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Material zur Verfilmung Das Brot


Wolfdietrich Schnurre: Und was ist mit den Wundern?

Vater lief erst ein paarmal im Nachthemd im Zimmer herum und rieb sich fröstelnd die Oberarme dabei. Dann blieb er dicht vor mir stehen.
"Liebst du die Menschen?" Er schien die Luft anzuhalten; man hörte auf einmal seinen Atem nicht mehr.
"Hör mal", sagte ich, "wo wir so viele nette kennen."
"Also." Vater atmete aus und stieg wieder ins Bett.
"Was heißt also?" fragte ich.
"Also heißt, dann kannst du auch Wunder vollbringen."
Ich hatte auf einmal Herzklopfen bekommen. "Du meinst, Wunder kriegt jeder fertig?"
"Jeder der liebt", verbesserte Vater und boxte sich sein Kissen zurecht.


Aus: Wolfdietrich Schnurre: Der Schattenfotograf. München 1978. S. 65


HINWEISE ZUR INTERPRETATION DES FILMS


von Thomas Küper

Im Mittelpunkt des Films steht eine furchtbare Entdeckung: Der Vater der Familie stillt seinen Hunger auf Kosten von Kind und Frau, nachts, heimlich - wie ein Dieb. Äußere Kriegswirklichkeit und innere Eherealität korrespondieren miteinander. Die Angst vor Verfolgung weckt den Wunsch nach Flucht (Globus), die Sehnsucht nach Liebe (Gedicht) wächst in einer eingefahrenen, einfallslosen Beziehung.

Aber weder der "Traum" von Freiheit noch der von Liebe vermag das Ehepaar zu veranlassen, die eigene Situation zu bedenken. Keiner der beiden "Träume" führt das Ehepaar aus ihrer Realität heraus, sie sind nur Teile dieser Realität, Teile, die diese nicht verändern können. (Die filmische Umsetzung: der Globus wird in die Ecke gestellt; das Buch der Lieder "verschwindet" im Küchenschrank). Beide Ehepartner scheinen unfähig, aufeinanderhin zu leben.

Von ihren jeweiligen existenziellen Träumen wollen sie - jeder für sich - nichts wissen. Sie ernten, der Träume wegen, nichts als Vorwürfe (Frau: Globuskauf unwichtig; sie "spielt" nur mit ihm. Mann: "...wenn dieses Buch jemand sieht..."; er "versteckt" es.). Gerade diese Träume scheinen ihrem gemeinsamen Leben im Wege zu stehen.

Der zentrale Dialog in der Küche zeichnet die Struktur der Beziehung nach. Die Eheleute vertuschen ihr eigentliches Problem, verharmlosen es, erklären es zum Tabu: Ihr Dialog stellt sich dar als Zeremoniell ängstlichen Ausweichens. Auf diese Weise wird er zum Ausdruck ihrer Beziehungslosigkeit selbst, ihrer gegenseitigem Entfremdung. Er ist geradezu die Verhinderung menschlichen Miteinanders. (Vgl. auch die Sitzordnung der Eheleute: Sie sitzen sich nicht gegenüber, sitzen nicht "miteinander", sondern "nebeneinander", "aneinander vorbei").

Das "Wunder" bahnt sich unmerklich an: die Frau hält sich nicht an die Kausalität der Konvention, sie sprengt gesellschaftlichen Konsens und verzeiht. In einer exemplarischen Geste der Menschenfreundlichkeit lernen sich beide neu kennen, wird ein neuer Anfang geschaffen.... wird Gott sichtbar.