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"Jesus macht nicht mehr mit"


Borchert beginnt seine Kurzgeschichte wiederum wie ein Film: Aus der Perspektive des im Grabe liegenden Jesus wird die unendliche Ferne des Himmels beschrieben sowie die Kälte und Starre des Bodens. Diese Eingangsperspektive hält Borchert auch in dem zweiten und dritten Absatz seines Textes durch: "Zwei Köpfe erschienen am Himmel..." und "Die Köpfe am Himmel verschwanden...". Erst danach gibt er diese Sicht auf und kommt zu einer Halbtotalen: "Von weitem sah es aus, als sei er bis an den Bauch eingegraben."

Der Regisseur Uwe Thein entwickelt diese subjektive, beinahe filmische Perspektive konsequent fort und lässt Jesus seine Geschichte selbst erzählen. Zunächst jedoch beginnt er konventionell: Ein Kameraschwenk in der ersten Einstellung macht die Situation der Geschichte deutlich: Winter, Schüsse bzw. Explosionen, Soldaten auf dem Sprung.

Aufgabenvorschläge

Überlege, welche Geräusche, Musik oder Texte zu den Bildern der ersten beiden Einstellungen des Films passen!

Beschreibe die Funktion der ersten Einstellung des Films!

Die zweite Einstellung zeigt das Gesicht des Jesus beinahe aus der Draufsicht im Grab liegend, aus dem OFF seine Stimme: "Ich liege in dem flachen Grab." Die in der literarischen Vorlage auch schon als Gedankentexte angelegten Passagen folgen nun aus dem OFF in der ICH-Form. Finden lassen sich diese Stellen schon bei der Überlegung, welche Abschnitte sich leicht in eine ICH-Erzählung umwandeln lassen.

Aufgabenvorschläge

Finde die Textstellen heraus, die die Gedanken des Jesus wiedergeben. Formuliere diese Passagen in eine ICH-Erzählung um.

Beschreibe weitere Möglichkeiten, die Gedanken einer Person im Film darzustellen. Vergleiche diese Möglichkeiten mit der Lösung in dieser Verfilmung.

Dem Film bleibt allerdings kaum eine andere Möglichkeit, die eindrücklichen und skurrilen Gedanken des Jesus aufzunehmen, wenn nicht ein Erzähler aus dem OFF die innere Bewegung der Hauptperson beschreibt. Eine Variante, die jedoch zu Recht nicht gewählt wurde, weil sie zu plump und direkt den Text in einen Film umzuwandeln versucht.

Die Eindrücklichkeit und Absurdität dieser Kriegsszenen werden noch erhöht durch eine Perspektivänderung gegenüber der Vorlage. Während in der Kurzgeschichte der Unteroffizier berichtet, welche Späße der "Alte" mit Jesus treibt, legt der Film diese Beschreibung dem Jesus selbst in den Mund: "Der Unteroffizier schreibt sich meinen Namen auf. Der Alte lässt mich vorführen..." Unterlegt wird dieser OFF-Text durch verfremdete Traumszenen, in denen der nackte Jesus schemenhaft durch die Dunkelheit schleicht und der Alte herrscherhaft auf einem Thron erscheint. Jesus spricht dabei den Text nicht leidend, sondern zunächst eher nüchtern und berichtend, zum Schluss sogar ironisierend, vielleicht die Stimmlage seines Unteroffiziers imitierend. Und dann spricht dieser Jesus sogar Sätze, die nach der Vorgeschichte nicht zu ihm passen, sondern eher zu dem Unteroffizier: "Die Gräber müssen doch gemacht werden. Einer muss doch rein, ob es passt. Das hilft doch nichts." Damit erhält dieser Jesus Züge von Schizophrenie, die in der Schlussszene des Films wieder aufgegriffen werden. Hier wiederholt Jesus - abweichend von Textvorlage und Drehbuch - beinahe flehentlich die beiden Sätze:"Einer muss doch rein, ob es passt. Das hilft doch nichts." Er verinnerlicht damit die Ansprüche seiner Vorgesetzten und gerät in einen Konflikt mit seinem Widerwillen gegen seine Rolle als Grabtester. Nicht nur die anderen meinen - wie im Text - zu erkennen, dass "er einen weg hat", sondern Jesus führt im Film direkt vor, dass er an der grausigen Realität des Krieges zerbricht.

Aufgabenvorschläge

Vergleiche die Schlusssätze des Unteroffiziers im Text mit der Traumszene im Film: Nicht mehr der Unteroffizier, sondern Jesus selbst spricht von den "Späßen" des Alten. Beschreibe die Wirkung dieser Veränderung!

Im Drehbuch ist diese Ausdruckssteigerung noch nicht vermerkt, sie ist offenbar erst spontan beim Drehen der Szenen entstanden. Vorgesehen war vielmehr eine Puppentheaterszene, in der die Puppe Jesus von Kasper mit einer Klatsche verfolgt wird, während der Unteroffizier die "Späße" des Alten beschreibt. Diese ursprüngliche Idee hätte sicherlich zur Verfremdung beigetragen, vermutlich jedoch nur das Verhalten des Alten lächerlich gemacht. Jesus hätte dann als Trottel oder Seppl dagestanden. Durch die Traumszene kommt jedoch ein ganz anderer Aspekt zum Tragen, der dem Ansatz von Borchert näher liegt. In seiner Geschichte geht ja nicht vordergründig um das Verhalten eines Vorgesetzten, sondern um die Absurdität und Menschenverachtung des Krieges. Dieses hat Uwe Thein sicherlich filmisch auf den Punkt gebracht.

Aufgabenvorschläge

Vergleiche die im Drehbuch vorgesehene Puppenszene mit der Traumszene im Film. Wie wird dadurch jeweils die Persönlichkeit des Jesus dargestellt?

Der Vergleich von Drehbuch und Film macht deutlich, dass nicht alle Planungen auch so umgesetzt wurden. Uwe Thein beschreibt in seinem Bericht einige der Schwierigkeiten, die das Wetter oder zum Beispiel die Schall isolierenden Helme bereiten können. Die dann eher zufällig entstandene Szene im Schneesturm stellen eine interessante Variante dar, bei der zu überlegen wäre, ob die Text oder Film-Fassung eindrücklicher wirkt.

Aufgabenvorschläge

Vergleiche die Passagen in Text und Film, in denen sich Jesus zum ersten Mal weigert, sich ins Grab zu legen. Beschreibe die Unterschiede in der Darstellung und begründe, welche Variante am eindrücklichsten Jesus Haltung zum Ausdruck bringt.

Bei der Beschäftigung mit allen vier Verfilmungen liegt sicherlich die Frage nahe, wie sich der Filmstil der beiden Regisseure unterscheidet. Alle Filme sind in schwarz-weiß gedreht - hier haben beide die gleiche Entscheidung gefällt. Küper hat bewusst Wert gelegt auf ruhige und langsame Einstellungen, die heutige eher gewöhnungsbedürftig sind. Thein hat kürzere Einstellungen gewählt, auf Musik verzichtet und die Gedankentexte mit aufgenommen. Darauf hat Küper verzichtet - obwohl zum Beispiel die Geschichte Auf der Flucht ähnliche Passagen enthält. Welcher Stil entspricht eher der lakonischen Erzählweise der Nachkriegszeit, welcher Stil wird von der heutigen jungen Generation eher verstanden - diese Frage könnten am Ende der Unterrichtseinheit stehen.

Aufgabenvorschläge

Diskutiere die Frage, ob diese Geschichten als Farbfilme eine ähnliche oder veränderte Wirkung haben würden. Stelle Argumente für eine schwarz-weiß und eine farbige Version zusammen.
Vergleiche die filmische Umsetzung der Regisseure Küper und Thein. Wie unterscheiden sich Einstellungslängen, Kamerabewegungen und Ton?
Welche Verfilmung entspricht am ehesten dem lakonischen Erzählstil der Nachkriegsliteratur? Begründe deine Meinung mit dafür typischen Einstellungen!