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Zeitungsausschnitte

 

„Affaire Blum":

Die Presse hatte Gelegenheit, diesen Film der Defa, der seit gestern im Lichtspielhaus Weißgerbergraben läuft, in einer Sondervorstellung zu sehen. "Affaire Blum" ist ohne Zweifel der bisher beste Film der deutschen Nachkriegsproduktion.
Zunächst einmal ist dieser Film ein ganz ausgezeichneter Kriminalstreifen, wie man ihn schon lange Zeit nicht mehr so fesselnd und spannend gesehen hat. Die story dieser Affaire beruht auf einer wahren Begebenheit aus dem Jahre 1926. Vom Beginn an mit dem fingierten Zeitungsinserat über den Raubmord mit im Keller verscharrter Leiche, der Entdeckung des Mörders, von dessen frechem und erfolgreichem Lügen vor dem Untersuchungsrichter bis zu seiner schließlichen
Überführung entbehrt dieser Stoff nichts an Grausamkeit. Skrupellosigkeit und menschlicher Verworfenheit. Er greift in jeder einzelnen Szene in nicht unerheblichem Maße an die Nerven der Zuschauer und läßt diese Spannung nicht einen Augenblick lang verlorengehen.
Zum zweiten aber ist in diese Kriminalgeschichte eine politische Atmosphäre verwoben, die einen eindringlichen Einblick in die Verhältnisse der ausgehenden Weimarer Zeit vermittelt. Es ist das Bestechende dabei, daß sowohl die kriminelle als auch die politische Seite dieses Streifens für sich allein bestehen könnte, daß beide sich aber auch zu einer wohl noch selten erlebten filmischen Geschlossenheit vereinigen. Dieser Film gibt eine Schilderung jener Zeit, in der die politische Voreingenommenheit ihre Existenz anmeldete, in der man auch vor Gericht nicht nach der Schuld, sondern nach der Weltanschauung und politischen Einstellung zu forschen begann. So wird auch hier ein völlig Unschuldiger In einen politischen Bannkreis hineingezogen, wird von "reaktionären" Richtern und politischen Intriganten immer mehr in eine völlig grundlose Schuld verstrickt, die die Richter letzten Endes ohne Zweifel zu einem Fehlurteil und einen Justizmord geführt hätte, wenn nicht ein objektiver Detektiv den wahren Sachverhalt der ganzen Geschichte aufgedeckt hätte.
Es ist merkwürdig: dieser Film hat weder stilistisch noch formal, weder inhaltlich noch von der Kamera her eine nur ihm eigene Note. Er ist in keiner Weise avantgardistisch. Im Gegenteil, er wandelt künstlerisch in längst bekannten und traditionellen Bahnen. Und dennoch ist nach dem Krieg noch kein deutscher Film gezeigt worden, der von gleicher erschütternder Wirkung gewesen wäre. Dies hat seinen Grund darin, daß auch nicht ein einziges Mal davon abgewichen wird, in konzentriertester, sachlichster und klarster Art nur das zu sagen, was unbedingt gesagt werden muß. [...]
Dieser Film ist Darstellung geschichtlicher Tatsachen. Er ist aber zugleich Mahnung für unsere Zeit. Es ist sein besonderes Bene, daß diese Mahnung nicht in salbungsvollen Reden aufdringlich an das Ohr des Zuschauers kommt, sondern allein aus der Handlung selbst, die unbedingt zur Stellungnahme zwingt. Es ist Sache des Publikums, zu beurteilen, ob Vorkommnisse wie in diesem Film auch in der Gegenwart noch möglich sein könnten. Viele, die mit offenen Augen durch unsere Zeit gehen, werden diese Möglichkeit nicht von der Hand weisen wollen.
Alles in allem: ein Kriminalfilm und ein publizistischer Film von hohem Wert, in der Reihe der wenigen guten deutschen Nachkriegsfilme, wie schon gesagt, ohne Zweifel der beste.

Der neue Film „Affaire Blum". In: Mittelbayerische Zeitung, Regensburg, 12.11.1949.

Berüchtigter Justiz[skandal]:

"Affaire Blum" - ein Schwarz-Weiß-Film aus einem Guß. Logisch, packend im Ablauf, dicht in der Atmosphäre, künstlerisch bedeutend in der Intensität der nahtlos aneinandergefügten effektvollen Bilder (Kamera Friedl Behn-Grund), bestechend in der starken schauspielerischen Besetzung, inszenierte Erich Engel diesen Stoff (Drehbuch F. A. Stemmle), der ihn seit langem beschäftigte: den berüchtigten Justizskandal der Weimarer Republik, der in den zwanziger Jahren in Mitteldeutschland mit der Ermordung eines Buchhalters begann. In großer Aufmachung berichteten die Zeitungen davon, die Behörden griffen ein, der Landtag nahm Stellung, denn des Mordes verdächtigt wurde der jüdische Fabrikant Blum (in Wirklichkeit Haas) und die antisemitische Untersuchungskommission ließ sich für politische Zwecke mißbrauchen. Sensationell war die Entlarvung des wahren Täters, sensationell waren die politischen Hintergründe, in denen sich die Wurzeln zu jener brutalen „Rechtsfindung" nach dem „gesunden Menschenverstand" abzeichneten, der durch und durch krank war und den deutschen Rechtsstaat vernichtete.
Dieser dokumentarische Streifen ist eine Abrechnung mit jenen verbohrten und verkommenen Kreisen, die den Nazis in den Sattel halfen. Er erhielt seine stärksten Momente durch die charaktervolle Figur des Juden Blum in der noblen .Darstellung von Kurt Erhardt und durch seinen überzeugenden Einsatz für Recht und Wahrheit. Aber er vermeidet nicht die billige Verallgemeinerung und Simplifizierung. Es ist ein Film in Schwarz-Weiß, wir sagten es schon. Alle Personen um die Partei Blum sind helle Lichtgestalten, klug, menschlich, sympathisch. Ja, sogar der Mörder erregt Mitgefühl und ist eigentlich ein Opfer. Alle von der Gegenseite sind dunkel, dumm, teuflisch, verbrecherisch (hier karikierten und übertrieben die Schauspieler mit Genuß. Ein Genuß, es zu sehen!) Tragischerweise war alles in Wirklichkeit schwerer durchschaubar, viel schwerer als hier die, dicke Tendenz in Schlagworten: für die Juden, für die Kommunisten, für die Unterdrückten, für die Spießer, für einen Kapitalisten (Blum); gegen die Nazis, gegen die Korpsstudenten, gegen die Spießer, gegen die Kapitalisten. Alles in Bausch und Bogen.
Die These Upton Sinclairs, nach der die Kunst immer Propaganda ist, ob gewollt oder nicht, hat ihre Anerkennung und Anwendung gefunden. Die Sowjets schufen (oft meisterhaft getarnte) Propagandafilme, die Nazis drehten solche Filme, die Defa folgt diesem Rezept. Es ist außerordentlich bedauerlich bei diesem Film [...], der ohne Übertreibungen in der Stärke seiner humanen Grundidee von edelster Wirkung hätte sein können.

Erika Müller: Berüchtigter Justiz[skandal]. In: Lübecker Nachrichten, 1950.

Begründung für das Prädikat „Besonders wertvoll" durch die Filmbewertungsstelle Wiesbaden, Bewertungsausschuß:

Der Bewertungsausschuß erteilt dem Film das Prädikat „Besonders wertvoll".
Dieser Film aus dem Jahre 1948 ist ein erstaunlicher Fall. Insofern, als er eine in sich schlüssige, in höchstem Grade spannende Geschichte um einen falschen Mordverdacht erzählt und gleichzeitig das kritische Porträt einer Zeit gibt, die politisch bestimmt ist vom Heraufkommen des Rechtsradikalismus, der sich zuletzt im Nationalsozialismus verhängnisvoll verwirklichte.
Der Regisseur Erich Engel entwickelt die Handlung, von der gesagt wird, daß sie auf Tatsachen beruhe, in konsequent realistischem Stil. Glaubwürdig ist das Milieu, glaubwürdig jedes Requisit, glaubwürdig bis in die Nuance. Hinzu kommt die Fähigkeit der Regie, expressive Tendenzen in ein realistisches Filmkonzept zu integrieren, Menschen bis an den Rand der Karikatur zu treiben, aber diese Grenze mit solcher Sicherheit einzuhalten, daß nie der Eindruck entsteht, hier handele es sich um bloße Fiktion und nicht um Wirklichkeit. Diese stilistische Fähigkeit der Regie ist vor allem bemerkenswert, und ihr gelingt es, die Form so radikal mit dem Inhalt zu identifizieren, daß ein in sich stimmiges und geschlossenes Ganzes entstanden ist.
Wenn der Bewertungsausschuß glaubt, leichte Abstriche von der Überzeugungskraft des Gesamtkonzeptes machen zu sollen, dann nur in ein paar geringfügigen Einzelheiten. So scheint es nicht unbedingt sinnvoll, wenn der eigentliche Mörder neben seiner Vergangenheit als Freicorpskämpfer auch die Pose eines Korporationsstudenten anzubieten hat. Hier bemüht sich die Regie vielleicht um ein zuviel der Menschen-Charakterisierung. Die Folge ist, daß Typisches sich leicht vor die individuelle Regung schiebt. Trotzdem ist nicht zu verschweigen, daß der Regie hier ein hohes Maß an Differenzierung gelungen ist, an Differenzierung des Spiels, das sich vor realistischem Hintergrund immer mehr in ein leidenschaftliches Spiel (Symbolspiel) drängt. Der Bewertungsausschuß hält es für richtig, dies aus der Perspektive des Jahres 1948 zu sehen, als der Perspektive einer Zeit, in der der deutsche Film noch Möglichkeiten der Zeitdiagnose sinnvoll für sich in Anspruch nehmen konnte und dies in einigen Fällen, zu denen auch dieser Film "Affaire Blum"' gehört, mit Leidenschaft getan hat!
Der Bewertungsausschuß weist darauf hin, daß die Zeitbestimmung im Vorspann nicht mehr zutreffend ist. Er bittet daher den Antragsteller, ihn zu korrigieren.
Dr. Theo Fürstenau, Vorsitzender