nicht mal bösartig, wenn sie nicht hier-“ (Er reibt Daumen und Zeigefinger aneinander.)

Arbeiter #4: „Sie wollen die Herren wohl noch in Schutz nehmen, was? Sie finden das ganz in Ordnung, dass die den schönen Kaffee verbrennen?“

Fahrgast #3: „Erlauben Sie mal, das hat ja der Herr gar nicht gesagt. Der Herr hat ja ganz klipp und klar gesagt – was haben Sie noch gleich gesagt, Herr Nachbar?“

Hausfrau #1: „Wissen Sie, Kaffee darf nie kochen. Kaffee darf nie kochen. Wenn der Kaffee erst gekocht hat, isses aus mit dem Kaffee.“

Hausfrau #2: „Und dann, den Kaffee niemals in der Blechkanne ausschenken – geht das ganze Aroma flöten.“

Zeitunglesender Fahrgast: „Steht ja alles hier drin. Darum haben sie das gemacht, weil sie den Kaffeepreis hochhalten wollen.“

Fahrgast #2: „Seh’n Sie!“

Zeitunglesender Fahrgast: (äfft ihn nach) „Seh’n Sie … Wir müssen die hohen Preise doch bezahlen.“

Fahrgast #2: „Und warum zahlen wir die hohen Preise? – Weil uns die Hände gebunden sind. Weltpolitisch...“

Fahrgast #3: „Sehr richtig.“

Fahrgast #2: „Wenn wir ‘ne Flotte hätten, dann hätten wir auch Kolonien. Wenn wir Kolonien hätten, dann hätten wir auch Kaffee. Und wenn wir Kaffee hätten –“

Zeitunglesender Fahrgast: „Na was wäre denn Ihrer Meinung nach? Sprechen Sie sich ruhig aus. Dann geh’n die Preise wohl runter, oder was?“

Fahrgast #2: „Das soll’n sie ja gar nicht. Aber dann machen wir doch das Geschäft…“

Kurt: „Ich höre immer wir. Wer is’n das – wir? Sie und ich? Und der Herr da – und die Dame da – und der alte Mann da? Also wir machen das Geschäft? Mensch – das glauben Sie doch selber nicht.“

Rechnender Fahrgast: „24 Millionen Pfund, 36 mal 24 … ne Null dran .. noch ne Null dran... Da haben sie 86 Millionen weggeschmissen?! Und das soll ein Geschäft sein?“ (rechnet erneut) „Wenn das Pfund drei Mark sechzig kostet…“

Sitznachbarin: „Was denn, drei sechzig?! Mann, da müssen Sie aber ‘ne noble Marke gewohnt sein.“

Fahrgast #2: „Herrschaften! Ich sag’s ja immer wieder: Bevor in unserem Volk nicht wieder mit Pfennigen gerechnet wird, solange wird unser Volk auf keinen grünen Zweig kommen.“

Fahrgast #3:„Sehr richtig.“

Kurt: „Na Sie sehen gerade so aus, als ob Sie mit Pfennigen rechnen.“

Rechnender Fahrgast: „Also – ein Pfund drei Mark sechzig…“

Sitznachbarin: „Aber wieso denn drei sechzig? Für zwei Mark vierzig kriegen Sie schon ‘n ganz guten Kaffee…“

Sitznachbarin #2: „Ich habe welchen schon für zwei Mark gekauft.“

Rechnender Fahrgast: „So? Sagen wir drei Mark. Kommt ja gar nicht darauf an.“

Sitznachbarin: „Also nun hören Sie sich sowas an. Ich sage zwei fuffzig und er sagt drei Mark – und da soll kein Unterschied sein?“

Rechnender Fahrgast: „24 Millionen mal dreihundert…“

Fritz: „Die verdienen doch nicht an dem, was sie wegschmeißen. Sondern an dem, was sie behalten und uns teuer verkaufen.“

Arbeiter #2: „Es muss immer weniger Ware da sein als gebraucht wird – sonst gibt‘s doch kein Geschäft.“

Gerda: „Geschäfte kann man doch bloß machen, wenn’s immer noch Leute gibt, die was brauchen und nichts kriegen.“

Hausfrau #1: „Krisenunterstützung beziehen sie, aber Kaffee saufen sie pfundweise, dass man’s im ganzen Treppenhaus riecht. Ich will ja nichts sagen, aber ich hab‘ grad zu meinem Mann gesagt, [unverständlich] das geht da nicht mit rechten Dingen zu.“

Fahrgast #3: „Kaffee ist überhaupt Luxus. Früher haben die Leute auch keinen Kaffee getrunken.“

Kurt: „Früher sind die Leute ja auch in der Postkutsche gefahren.“

Fahrgast #2: „Ich verbitte mir die parteipolitische Verhetzung.“

Kurt: „Wieso Hetze? Was Sie treiben, ist Hetze!“

Fahrgast #2: „Nun mal immer ruhig Blut, junger Mann.“

Kurt: „Ich bin nicht Ihr junger Mann!“

Fahrgast #2: „Bei Ihnen merkt man auch, dass Sie nicht mehr beim Kommiss gewesen sind.“

Kurt: „Na und Sie – Sie sind wohl Unteroffizier gewesen, was?“

(Fahrgast #2 und die jungen Arbeiter geraten lautstark aneinander.)

Fahrgast #2: (droht mit dem Finger) „Sie!“

Kurt: „Machen Sie’s Maul zu, sonst fallen Ihnen die Sägespäne aus’m Kopf.“

Fahrgast #2: „Ich warne Sie! Jede Beleidigung kostet vierzig M!“

Kurt: „Pluster dich nicht auf.“

Fahrgast #2: „Seit wann duzen wir uns denn! Wir sind doch nicht zusammen auf’m Misthaufen gelegen.“

Fahrgast #3: „Sehr richtig.“

Arbeiter #1: „Wo andere Leute n Kopf haben, da haben Sie’n Pickel!“

Älterer Fahrgast: (erhebt sich) „Aber meine Herren, ich muß doch endlich um Ruhe bitten. Sie sind doch nicht alleine im Coupé. Jetzt reden Sie hier dauernd vom Kaffee in Brasilien. Tja, meine Herren, ich frage Sie, was geht Sie der Kaffee in Brasilien an?“

Fahrgast #3:„Sehr richtig. – Und überhaupt ist heute Sonntag.“

Kurt: „Na wenn Sie von Kaffee nichts hören wollen, dann will ich Sie mal was fragen: Brot essen Sie doch wohl, Herr Nachbar, was? Was sagen Sie denn dann zu dem Weizen, den sie in Amerika [unverständlich] verfeuern?“

Gerda: „Ja, und die Baumwolle!“

Angetrunkener Fahrgast: (redet auf seinen kahlköpfigen Sitznachbar ein] „Seh’n Sie, wir brauchen ja gar nicht so viel Kaffee. Wir sind ein sparsames Volk. Die Hauptsache ist, wir machen uns vom Ausland unabhängig. Wenn wir in Deutschland unseren Kaffee selbst anbauen würden. Da wird im Rheinland so viel Wein angebaut – dafür müsste man Kaffee anbauen. Seh’n Sie, den Wein könnten wir auch in Frankreich kaufen. Und da wär gleich [unverständlich] in Europa.“

Der Kahlkopf: „Tja, wir beiden, wir werden die Welt auch nicht ändern.“

Kurt: „Richtig – Sie werden die Welt nicht ändern. Und die Dame da“ (er blickt zu Hausfrau #1) „wird sie auch nicht ändern. Und der Herr auch nicht. Und ‘n Unparteiischer wie Sie“ (er blickt zu Fahrgast #3) „schon lange nicht. Und dieser Herr hier“ (er blickt zu Fahrgast #2) „der wird die Welt auch nicht ändern. Dem gefällt sie ja so wie sie ist.“

Fahrgast #2: (höhnisch) „Und wer wird sie ändern?“

Gerda: „Die, denen sie nicht gefällt.“