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Rückblickende Kurzfilme - Einleitung


Der Krieg schraubte einen zurück. Man war auf Steinzeiterfahrungen verwiesen. Angst, Tod, Grauen, Hunger, Mut, Verzweiflung, Feigheit hobelten einen auf Null.

Wolfdietrich Schnurre

 


Wir sind die Generation ohne Glück, ohne Heimat und ohne Abschied.

Wolfgang Borchert


In den letzten Jahren sind von zwei Regisseuren vier Erzählungen von Wolfgang Borchert und Wolfdietrich Schnurre verfilmt worden, die sich mit den existenziellen Grenzerfahrungen der Menschen im Krieg und in der Nachkriegszeit beschäftigen. Borcherts und Schnurres Kurzgeschichten gehören zu einem beinahe unverzichtbaren Literaturkanon des Deutschunterrichts. Sowohl zum Thema Kurzgeschichte als auch zur Epoche der Nachkriegsliteratur stellen ihre Texte grundlegende Beispiele dar, die in verschiedenen Klassenstufen immer wieder gelesen werden.

Aktuelle Verfilmungen dieser zentralen Texte sind für den Literaturunterricht ein außergewöhnlicher Glücksfall, weil sie Interpretationen aus doppelt veränderter Perspektive darstellen: Sie übertragen zum einen die Texte in Filmbilder, übersetzen also die Worte in ein Medium aus Bildern und Sprache. Zum anderen blicken sie aus heutiger Perspektive auf die Kriegs- und Nachkriegserfahrungen - aus einem Abstand von 50 Jahren, jedoch vor dem Hintergrund von neuen Kriegserfahrungen in Europa.

Eine intensive Beschäftigung mit Interpretationen muss den Ausgangstext immer fest im Blick haben. Damit ergeben sich für die Unterrichtspraxis zahlreiche Möglichkeiten, sich mit den literarischen Texten und ihren Übertragungen auseinanderzusetzen. Spannend ist dabei sicherlich der Vergleich von Texten und Filmen unter der Fragestellung, welche Sichtweise die Regisseure aus heutiger Sicht herausgearbeitet haben.

Der Regisseur Wolfgang Küper, der die Geschichten Das Brot, Auf der Flucht und Nachts schlafen die Ratten doch verfilmt hat, geht dabei einen besonderen Weg. Die drei eigenständigen Texte von zwei Autoren hat er zu einer Fortsetzungsgeschichte einer Familie im Dritten Reich montiert. Dabei verändern sich sowohl historische Einordnung, thematische Ausrichtungen als auch charakterliche Züge einzelner Personen, obwohl der Erzählkern erhalten bleibt. Daher ist es auch durchaus möglich, die Geschichten und ihre jeweiligen Verfilmungen einzeln im Unterricht zu bearbeiten. Sie können zum Beispiel in einer Reihe von Texten zu menschlichen Grenzerfahrungen eingebaut werden, ohne dass die anderen Geschichten aufgenommen werden müssen.

Interessant bleibt natürlich die Beschäftigung mit allen drei Teilen der Fortsetzungsgeschichte, weil sie eine ungewöhnliche Interpretation darstellt und eine Reihe von Fragen aufwirft: Gehen die einzelnen Geschichten mit ihrem prägnant einfachen Erzählstil in der Trilogie unter oder werden sie im Gegenteil deutlicher herausgearbeitet? Bleiben die Aussageabsichten der Autoren erhalten oder gehen sie durch den Einbau in eine Gesamtgeschichte verloren? Gelingt es Küper, die Kriegs- und Nachkriegszeit für die heutige Generation plastischer darzustellen oder behalten eher die Schlaglichter der Kurzgeschichten eine größere Prägnanz?

Der Regisseur Uwe Thein behält vielleicht noch deutlicher in seiner Verfilmung Jesus macht nicht mehr mit den lakonischen Stil dieser Kurzgeschichten bei. Nach dem ersten 10-Sekunden-Schwenk am Anfang ist zwar klar, dass die Geschichte im Krieg spielt, aber die genauen Umstände erschließen sich erst im weiteren Verlauf der Handlung - wie in der Kurzgeschichte. Im Gegensatz zu den literarischen Vorlagen der Küper-Verfilmungen stehen hier die Erfahrungen von Soldaten im Zentrum. Zwar sind es keine Kampferfahrungen, aber die Absurdität und Unmenschlichkeit des Krieges wird vielleicht durch diese skurrilen Grabszenen noch deutlicher herausgearbeitet.