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K 3

K 3: Melanie Fohrmann: Aus den Lautsprechern brüllte der Krieg: Ernst Johannsens Hörspiel Brigadevermittlung. Bielefeld: Aisthesis-Verlag 2005, S. 317-318, 320-327:

Immer wieder wurden All Quiet on the Western Front und Westfront 1918 zueinander in Beziehung gesetzt, wobei man einmal den einen und dann den anderen als die gelungenere filmische Annäherung an den Ersten Weltkrieg bewertet. (1) Sämtliche Kritiken bescheinigten Westfront 1918 eine äußerst realistische Darstellung des Krieges. (2) Die gemäßigt konservative Zeitung Kinematograph führt dies u.a. darauf zurück, daß der Film von Männern gemacht wurde, die den Krieg selbst erlebt haben, die „genau wissen müssen, wie man die Handgranate zieht, Deckung sucht, sich vor zusammenbrechenden Unterständen schützt, weil sie es draußen immer und immer wieder erlebt haben“. (3) In der Tat waren viele Mitarbeiter dieses Films ehemalige Soldaten, die ihre Fronterfahrungen in die Produktion miteinbrachten, etwa Fritz Kamers, einer der Hauptdarsteller des Films. (4) In dem Streben nach Augenzeugenschaft und Wirklichkeitsnähe zeigen sich nicht nur Übereinstimmungen zum ästhetischen Programm der Neuen Sachlichkeit, sondern es wird auch deutlich, daß Bewertungs- und Darstellungskonventionen der Weltkriegsliteratur auch auf den Kriegsfilm übertragen wurden.

[…] Ernst Johannsen war mit dem von Pabst eingesetzten „Ende?!" anscheinend nicht sehr glücklich (5), weil der Film damit in seiner zentralen Aussage einen anderen Schwerpunkt bekam als der Roman, der mit dem Schlußsatz endete: „Über zehn Millionen Tote hinweg geht das Leben seinen gewohnten Gang". (6) Während Pabst mit der Lazarettszene und dem anschließenden „Ende?!" die nahe Zukunft und damit den Erfolg der Anti-Kriegsbotschaft des Films noch offen läßt, betrachtet Johannsen dieses Kriegsgeschehen schon aus einer rückblickenden Perspektive, die zeigen soll, daß die Erfahrung des Krieges von den meisten Menschen bereits verdrängt und vergessen wurde.

Eberhard Baier weist darauf hin, daß die Lazarettszene in Pabsts Film vermutlich eine der „grausigsten Szenen“ war, die damals im Kino gezeigt wurden. (7) Dies wurde auch von den Zeitgenossen so empfunden: „Der Schluß des Films ‚Westfront 1918‘ übertrifft an grausamer Realistik alle vorherigen Kriegsfilme: Lazarett, Wimmern, Schreien, Operieren, Wahnsinn, Sterben - hier wird mit Menschengliedern gehandelt wie im Gemüseladen mit Kohlköpfen. Hier gibt es nichts mehr romantisch aufzufassen und umzudeuten, hier ist das einzig faßbare Resultat des sogenannten Völkerringens: ein Haufen zerfetzter Leichen […].“ (8)

Auch Kurt Pinthus zählte diese Szenen zum „Kühnsten und Gelungensten [...], was Kinokunst bisher erreicht hat" und zum „Grausamsten und Nervenzermarterndsten", das einen guten Abschreckungseffekt erziele. (9) Im Gegensatz dazu seien die anderen Teile von Westfront 1918 allerdings „filmisch wie akustisch Versager". (10) In den von Pinthus abschätzig bewerteten Szenen des Films stehen Episoden im Vordergrund, die das Destruktionspotential des Krieges nur in Ansätzen abbilden, so z.B. zwischenmenschliche Beziehungen oder Ereignisse des Kriegsalltags, der durch einen Frontkabarettbesuch eine willkommene Abwechslung erfährt. Insbesondere die Ehebruchszene wurde auch von anderen Kritikern angegriffen, weil sie die „Ehre der deutschen Frauen, Mütter und Bräute“ schände und ihnen „lächerlich dumme und elendiglich nichtswürdige Worte“ in den Mund lege. (11)

An der im Roman nicht vorhandenen Frontkabarettszene wird exemplarisch deutlich, daß Johannsens Vier von der Infanterie zwar als Vorlage für Westfront 1918 diente, die Theater- und Drehbuchautoren Peter Martin Lampel und Läszlö Vajda (12) jedoch zahlreiche Szenen änderten und erweiterten, so daß der Film der Textvorlage nur noch in groben Zügen folgt. (13) Gänzlich zusammengestrichen wurden beispielsweise die langen Diskussionen der Protagonisten untereinander, die in einer filmischen Umsetzung nicht sehr publikumswirksam gewesen wären. […] Bezeichnend ist außerdem, daß auch die Protagonistengruppe in ihrer Zusammensetzung verändert wurde. Geblieben sind aus Vier von der Infanterie der Student und Lornsen, der jetzt Karl heißt, aus Berlin kommt und als Charakter am ausführlichsten entwickelt ist. Die anderen beiden Protagonisten wurden gängigen Darstellungsklischees angepaßt. […]

Verschiedene linksorientierte Kritiker […] sahen den abschreckenden Realismus nur für einen Teil des Filmes eingelöst, während andere Passagen durchaus einen Hang zum Abenteuerlichen und Romantischen erkennen ließen. Heinz Luedecke etwa bezeichnete Westfront 1918 in der Linkskurve als „Kriegshetzfilm", der das Militär romantisiere, auch wenn er gleichzeitig die Schrecken des Krieges zeigen würde. (14) Auch Edelf Köppen hat sich trotz vieler lobender Worte kritisch zu den romantisierenden Szenen geäußert, so gegenüber der Darstellung der ersten Liebe, gegen das Frontkabarett mit dem „Tingeltangelstar", der Heimkehrerszene und dem „Volksliederpotpourri":

„Wir wissen es ja, die draußen waren wissen es ja: es gab eine Romantik des Frontlebens. Es gab Tage und Nächte unvergeßlich schön! Aber ist das nicht, wenn man sich endlich dazu entschließt, gegen den Krieg zu zeugen, bis zum letzten unwesentlich? Vergeßt doch nicht: die Unentwegten, die lebenslänglichen Schützengrabenaspiranten, benutzen diesen ganzen Zauber als Werbemittel! Sie fangen junge Menschen damit!“ (15)

Den Hinweis darauf, daß die romantisierenden Szenen an den Erwartungen des Publikums ausgerichtet sind, läßt Köppen nicht gelten, denn der Krieg gehöre nicht zur „Vergnügungskonfektion". (16) Sein Gesamturteil über den Film lautet daher: „Zu erklären war: Pabsts Film ist eine außerordentliche Leistung als gültiger Anfang. Zu erklären ist: der wahrhafte, männliche Kriegsfilm fehlt noch. Männer an die Front!“ (17)

Der Vorwurf, daß der überwiegende Teil des Films aus Episoden besteht, die eher unterhaltenden als abschreckenden Charakter haben, entspricht einem gängigen Argument der Diskussion um die Bewertung der Kriegsdarstellung, ebenso die fehlende Analyse der sozialen oder ökonomischen Kriegsursachen, die auch von Siegfried Kracauer noch Ende der siebziger Jahre eingefordert wurde. (18) Viele der Szenen, die von Kurt Pinthus als mißlungen oder von Edlef Köppen als romantisierend bezeichnet wurden, gehen jedoch auf die Bearbeitung der Drehbuchautoren zurück und sind in Johannsens Buch nicht enthalten, etwa die starke Akzentuierung der Liebesgeschichten oder die Hinzunahme diverser Volkslieder. Köppens Vermutung, daß diese Szenen aus Gründen der Publikumswirksamkeit hinzugenommen wurden, ist sicher plausibel, sie sind aber vermutlich auch dem Umstand geschuldet, daß Pabst die neuen Möglichkeiten des Tonfilms umfassend ausnutzen wollte. Der Film zeugt von dem Versuch, das Geräusch in möglichst vielfältigen Erscheinungsformen zum Ausdruck kommen zu lassen. Die Menschen flüstern, stöhnen, weinen, schluchzen, schreien vor Schmerz und im Wahnsinn, die Geschosse und Waffen krachen, knallen, tackern, heulen und dröhnen. Nicht selten übertönen die Kriegsgeräusche dabei die Dialoge, so daß der Hinweis auf akustische Mängel ein immer wiederholter Kritikpunkt der Rezensenten ist. […]

„Krieg und Grauen ist schon so entrückt, die Phantasie ist so geschwächt“, stellte Herbert Ihering verwundert fest, „daß das Straßenpublikum Schreckenszenen für Kinoeffekte nimmt". (19) Von Gelächter bei der Szene der verschütteten Soldaten erzählt eine Kritik in der Frankfurter Zeitung und wertet dies als Zeichen für die zunehmende Stumpfheit und Sorglosigkeit vor dem Krieg. „Es wurde gekichert; indessen, man hörte die Lacher, nicht die Ergriffenen. Die sah man, als das Licht wieder anging. Es war die Mehrzahl.“ (20) Von „Pfiffen und Pfuis" bei den krassen Szenen berichtet auch Kurt Pinthus, ist sich aber nicht sicher, ob sie „der Darstellung des Films, oder der der dargestellten Sache galten“. Am Ende habe es jedoch Beifall gegeben. (21) Wie unterschiedlich der Film bewertet wurde, zeigt sich ebenfalls daran, daß ein Rezensent am Ende des Films inmitten des „rauschenden Beifalls" einige „Entrüstungsrufe" von „unentwegten Pazifisten" gehört haben will. (22)

In der Forschungsliteratur wird davon berichtet, daß Anhänger der Nationalsozialisten versucht haben sollen, die Premiere zu stören, dann aber von Kriegsveteranen niedergeschrien wurden. (23) Die für diese Arbeit ausgewerteten zeitgenössischen Kritiken erwähnen diesen Vorfall allerdings nicht, so daß die Frage offen bleiben muß, inwieweit sich die Erinnerung an All Quiet on the Western Front und Westfront 1918 vermischen. Die widersprüchlichen Reaktionen auf den Film machen allerdings noch einmal deutlich, daß die Kriegsdarstellung in der Weimarer Republik immer Gefahr lief, mehrere Interpretationsmuster zu bedienen, indem neben den .schlechten' Seiten des Krieges meist auch eine ‚gute Seite' vorgeführt wurde. (24) Daher ist den zeitgenössischen Kritikern durchaus zuzustimmen, daß die Botschaft „Nie wieder Krieg“ noch konsequenter hätte umgesetzt werden können.

(1) Für Westfront 1918 sprechen sich etwa aus: William Uricchio: Westfront 1918, , in: Frank N. Magill (Hg.): MagilTs cinema annual, Eaglewood Cliffs, N.J., Bd. 7, 1986, S. 3349-3353 oder Spears: World War I on the screen, S. 361. Für All Quiet on the Western Front: Art. ‚Westfront 1918', in: Buchers Enzyklopädie des Films, hrsg. von Liz-Anne Bawden. Edition der dt. Ausgabe von Wolfram Tichy, Bd. 2, 2. Aufl., München u.a. 1983, S. 858-859.

(2) So etwa die Kritiken von Siegfried Kracauer: Westfront 1918, in: Frankfurter Zeitung und Handelsblatt, Ausg. v. 27. Mai 1930; Eugen Szatmari: „Westfront 1918", in: Berliner Tageblatt und Handels- Zeitung, Ausg. v. 25. Mai 1930; Ernst Blass: Neue Filme, in: Die literarische Welt, 1930, Nr. 23 (06. Juni 1930), S. 7; Dr. R. Bolz: Die Schande eines deutschen Kriegsfilms, in: Deutsche Filmzeitung, 1930, Nr. 22 (30. Mai 1930), S. 6.

(3) Anonym: Der Film von der Westfront, S. 1. Dieselbe Äußerung findet sich, hier jedoch als Vermutung formuliert, auch in einer im Jahre 1999 im Internet veröffentlichten Kritik des Films. Der australische Rezensent schreibt: „'Westfront' stands up well as a war film. The director must have served at the front, there are many little human asides that surely only a Veteran would see the richness in." Trevor Johns: A thin grey line (11.Juni 1999), in: http://www.lib.berkeley.edu/MRC/Warfilm.html#wwl

(4) Vgl. Dr. R. Bolz: Die Schande eines deutschen Kriegsfilms, S. 6 oder Garth Montgomery: 'Realistic' War Films in Weimar Germany: Entertainment as Education, in: Historical Journal of Film, Radio and Television, Vol. 9 (1989), No. 2, S. 115-133, hier S. 121. Garth Montgomery beruft sich dabei auf das ihm vorliegende Programm der Nero-Film-AG zu Westfront 1918.

(5) Vgl. das abwertende Urteil Johannsens in seinem Brief an den Intendanten des Hessischen Rundfunks, Werner Hess, vom 09.Oktober 1975.

(6) Ernst Johannsen: Vier von der Infanterie, S. 109.

(7) Eberhard Baier: Der Kriegsfilm. Eine Dokumentation. Mainz 1980, S. 100.

(8) H.W.: Der Krieg im Film, in: Kulturwille (Leipzig), Juli/ August 1930, Heft 7/8, S. 136.

(9) Pinthus: „Westfront 1918". Nero-Tonfilm im Capitol, ohne Seitenvermerk.

(10) Ebd.

(11) Dr. R. Bolz: Die Schande eines deutschen Kriegsfilms , S. 6.

(12) Vgl. Art. Xampel, Peter Martin' und Art. ‚Vajda, Läszlö‘, in: Günther Dahlke u. Günter Karl (Hg.): Deutsche Spielfilme von den Anfängen bis 1933. Ein Filmführer, Berlin/Ost 1988 S. 350 und 376.

(13) In dem Vorspann des Filmes heißt es auch ausdrücklich: „Frei nach dem Roman von Ernst Johannsen"

(14) Heinz Luedecke: Zur Methodik des Kriegshetzfilms, in: Die Linkskurve, 3 (1931), Nr. 7.S. 20-22.

(15) Edelf Köppen: Vier von der Infanterie und ein bißchen von der Konfektion, in: Die Weltbühne, 26 (1930), Nr. 26 (24. Juni 1930), S. 957-959, hier S. 958.

(16) Ebd., S. 959.

(17) Ebd.

(18) Siegfried Kracauer: Von Caligari bis Hitler. Eine psychologische Geschichte des deutschen Films, Frankfurt/Main 1979, S. 246-247 u. S. 286.

(19) Ihering: Westfront und Cyankali, S. 2.

(20) Anonym: Westfront 1918, in: Frankfurter Zeitung und Handelsblatt, ohne weitere bibliographische Angaben, vermutlich 1930 erschienen. [Privatbesitz German Werth]

(21) Pinthus: „Westfront 1918". Nero-Tonfilm im Capitol, ohne Seitenvermerk.

(22) Anonym: Der Film von der Westfront, S. 2.

(23) Vgl. Richard Whitehall: Westfront 1918 - Great Films of the Century No. 5, in: Films & Filming, 6 (September 1960), S. 12-14 u. 32-34 sowie Geisler: The Battleground of Modernity, S. 96.

(24) Auch Pabst verfällt beispielsweise der Faszination der Frontkameradschaft, wenn er Karl am Ende des Heimaturlaubs betonen läßt, daß er sich schon wieder auf den Graben freue, weil dort seine Kameraden auf ihn warten.

Melanie Fohrmann