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"Auf der Flucht" / "Die Flucht"


Alles in Schnurres Kurzgeschichte deutet von Anfang an auf den Tod hin. Der ganze erste Teil ist bestimmt durch sengende Hitze, sterbenden Kiefernwald, von Raupen zerfressen, schwarz-staubende Plätze, verdorrte Kreuzottern, staubendes Heidekraut, tote Dörfer, verfallende Häuser, zerschlagene Einrichtungen, von Aas vergiftete Brunnen. Vögel existieren offenbar nicht mehr. Die einzigen Lebewesen, denen es noch gut zu gehen scheint, sind die wandernden Raupen, deren Namen "Nonnen" an schwarz gekleidete Klosterfrauen denken lassen. Die Aussichtslosigkeit der Flüchtenden, die nicht mehr zurück können, aber auch nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen, wird damit auf grausige Weise unterstützt.

Der Film reduziert das Geschehen der Geschichte im wesentlichen auf die Beziehung zwischen den Personen, die Natur wird weitgehend zurückgedrängt. Das liegt sicherlich auch daran, dass der Film diese verdichteten atmosphärischen Beschreibungen und Erklärungen nicht einfach in Bilder umsetzen kann. Der Film zeigt neben einem Schwenk über einen Fichten- oder Kiefernwald zwar abgestorbene Baumstämme und Äste sowie einen Blick durch Kieferngeäst in den sonnigen Himmel, aber die brütende, vom Tod bestimmte Atmosphäre kann er nicht erzeugen, zumal auch hier auf Farbe verzichtet wurde.

Aufgabenvorschläge

Entwirf ein Storyboard/ Drehbuch zu folgenden Zeilen aus dem Anfangsteil der Geschichte:
Sie liefen durch Wald, durch Kiefern. In denen knisterte es. Sonst war es still. Beeren oder Pilze gab es nicht; die hatte die Sonne verbrannt. Über den Schneisen flackerte Hitze. Das bisschen Wind wehte nur oben. Es war für den Bussard gut; Reh und Hase lagen hechelnd im Farn. "Kannst du noch?" fragte der Mann. Die Frau blieb stehen. "Nein", sagte sie. Sie setzten sich. Die Kiefern waren mit langsam wandernden Raupen bedeckt. Blieb der Wind weg, hörte man sie die Nadeln raspeln. Das knisterte so; und es rieselte auch: Nadelstücke und Kot, wie Regen.

Beschreibe die Stimmung im Anfangsteil des Films! Vergleiche diese mit dem Text!

Versuche, mit der Fotokamera Landschaften oder Personen zu fotografieren, die die Stimmung der Kurzgeschichte einzufangen versuchen.

Damit unterscheiden sich die anfängliche Grundstimmungen zwischen Text und Film. Die Bilder wirken stellenweise idyllisch - die Grausamkeit wird hier durch ein anderes Element erzeugt, den Ton. Im Hintergrund hört man Schüsse von Waffen, sie zeigen an, dass es um Krieg bzw. um eine lebensbedrohliche Situation geht. Es muss sich um die Kriegszeit handeln, um eine Flucht aus Nazi-Deutschland. Wie in der ersten Geschichte engt Wolfgang Küper das Thema ein, malt es jedoch gleichzeitig aus. Es ist nun eine Kriegserfahrung, und dieses Kriegserlebnis hat seine Geschichte. Dadurch scheint die Schuld, die der Mann durch das Aufessen des zerfließenden Brotes auf sich geladen hat, nun noch schwerer zu drücken.

Die Schuldfrage bewegte Schnurre zum Schreiben von Geschichten: Mein Schuldgefühl, meine Neurosen, die jeder von uns hat, sind der Antrieb für mein Schreiben. Ich schreibe aus Schuldgefühl, sonst würde ich gar nicht schreiben wollen. Obwohl ihn seiner Meinung nach persönlich keine Schuld traf, so empfand er als "Nazi-Soldat" doch Schuld an den Grausamkeiten der Hitler-Diktatur. In seiner "Flucht"-Geschichte weist die Schuldfrage jedoch über die individuelle Verantwortung hinaus. Auf der Ebene dieser Erzählung lässt sie sich nicht klären - der alte Mann hätte auf jeden Fall eine Schuld auf sich geladen. Schuld könnte man allenfalls denjenigen aufbürden, die den Krieg zu verantworten haben.

Die Verfilmung setzt andere Akzente: Der Mann schützt das Brot kaum vor dem Regen, er schaut sekundenlang tatenlos zu, wie es anfängt zu zerfließen. Wie gelähmt sieht er das Brot im Regen liegen, schaut nach oben wie in ungläubigem Erschrecken. Den inneren Kampf können Filmbilder nur indirekt andeuten, der Text hat es da leichter. Hier ist die Konsequenz des Aufessens die Folge eines Abwägens, fast einer rationalen Argumentation mit sich selbst. Erst dann lässt der Mann seinen unbändigen Hunger zu. Im Film ist nur zu erahnen, dass die Bewegungslosigkeit und Starre mit dem ersten Brot-Erlebnis zusammenhängen könnte, bei dem er schon einmal seiner Familie Brot vorenthalten hatte. Nach der Starre zeigen die Bilder dann nur noch ein fast tierisches Stürzen auf das Brot.

Aufgabenvorschläge

Schreibe den inneren Monolog des Mannes in den Augenblicken auf, als der Regen beginnt und das Brot anfängt zu zerfließen! Vergleiche den Monolog mit der Kurzgeschichte und stelle die Unterschiede heraus!

Die Rückkehr des Mannes spielt sich auch unter einem anderen Vorzeichen ab als in der Vorlage. Die Blicke der Frau, die in dem Text einerseits kritisch, andererseits verstehend, ja liebevoll gedeutet werden können, erhalten im Film auch auf dem Hintergrund der Vorgeschichte nun eindeutig negative Züge. Während Schnurre die Frau sagen lässt: Das macht nichts, Du siehst elend aus und Versuch, ein bisschen zu schlafen, deutet Küper diese Begegnung als das Ende der Beziehung. Die Frau schaut skeptisch bis ungläubig ihren Mann an und sagt nichts weiter. Nach dem Aufwachen des Mannes wird die Familie nicht mehr gemeinsam in einer Einstellung gezeigt, der Bruch ist vollzogen.

Aufgabenvorschläge

Schreibe nach der Filmvorlage einen Prosatext über die Rückkehr des Mannes und die Begegnung mit seiner Frau! In dieser Geschichte sollen auch die Gedanken der Personen vorkommen.

Vergleiche diesen Filmtext mit der Kurzgeschichte. Wie deutet der Regisseur die Beziehung der Eheleute?

Fertige für die letzte Sequenz des Films nach dem Aufwachen des Mannes ein Einstellungsprotokoll an!

Vergleiche den Schluss mit den Eingangseinstellungen von der Familie! Beschreibe die grundlegenden Unterschiede in der Darstellung der Familie und erkläre diese!

Die letzte Einstellung des Films - der Mann hält seinen toten Sohn im Arm und singt das Schlaflied von den Hasen - hat mehrere Funktionen. Der Film füllt hier zum einen wieder eine Leerstelle des Textes: Während die Geschichte leicht mit der entsetzten Frage des Mannes Warum hast du mich nicht geweckt? und einer lapidaren Antwort der Frau enden kann, muss der Film irgendeine Reaktion von Trauer oder Entsetzen bei den Personen zeigen. Die Trauer wird so sicherlich deutlicher vermittelt, ist aber wiederum nur eine mögliche Reaktion von verschiedenen Verhaltensweisen, die im Text nach dem Ende der Geschichte möglich wäre.

Aufgabenvorschläge

Setze die Kurzgeschichte fort, indem du das Verhalten des Ehepaares nach dem Tod ihres Kindes beschreibst! Überlege dabei, wie beide wohl ihre Trauer ausdrücken würden!

Die Schlafliedszene bildet zum anderen ein Bindeglied zu den beiden anderen Geschichten. Der Mann erinnert sich beim Singen sicherlich an die abendlichen Rituale des Zu-Bett-Bringens seines Sohnes, schon angedeutet im Brot-Film. Mit Hasen bzw. Kaninchen beginnt zudem die Ratten-Geschichte, der dritte Teil der Trilogie.