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Retrospektive Kritik

Siegfried Kracauer (K 1) ordnet Morgenrot, den er nicht als „Nazifilm“ bewertet, in „den Prozess der Regression“ ein, der den deutschen Film auf der Schwelle von der Weimarer Republik zum NS-Staat charakterisiert habe. An den Helden des Films konstatiert er eine psychologische Disposition, die sie zur Unterwerfung unter einen „Führer“ prädestiniert habe.

Zu einem noch härteren Urteil kommt Barbara Ziereis (K 2), die in einer mehrschrittigen Analyse erstens die Frauenrollen in Morgenrot, zweitens die Darstellung der Feinde und drittens die der Freunde, also der U-Boot-Besatzung, in den Blick nimmt. Sie sieht in Morgenrot einen „Mobilisierungsfilm für die Volksgemeinschaft“, der sich in vielen Punkten mit der NS-Ideologie deckt.

Sigrid Lange (K 3) sieht im Film zwar ebenfalls zahlreiche Tendenzen, die der nationalsozialistischen Ideologie entsprechen, setzt sich aber mit der auf Kracauer zurückgehenden Interpretation von Morgenrot als präfaschistischem Tendenzfilm kritisch auseinander.

Friedemann Beyer (K 4) zeichnet die Produktionsgeschichte des Films und seine zeitgenössische Rezeption detailliert nach. Seine Analyse unterscheidet sich grundlegend von anderen, da Beyer die Zwischentöne herausarbeitet, die der vergröbernden Deutung von Morgenrot als NS-Propagandafilm-Vorläufer widersprechen. Für Beyer sind die U-Bootfahrer „müde Helden“, deren Fatalismus stärker ausgeprägt ist als ihr Heldentum.

 

Fritz Genschow als Oberleutnant Frederiks, genannt "Fips". Abbildung mit freundlicher Genehmigung von morisel.