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K 1-2

K 1: Siegfried Kracauer: Von Caligari zu Hitler. Eine psychologische Geschichte des deutschen Films. Frankfurt a.M: Suhrkamp 1979, S. 284-285:

Am 2. Februar 1933, einen Tag, nachdem Hitler zum Reichskanzler ernannt worden war, führte die Ufa MORGENROT auf, einen Film über ein U-Boot im Ersten Weltkrieg. Gustav Ucicky, ein Spezialist für nationalistische Produktionen, inszenierte diesen Film nach einem Drehbuch von Gerhard Menzel, dem Träger einer hohen literarischen Auszeichnung (Kleistpreis). Der Komponist war Herbert Windt, der in den kommenden Jahren die Musik zu vielen wichtigen Nazifilmen schrieb. […] Der Film ist eine Mixtur aus kriegerischen Heldentaten und sentimentalen Konflikten. Liers, der U-Boot-Kommandant (Rudolf Forster), und sein erster Offizier, Fredericks, sind auf Heimaturlaub in ihrer kleinen Heimatstadt, und als sie Abschied nehmen, wird klar, daß beide sich in dasselbe Mädchen verliebt haben. Dann sieht man das U-Boot in Aktion, wie es einen britischen Kreuzer torpediert und versenkt. Nach diesem Sieg öffnet Liers zum ersten Mal sein Herz, der ohne zu zeigen, wie sehr er leidet, schweigend sich klar macht, daß dem Mädchen, das er liebt, mehr an Liers als an ihm selbst liegt. In der Durchführung seiner Aufgabe stellt das U-Boot ein scheinbar neutrales Schiff, das sich jedoch als ein britisches Tarnschiff erweist. Ein britischer Zerstörer, dem das Tarnschiff Signal gegeben hat, rammt das U-Boot. Ein entscheidendes Problem liegt darin, daß in dem sinkenden Schiffsrumpf noch zehn Männer am Leben sind, während nur acht Taucheranzüge vorhanden sind. Zwei Schüsse lösen das Problem: Fredericks und ein anderes Mitglied der Mannschaft, das aus anderen Gründen bedrückt ist, begehen Selbstmord, um ihre Kameraden zu retten. Die Schlußsequenz greift erneut das Thema des Heimaturlaubs auf. Liers nimmt wieder Abschied von seiner Heimatstadt, und der Krieg geht weiter. Die amerikanischen Kritiken lobten diesen Film nicht nur wegen seiner brillanten Schauspieler und der Fülle an realistischen Kampfdetails, sondern zeigten sich auch sehr beeindruckt vom Absehen jeglicher Haßgefühle. Tatsächlich zeigt Liers‘ Mutter, die gerade zwei Söhne im Krieg verloren hat, nur wenig patriotischen Eifer, und die U-Boot-Besatzung reagiert auf die britische List mit dem Tarnschiff ohne die leiseste Feindseligkeit. MORGENROT ist kein Nazifilm. Er gehört eher in die Reihe solcher Kriegsfilme wie DIE LETZTE KOMPAGNIE und BERGE IN FLAMMEN, die gerade durch ihre Unparteilichkeit den Krieg in den Rang einer unantastbaren Institution erhoben. Daß Hitler MORGENROT im Morgengrauen seines eigenen Regimes sah, ist ein seltsamer Zufall. Er könnte diesen Film, mit seinem Ruch von wirklichem Krieg, als glückliches Omen genossen haben, als gnädige Bestätigung durch die Vorsehung, von dem, was er selbst plante […]. Darüber hinaus sagte es ihm zweifellos zu, daß Liers und seinesgleichen, selbst wenn sie nicht seine Parteigänger werden sollten, prädestiniert waren, seine Werkzeuge zu werden. Liers, ein konservativer Berufssoldat, sagt zu seiner Mutter: * „Leben können wir Deutsche vielleicht schlecht, aber sterben können wir jedenfalls fabelhaft.“ Seine Worte gestehen offen den Prozess der Regression ein, die vom deutschen Film während seiner ganzen Entwicklung widergespiegelt wird. Der Wunsch, erwachsen zu werden, so geben sie in kaum verhüllter Weise zu, ist verblaßt, und die Sehnsucht nach dem Mutterleib ist so stark, daß sie sich in ihrem Stolz versteifen, einen guten Tod zu sterben. Leute wie Liers mußten sich tatsächlich dem Führer unterwerfen.“

Siegfried Kracauer

* Hier irrt Kracauer. Die berühmte Dialogzeile folgt erst später, als die Männer ohne Aussicht auf Rettung in dem havarierten U-Boot gefangen sind.

 

K 2: Barbara Ziereis: Freunde, Feinde und Frauen – Repräsentationen des „Eigenen“ und des „Anderen“ im Weltkriegsfilm der Weimarer Republik. In: Medien – Politik – Geschichte. Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte 2003. Göttingen: Wallstein 2003, S. 40-61, hier zitiert: S. 49-60.

Filmfrauen im Krieg

[…] Die enge Verbindung zwischen den Frauen und den Männern - und damit zwischen Heimat und Front - wird […] durch die Verschränkung von Zeit und Handlungsorten deutlich ausgedrückt. Ist das U-Boot in Gefahr, schrecken die Frauen aus ihrem Schlaf. Hier spiegelt sich die Vorstellung von der Nation als Organismus wider - die Frauen können deshalb nicht schlafen, weil sie Teil eines größeren Ganzen sind, das gerade verletzt wurde. Anders gewendet bewahrt allerdings auch ihre Sorge den anderen Teil des „Volkskörpers“ vor der völligen Vernichtung. Das Denken der Frauen ist, wann immer sie in diesem Film erscheinen, den Soldaten auf See gewidmet. Es wird nicht „abgelenkt“ durch Kindererziehung, Haus- oder Lohnarbeit und Versorgungsknappheit.

Die Schlußsequenz zeigt wieder die Verabschiedung der Meerskirchner Einheit des U-Bootes. Wieder jubelt die Menge, die Blasmusik spielt, die Primaner, der Bürgermeister und andere Zivilisten blicken ehrfürchtig und respektvoll auf Kapitänleutnant Liers. * Mutter Liers und Helga verabschieden ihn am Bahnsteig. Liers und Helga gestehen sich ihre Liebe. Auch Grethe und ihr Mann verabschieden sich wieder. In der nächsten Szene ist das deutsche U-Boot auf Fahrt zu sehen. Es folgt eine Überblende auf eine Reichskriegsflagge. Die drei Protagonistinnen lassen die Männer, denen sie zugeordnet sind, nicht nur wieder in den Krieg ziehen, sondern unterstützen sie wie zu Beginn des Films. In Meerskirchen hat sich in der Zwischenzeit nichts verändert, es erscheint geradezu als überzeitlicher Ort. Die einzig erzählte Entwicklung bestand in der Zunahme der nationalen Zuversicht der Frauen. Sie übernehmen den weiblichen Part im Heldenepos, der darin besteht, an die Männer zu denken und zu glauben.

Morgenrot ist als Mobilisierungsfilm für die Volksgemeinschaft zu sehen. Er bietet drei Spielarten eines spezifisch weiblichen Patriotismus an: zupackende Fröhlichkeit wie bei der Figur „Grete“, Treue und Standhaftigkeit, wie sie in der madonnenartigen Figur „Helga“ zum Tragen kommt, sowie Pflichtbewußtsein trotz schmerzlicher Verluste, wie es bei „Mutter Liers“ zu finden ist. Helga und Grete können als Vertreterinnen eines „neuen“ Deutschlands, wie es sich soldatische, nationale und nationalsozialistische Kreise wünschten, gesehen werden.

Filmfeinde

[…] In Morgenrot kommen die Feinde […] nur in den Gefechten vor. Das U-Boot ist auf Fahrt in der Nordsee, spürt britische Kriegsschiffe auf und beschießt diese mit Torpedos. In einer folgenden Szene wirft ein britisches Kriegsschiff Wasserbomben auf das deutsche U-Boot. Die Kamera wählt hier die Perspektive, die dem Blickwinkel der U- Boot-Besatzung entsprach, so daß die Menschen auf den britischen Schiffen nur sehr klein zu sehen sind. Somit hält sie eine emotionale Distanz zu den »Briten« aufrecht, die in dieser Szene anonym bleiben.

In einer weiteren Szene ortet das U-Boot ein vermeintliches Handelsschiff, dessen Kapitän an einen britischen Zerstörer die Meldung funkt, ein deutsches U-Boot gesichtet zu haben. Das Handelsschiff hat zu diesem Zeitpunkt noch nicht geflaggt. Um das Schiff identifizieren zu können, fährt das U-Boot näher heran und taucht auf. Auf dem Segelschiff läßt der Kapitän nun die dänische Flagge hissen. Erst nachdem die Deutschen dies zur Kenntnis genommen haben, setzt er die britische Flagge, legt seine Geschütze frei und beschießt das U-Boot. Es kommt zum Gefecht, bei dem der Kapitän des Handelsschiffes tödlich getroffen wird. Sein Schiff sinkt.

Der Feind bleibt auch in dieser Sequenz bis auf eine Ausnahme gesichtslos. Allein der Kapitän des Handelsschiffes ist für den Zuschauer wiedererkennbar. Diese Figur und ihr Handeln stellt der Film stark stereotypisiert als englischen »Schurken« dar, wie ihn die gängige antibritische Propaganda beschreibt. Eine Melone weist den Kapität (Kapitän) als Engländer aus. Die den Briten zugeschriebene Hinterlist wird deutlich, als er das deutsche U-Boot in einen Hinterhalt lockt. Daß er die Regeln des als ehrenhaft geführt vorgestellten Seekriegs brechen wird, wird schon bei seinem ersten Auftritt an seinen Gesten und seiner Mimik deutlich: Sein schiefer Gang, sein verkniffenes Gesicht, seine schlechtsitzende Kleidung sind codierte Vorzeichen, die sich sogleich erfüllen, als er die Gelegenheit zur Täuschung der Deutschen nutzt und dabei einen Matrosen anschießt. Als er im folgenden Gefecht tödlich verwundet wird, zeigt die Kamera seinen Tod als gerechte Strafe eines Schuldigen.

Freunde im Krieg

Das U-Boot erscheint als soldatischer Kern der deutschen Volksgemeinschaft, wie sie vor allem von den Nationalsozialisten propagiert wurde. Im Bauch dieses hochtechnischen Gerätes befiehlt ein „Führer“, dessen Besatzung ihm willig folgt. Offiziere und Mannschaft bilden eine verschworene Gemeinschaft, die arbeitsteilig und präzise ihren Auftrag erfüllt. Mit den Maschinen um sie herum sind die Menschen fast zu einem Organismus verschmolzen, was sich etwa bei den Vorbereitungen eines Torpedoabschusses zeigt. […] Die Welt im U-Boot ist klar gegliedert und durch die Außenwand begrenzt, jedes Mitglied der Besatzung weiß stets, was seine Aufgabe ist. Hier erfüllt sich die faschistische Sehnsucht nach Ordnung, Eindeutigkeit und Begrenzung.

Die Handlung des Films erreicht ihren Höhepunkt, als das U-Boot manövrierunfähig in der Tiefe festsitzt, neun Personen den Angriff überlebt haben, aber nur für sieben von ihnen eine Möglichkeit zur Rettung besteht. ** Der Kapitän befiehlt der Mannschaft, sich zu retten, während er und der zweite Offizier Fredericks an Bord bleiben wollen. In dieser Situation kommt es zur Meuterei. Die Mannschaft weigert sich, sich in Sicherheit zu bringen, womit eine Art Nibelungentreue heroisiert wird. Der Monolog des Kapitäns Liers macht vollends deutlich, daß im U-Boot mit dieser Treue bis in den Tod das „Wesen Deutschlands“ repräsentiert sein soll: „Solche Menschen! Ich könnte 10 Tode sterben für Deutschland, 100 Tode […] ich danke Euch […]. Zu leben verstehen wir Deutschen schlecht, aber sterben können wir jedenfalls fabelhaft.“ ***

Die Schlußsequenz, die wiederum eine Abschiedsszene zeigt, unterscheidet sich nur in kleine(e)n Details von der Anfangsszene. Die Menge ist ebenso begeistert wie zu Beginn des Films, Deutschland hat sich bewährt und ist gleich geblieben. * Die Trauer um die Verstorbenen ist nicht sichtbar; das kollektive „Wir“ ist aus den Kämpfen gefestigt hervorgegangen. Die enge Verbindung von Heimat und Front bleibt also nicht nur bestehen, sondern hat sich noch verstärkt.

Barbara Ziereis

* Bei der Verabschiedung am Schluss (Sequenz 19) wird im Gegensatz zur Anfangsszene des Films nicht gejubelt, im Gegenteil: die Stimmung ist gedrückt. Die Ansprache von Liers auf dem Bahnsteig macht deutlich, dass er den Stimmungswechsel in der Meerskirchener Bevölkerung wahrgenommen hat und ihr entgegenwirken will (siehe M 2).

** Nicht neun, sondern zehn Besatzungsmitglieder haben den Bombentreffer überlebt, und ihnen stehen nicht sieben, sondern acht Tauchretter zur Verfügung.

*** Ziereis vermischt an dieser Stelle Dialoge von Liers und Frederiks (siehe M 2).