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"Nachts schlafen die Ratten doch"

"Nachts schlafen die Ratten doch"

Die Eingangsszenen dieses dritten Teils unterscheiden sich grundlegend von der Textvorlage: Der Film steigt nicht unmittelbar in die Texthandlung ein, sondern zeigt zunächst einen erläuternden Vorspann. Die mit einem erklärenden Ton unterlegten Archivbilder von zerstörten Häusern, die offenbar den Schülerinnen und Schülern eine Vorstellung von den Folgen der Bombardierungen der deutschen Großstädte vermitteln sollen, stellen sicherlich eine mögliche Aktualisierung dar, wobei man diskutieren könnte, ob bei der Kriegsberichterstattung z. B. aus dem Balkangebiet solche erläuternden Bilder überhaupt notwendig sind.

Aufgabenvorschläge

Setze den Eingangskommentar des Filmes vor die Kurzgeschichte und lies beides zusammen laut vor! Beschreibe die Veränderungen, die sich dadurch für den Text ergeben!

Vergleiche diese erweiterte Geschichte mit den typischen Merkmalen einer Kurzgeschichte!

Die entscheidenderen Veränderungen nimmt Küper mit den folgenden Szenen vor, in denen sich der Mann in einem zerstörten Haus um seine Kaninchen kümmert. Festgelegt ist hiermit die Perspektive des Films, nämlich die des Mannes. Der Text dagegen hält streng die Perspektive des Jungen ein, dieser ist allein und fürchtet sich vor seiner Entdeckung.

Aufgabenvorschläge

Montiere aus dem vorliegenden Ratten-Film einen neuen Film, der die Perspektive des Jungen einnimmt! Die ersten Einstellungen mit dem Mann und seinen Kaninchen sollen dazu nicht am Anfang stehen, sondern später in den Film eingebaut werden. Wie verändert sich dadurch die Aussage des Films?

Außerdem geht der Blick gleich zurück auf die Flucht und deren Folgen: Im Garten stehen zwei Kreuze für seinen Sohn und seine Frau. Die Leerzeit zwischen dem zweiten und dritten Teil wird mit diesen wenigen Andeutungen gefüllt: Ein Mann überlebt nach einer offenbar missglückten Flucht in Trümmern des Krieges. Seine Frau ist wie sein Sohn gestorben, ihm sind nur noch seine Kaninchen geblieben, die ihn ständig an seinen Sohn und damit auch an seine Schuld erinnern. Steht bei Borchert das Symbol Kaninchen für Leben, das das Todessymbol Ratte in den Hintergrund gedrängt hat, so erinnern im Film die Kaninchen zumindest am Anfang an den Tod.

Aufgabenvorschläge

Entwirf einen Text, der die Ereignisse zwischen dem zweiten und dritten Teil der Fortsetzungsgeschichte zusammenfaßt! Ergänze dabei die offengelassenen Handlungsabläufe mit möglichen Ereignissen, die zu der dritten Filmgeschichte passen!

Produziere einen Vorspann für diese Filmgeschichte, in dem die Handlung zwischen dem zweiten und dritten Teil zusammengefaßt wird! Verwende dazu Filmbilder bzw. Standbilder aus dem zweiten Teil und sprich dazu aus dem OFF den zusammenfassenden Text!

Während der Film wie ein Text beginnt - erklärend und zusammenfassend, der Text aus dem OFF könnte auch ohne Bilder verstanden werden - beginnt Borchert seine Geschichte wie ein Drehbuch: Die Kulisse wird beschrieben mit dem Staub der Ruinen und der blauroten Sonne, die Stellung der Personen zueinander, die Kameraperspektive sowie der Kameraschwenk (Zeile 1 - 28). Borchert verwendet hier also eine filmische Schreibweise, die auf jeden Fall für die unterrichtliche Erarbeitung genutzt werden sollte. Es bietet sich daher an, für die Eingangssequenz ein Drehbuch oder ein Storyboard entwickeln zu lassen, da die Umarbeitung hier sehr leicht fällt.

Aufgabenvorschläge

Entwirf für den Anfang der Kurzgeschichte (Zeilen 1 - 28) ein Storyboard oder ein Drehbuch! Vergleicht die Fassungen der Gruppen mit dem Drehbuch der Verfilmung!

Die Perspektiv-Verschiebung zeigt schon an, dass diese dritte Verfilmung der am stärksten veränderte ist. Beide Personen sind anders gezeichnet. Der Junge der Kurzgeschichte fühlt sich bedroht, der Mann steht dunkel fast über ihm mit dem Messer in der Hand. Der Junge im Film reagiert eher trotzig, will einfach den Grund seines Wachens nicht verraten. Er dreht sich weg. Diese Unterschiede sowie die Beziehungen der beiden Personen zueinander werden auch schon durch ihre Stellung verdeutlicht. Während im Text der Mann die ganze Zeit steht und auf den Jungen herabblickt, setzt sich im Film der Mann neben den Jungen. Sie geben sich vertrauter, der Mann gibt ihm Brot und vertraut ihm am Ende sein Messer an. Nachstellen können Schüler diese Konstellationen im Sinne einer szenischen Interpretation , um so die unterschiedlichen Beziehungen herausarbeiten zu können.

Aufgabenvorschläge

Stelle die Figurenkonstellation von Mann und Junge der Text- und der Filmfassung nach! Was sagt die Stellung zueinander jeweils über das Verhältnis der beiden Personen aus?

Schreibe für das 4. Standbild des Films (s. Fotos zu Nachts schlafen die Ratten in dieser Broschüre) einen inneren Monolog des Jungen und vergleiche ihn mit der Textfassung!

Die Vorgeschichte des Films und der Einbau in die Trilogie führt zu einer inhaltlichen Verschiebung, die die Ausrichtung des Textes stark verändert. Kümmert sich bei Borchert der alte Mann um einen fremden Jungen, so sieht jener bei Küper seinen eigenen Sohn vor sich und versucht, seine Schuld wieder gutzumachen. Geht es Wolfgang Borchert um die existenzielle Grunderfahrung des Verlorenseins und der Perspektivlosigkeit, um das Leiden der Kinder im Krieg, so geht es bei Küper um die vielleicht unausweichliche Schuld dieses einen Mannes.

Diese Anknüpfung an die "Sündenfälle" der Vergangenheit inszeniert Küper ganz bewusst und sehr geschickt. Während in der Kurzgeschichte der Junge nicht an Hunger leidet und sogar einen halben Laib Brot besitzt, kommt im Film dem Mann, wenn auch nicht im ersten Anlauf, endlich der Gedanke, dass der Jungen hungert und er ihm das lebenswichtige Brot bringen muss. Damit greift Küper nicht nur die Metapher des Brotes wieder auf, sondern gibt ihm eine beinahe religiöse Bedeutung: Das Brot des Lebens!

Aufgabenvorschläge

Montiere in die Szene, in der der Mann dem Jungen das Brot reicht, Bilder aus dem Film Die Flucht als Erinnerungsbilder des Mannes!

Vergleiche diese Bilder mit der Situation im Text, indem du einen inneren Monolog des Mannes in dem Augenblick verfasst, als er sich umdreht und gehen will (Kurzgeschichte Zeile 92)!

Zwischen Text und Film gibt es weiterhin einige inhaltliche Differenzen, die nicht im Zentrum der Interpretation stehen sollten, aber dennoch die Grundstimmung der Geschichte beeinflussen können (s. Anhang zu diesem Kapitel: Vergleich der literarischen Vorlage mit dem Film).

Aufgabenvorschläge

Vergleiche den Handlungsablauf und die Dialoge des Drehbuches mit der Kurzgeschichte. Welche Inhalte sind weggelassen und welche neu hinzugekommen? Wie wird die Filmgeschichte dadurch verändert?

Borchert gibt dem Schluss seiner Geschichte durch die Farbmetaphorik einen besonderen Hoffnungsschimmer. Der Mann entschwindet in die rote Abendsonne, in seinem Korb ist grünes Futter - beides hebt sich deutlich von der grauen Schuttwüste ab. In dem Küper-Film wird die Stimmung wesentlich mitbestimmt durch die Musik. Ein Vergleich der Schlussstimmung der Geschichte mit der Musik des Filmendes könnte folgende Unterschiede herausarbeiten: Während in der Geschichte Hoffnung im wahrsten Sinne durchscheint, bleibt die Stimmung im Film verhalten. Die Musik bleibt langsam und melancholisch, der Gesichtsausdruck des Jungen undurchschaubar und verschlossen. Ist eine Hoffnung heute nach den Erfahrungen der vielen Kriege und der Leiden der Kinder in den Kriegen der Welt nicht mehr möglich?

Aufgabenvorschläge

Überlege dir eine passende Musik für das Ende der Kurzgeschichte! Vergleiche diese später mit der Musik des Films. Welche Grundstimmungen werden jeweils vermittelt?