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Retrospektive Kritik

Die retrospektiven Kritiken fällen ein zwiespältiges Urteil über Kuhle Wampe. Allgemein wird Regisseur Slatan Dudow eine filmkünstlerische Begabung attestiert und einzelne Szenen, vor allem die Arbeitssuche auf Fahrrädern (Sequenz 3), lobend hervorgehoben (K 1, K 4). Siegfried Kracauer stellt bezogen auf diese Eröffnungsszene sogar fest: „Selten kristallisierte sich die ungreifbare Stimmung einer ganzen Epoche in so scharf umrissenen Bildern.“ (K 1)

Beachtung findet auch die ausgefallene Dramaturgie des Films: Verschiedentlich wird darauf hingewiesen, dass es sich um keinen gewöhnlichen Spielfilm handelt, und auch der dokumentarische Wert mancher Szenen betont (K 1, K 2, K 3, K 4). Kracauer hebt hervor, dass Dudow den Selbstmord, der gewöhnlich am Schluss des Films stünde, an den Anfang verlegt und damit „der psychischen Regression eine Absage“ erteilt habe (K 1).

Dagegen stößt das breit ausgespielte Arbeitersportfest am Schluss des Films (Sequenzen 15-17) auf fast einhellige Ablehnung (K 1, K 2, K 4). Die Rezensenten der Studenten-Zeitschrift Paralyse kritisieren zudem das „Fehlen gestalterischer Stringenz“: Dudow falle teilweise in die inszenatorischen Mittel der Stummfilmzeit zurück (K 4). Die Kritik an den Unzulänglichkeiten des Films wird zum Teil durch den Verweis auf den schwierigen Produktionsprozess und die Zensur der Urfassung relativiert bzw. abgemildert (K 1, K 2, K 4). Es wird sogar die Behauptung aufgestellt, die an der Urfassung vorgenommenen Schnitte hätten „teilweise die Grenze zur Aussageverfälschung überschritten“ (K 4).

Stärker als filmische und inszenatorische Schwächen zieht die politisch-propagandistische Tendenz des Films Kritik auf sich (K 1, K 4). Kuhle Wampe fehle ein „konkreter gesellschaftlich-politischer Gegenentwurf“ (K 4). Kracauer moniert „Gespür und Erfahrung auf politischer Ebene“ (K 1) und bewertet den massiven „Angriff auf die kleinbürgerliche Mentalität der alten Arbeiter“ als schweren Fehler des Films: „Zu einer Zeit, als die Naziherrschaft in ganz Deutschland spürbar drohte, wäre es eine bessere Strategie gewesen, die Solidarität der Arbeitermassen zu betonen, anstatt große Teile von ihnen zu kritisieren.“ (K 1) Reclams Filmführer (K 2) und die Zeitschrift Paralyse (K 4) gehen soweit, die Darstellung der Jungkommunisten mit der von HJ-Jungen in späteren NS-Propagandafilmen zu vergleichen; Paralyse attestiert Kuhle Wampe abschließend eine „halbtotalitäre Einstellung“ (K 4).