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Zeitgenössische Kritik

Das große Kabarett der Gegenwart:

Das Kabarett war nie das Brettl einer allgemeinen Volksunterhaltung. Es spitzte die Pfeile seines Geistes, die aus dem Köcher des gehobenen Verstandes stammten, nur für eine besondere Kaste der Intellektualität, die den anspruchsvollen Themen gewachsen war und für den Zynismus, die Hintergründigkeit, die Exzentrik und den Individualismus dieser eigenwilligen Gattung der geschliffenen Kleinkunst das genügende Interesse und eine gewisse Überlegenheit mitbrachte.
Heute, in einer Zeit, die durch ihren grausamen Humor selbst wie ein großes Forum des Kabaretts wirkt, ist die kabarettistische Ausdrucksform geradezu ein Mode-Stil geworden. Die Rundfunksender bedienen sich eines kabarettistischen Zungenschlages. Die Bühnen entwickelten sich zum Brettl. Und jetzt wurde sogar noch der kabarettistische Film geboren. Statt der hektischen Ironie des Alltags auszuweichen, hält man ihr in der Kunst noch den Zerrspiegel vor. Statt den Himmel - und sei es auch nur der Himmel einer liebenswürdigen Illusion - zu zeigen, heizt man noch das Fegefeuer der eigenen Qual an. Jeder Witz hat den doppelten Boden einer aktuellen Beziehung. Jede Pointe ist in politischen Pulverdampf gehüllt. Und wehe dem armen Bürger, der sich für sein Eintrittsgeld den Eintritt in das Reich der Träume erkaufen will! - er wird nur immer sich selbst wiederfinden, seine Armseligkeit und sein unheimlich armseliges Milieu, dessen eigene Groteske ihn für die Übertreibung dieser Groteske bereits abgestumpft hat.
Es ist bezeichnend, dass nun auch der Film, dessen merkantile Erfahrung sich stets nach der Masse richtete, nach kabarettistischen Themen und Mitteln greift, die doch im übrigen sogar seinen Gesetzen widersprechen - denn früher (und das lag wiederum an dem Reichtum an künstlerischen Einzelleistungen) bestand das Kabarett nicht aus einer durchgehenden Handlung, sondern aus einer Reihe verschiedenartiger Nummern, deren Eigenwilligkeit sich aneinanderrieb. Zuerst servierte Helmut Käutner seinen Film "Der Apfel ist ab". Nun zeigte Günter Neumann seine "Berliner Ballade".
Die Reaktion auf Käutners saftlosen "Apfel", der aus dem Treibhaus geistiger Überzüchtung stammt, war unmißverständlich (Käutner bezeichnete die Premiere selbst als ein „Begräbnis erster Klasse"). Die Aufnahme von Neumanns „Berliner Ballade" hatte allerdings ein stärkeres Echo. Das lag daran, dass Neumanns geistige Kapriolen und Sprünge, die dem Film die unzähligen Facetten einzelner kabarettistischer Einlagen gaben, doch immer wieder den Weg auf den Boden und in eine natürliche Welt zurückfanden. Film braucht nun einmal den Schwerpunkt einer Realität und darf selbst bei der reizvollen Spielerei mit technischen und phantastischen Tricks diese Beziehung zur Wirklichkeit nicht außer acht lassen.
Trotz des berechtigten Achtungserfolges, den Günter Neumann für seine Begabung und das Raffinement seiner Leistung buchen darf, soll man jedoch diese Art von Filmen nur als einzelne Experimente für einige Kenner bezeichnen. Denn Kabarett wird nie das Brettl einer allgemeinen Volksunterhaltung. Und selbst nicht in unserer Gegenwart, die ein Hexentanz kabarettistischer Bitternis ist und sich deshalb naturgemäß aus dieser gespenstigen Welt heraussehnt ...

Cornelia Herstatt: Das große Kabarett der Gegenwart. In: Entscheidung, Berlin, 15.01.1949.

„Berliner Ballade":

Man spürt sofort: Die Väter dieses eigenwilligen Films sind Kabarettisten. Das Drehbuch von Günter Neumann lehnt sich - auch in den Chansons - an seine zeitsatirische Kabarettrevue „Schwarzer Markt" an, die Anfang 1948 im Berliner Ulenspiegel-Kabarett ständig ausverkauft war.
[...] Der vom Münchener „Simpl" bekannte Hauptdarsteller Fröbe, eine Fülle ironisch-witziger Einfälle und die Tatsache, dass das Ganze rückblickend von einem Sprecher aus dem Jahre 2048 im Plauderton berichtet wird, ließen das Wagnis gelingen, die düsteren Probleme des Falls Berlin ohne politische Tendenz humorvoll aufzulockern. Wir erheben uns für eine Stunde aus den Ängsten des Alltags und lachen „frei von Furcht" über unsere Zeit und uns selbst. Der Film ist eine Geschichtslektion, vor die das Vorwort des „Simplicius Simplicissimus" von Grimmelshausen gestellt werden könnte: „Es hat mir wollen behagen, mit Lachen die Wahrheit zu sagen."
Der Kameramann Georg Krause - „Karikatur mit der Kamera" hat man seine Arbeit genannt - zog bei den Aufnahmen nach Art der italienischen Neo-Realisten auf der Jagd nach Motiven durch alle Winkel Berlins. Die Berliner, durch die Presse aufmerksam gemacht, sollen durch originelle Tips tatkräftig geholfen haben. - Wir empfehlen den Film als ein Musterbeispiel heiterer Erziehungskunst von der Leinwand her.

„Berliner Ballade". In: Filmdienst der Jugend, Düsseldorf, 15.02.1949.

Edith Hamann: „Berliner Ballade":

Langsam beginnt der deutsche Zeitfilm sich aus dem starren Pathos, seiner seelischen und realen Trümmer zu lösen. Mit der Vergrößerung des Abstandes von den Ereignissen des Zusammenbruchs wächst der Wille, dieses Geschehen durch die Optik ironisch-satirischer Betrachtung zu fixieren. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn man - selbst auf die Gefahr hin, den Weg des üblichen Filmstils zu verlassen - nun entscheidende Anleihen bei dem zeitbezogenen politischen Kabarett macht.
Das Unternehmen ist eine Gefahr. Denn das einzige, was Kabarett und Film gemeinsam haben, ist der Gag. Aber was auf dem kleinen Ausschnitt der Bühne durch die Buntheit der Dekoration, durch den Wechsel von Solo- und Ensemble-Szenchen wirkt, wo die einzelnen Nummern als Perlen auf den Faden einer Idee gereiht sind, bedarf auf der schwarz-weißen Fläche eines stärkeren Fadens, um nicht zu zerreißen.
Günter Neumann fand ihn in dem Schicksalstagen von "Otto Normalverbraucher", dem heimgekehrten Berliner, betrachtet aus der Perspektive des Jahres 2048. Von seinem erfolgreichen "Schwarzen Jahrmarkt" hat er nur zwei Nummern übernommen: den Meckerer Werner Oehlschlägers mit seinem berühmten "Nee, wissense, nee" und das "Kampflied" der deutschen Männer. Es ist bezeichnend, dass gerade diese beiden Nummern sich nicht einfügen und am wenigsten "ankommen". Und doch muß dieser in jeder Beziehung mutige Versuch von Alf Teichs voll anerkannt werden. Es ist nicht entscheidend, inwieweit dieses Experiment gelungen ist, entscheidend ist die Tatsache, dass es überhaupt unternommen wurde. Dass das Publikum die Absicht merkte und nicht verstimmt, sondern angesprochen war, zeigt die Notwendigkeit dieses Vorstoßes in filmisches Neuland.
[...] Es bleibt auch müßig, darüber zu debattieren, ob dies nun filmisches Kabarett oder kabarettistischer Film sei - es ist eine wörtlich, bildlich und musikalisch gleich geistreiche Chronik geworden (wenn auch keine Ballade, so gut der Titel klingt), deren geistiger Vater Günter Neumann sich mit seinen Geburtshelfern R. A. Stemmle, Werner Eisbrenner und Georg Krause den Ruhm teilen kann, eine Form gefunden zu haben, die bisher im deutschen Film noch niemals so weit gelungen ist.
Dieser Film lebt von der Ironie des Wortes und vom Witz der Optik ebensosehr wie von der vorbildlich pointierenden Musik. Ob der Wannsee-Dampfer von Galeerensklaven betrieben wird, ob eine diplomatische Konferenz in ein mimisch-musikalisches Intermezzo aufgelöst wird, ob O. E. Hasse in einer überraschenden Doppelrolle Biertischstrategie mit sich selber führt, ob eine Parade noch nicht abgerüsteter Straßennamen durch schmissige Marschmusik persifliert wird - immer geschieht dies mit den wirksamsten Mitteln akustisch-optischer Brillanz.
Unter Stemmles kluger Regie und vor Krauses einfallsreicher Kamera tummelt sich eine Menge von Darstellern, unter denen der ausgezeichnete Aribert Wäscher, die liebenswürdig-witzige Tatjana Sais hervorragen. Gert Fröbe hat die Anonymität des heimgekehrten Normalverbrauchers. Auch ohne die Sprache des Berliners verleiht seine starke mimische Begabung der Zentralfigur etwas Allgemeingültiges, das weniger dem "Köppchen" als dem Herzen entspringt. Ute Sielisch ist genau das süße Kuchenfräulein seiner Träume. Ein gutes Stück Alt-Berlin verkörpert Hans Deppe als Lorbeerbaum-Verleiher und sehr amüsant Karl Schönböck in der Parodie eines Rundfunkreporters. Die Bauten von Gabriel Pellon und der ausgezeichnete Schnitt von Walter Wischniewsky haben die besonderen Schwierigkeiten dieses Films geschickt überwunden, wie überhaupt die Vollendung des Technischen nichts davon spüren läßt, dass er im blockierten Berlin entstand, unter Bedingungen, die in den westlichen Produktionsstätten unmöglich erscheinen. Der Mangel aber bedingte gleichzeitig die Atmosphäre, die hoffentlich auch die spüren werden, die kaum eine Vorstellung vorn heutigen Berlin haben.
Es ist bedauerlich, dass sich am Schluß der Zeigefinger plötzlich sichtbar erhebt, das ist vielleicht der einzige wirkliche Schönheitsfehler des geistreichen, liebenswürdigen, witzigen und amüsanten Werkes - wann hat man bisher einem deutschen Film alle diese Attribute geben können?
Die Berliner applaudierten im Marmorhaus während der Vorführung ebenso lebhaft, wie sie den Beteiligten herzlich dankten für einen Film, der es unternommen hatte, ihrer Stadt in ihren trübsten Tagen ein so heiteres Denkmal zu setzen. Professor Dr. Reuter und Polizeipräsident Stumm hatten das Protektorat übernommen und als Vertreter der Besatzungsmächte bekundeten Mr. Winston und Mr. Herald für den amerikanischen und Mr. Heigh Brown für den britischen Sektor ihr besonderes Interesse an diesem Berliner Zeitbild. Direktor Jakob gab mit einem echten Berliner Rummelplatz im Vestibül dem Ganzen die lokale Note, und sicher wird dieser im Dietz-Verleih und im Norddeutschen Filmverleih Adolf Bejöhr erscheinende Film auch außerhalb der Berliner Mauern seine verdiente Resonanz finden.

Edith Hamann: „Berliner Ballade". In: Der Neue Film Nr. 2, 1949.

Lebensernst im Schellenkleid des Humors:

Otto Normalverbraucher heißt der Held des FiIms „Berliner Ballade", den der Filmclub am Sonntag seinen Mitgliedern vorführte. Normalverbraucher - das soll doch wohl heißen, dass er eine Art Durchschnittsmensch Ist, der allen seinen Zeitgenossen irgendwie verwandt ist und ihnen etwas zu zagen hat. Wenn man ihn kennenlernt, wie er im abgetragenen Soldatenrock aus Rußland heimkehrt in seine Vaterstadt Berlin und sich zwischen den Trümmern kaum zurechtfinden kann, wie er zu Hause vor dem Nichts steht und sich mit seiner ihm zugeteilten Lebensmittelkarte mehr schlecht als recht durchschlägt, glaubt man in ihm einen alten Bekannten wiederzutreffen: den Normalverbraucher von nebenan, dem das Leben arg mitgespielt hatte, den aber die Not weise und einsichtig machte.
Viele von uns sind auf dem besten Wege, ihre mit Opfern errungene Einsicht wieder zu vergessen. Der Film will uns die im Krieg erfahrenen Lehren noch einmal in aller Deutlichkeit vor Augen halten. Auf welche Art er das erreicht, ist ebenso eigenwillig wie echt berlinerisch. Trotz der Ruinen, der Armut und des Elends tritt uns hier das alte Berlin in all seiner frechen Heiterkeit und seinem kecken Scharm entgegen. Sauertopfmienen kann der lebenskluge Berliner nicht um sich sehen, und daher kleidet er allen Lebensernst in das Schellenkleid der Satire, der Ironie, des Humors. Der Film gibt diese Lebenshaltung anschaulich wieder.
Unverkennbar ist die Note, die das Moment der augenzwinkernden Spitzbübischkeit erhöht und zugleich theaterhaft abstrahierend und mit grotesker Phantasie das Wesentliche in den Vordergrund rückt. Der Drehbuchautor, ein Kabarettist, hat mit Recht viel Liebe auf diese Schlaglichter geistreicher Ironie und Typisierung verwandt.
Was den Film aber besonders liebenswert macht, ist die Tatsache, dass der charaktervolle Normalverbraucher sich letzten Endes ohne alle zweifelhaften Mittel durchsetzt. Von der Gleichgültigkeit, dem Haß und dem Egoismus seiner Mitmenschen schon an den Rand des Grabes gebracht, rafft er sich noch einmal auf und bewegt sogar die Mitmenschen dazu, statt seiner ihre Fehler zu begraben.

Lebensernst im Schellenkleid des Humors. Der Filmclub zeigt „Berliner Ballade" - Ein Heimkehrer-Schicksal. In: Holsteinischer Courier, Neumünster, 07.03.1956.

„Berliner Ballade" bleibt aktuell:

Vielleicht war die Erinnerung im Jahre 1949 noch zu frisch, als Günter Neumanns kabarettistische Zeitsatire in den Kinos zu sehen war. R. A. Stemmle (Regie) verquickte das Dokumentarische mit der Persiflagenkritik so meisterhaft, dass man ein wenig mitschmunzelte. Aber wer konnte schon wissen, dass Otto Normalverbraucher (Gert Fröbe) die Entwicklung der „Berliner Ballade" um Jahre vorhersah? Im Ausland begriff man es besser und huldigte diesem deutschen Film als einem [sic] der besten Schöpfungen in einem neuen Geist, den man nicht als pazifistisch abtun kann.
[...] Wenn auch die Distanz zu den tragikomischen Erlebnissen des heimkehrenden Berliner größer geworden ist, die Sturzflut der geistreichen Bild-, Wort- und Tonsymbole führt jetzt über heitere Selbstspottung hinweg zu unheimlicher Betroffenheit. Da wird der Tag der Währungsreform gezeigt. Die Menschen, so heißt es, trauen dem Braten noch nicht. Sie fürchten, der Rummel mit Wehrpflicht, Rüstung, Kriegsdebatten und Biertisch-Strategie werde jetzt neu belebt, wenn nicht einiges begraben wird: Egoismus, Gleichgültigkeit und Haß. Hat die Vernunft inzwischen Fortschritte gemacht? Haben sich Ost- und Westberlin inzwischen nicht noch weiter als zu Otto Normalverbrauchers Zeiten auseinandergeredet? Man ging nach einer im Zeichen der Bewunderung des Films stehenden Diskussion mit einem bitteren Gefühl auf der Zunge auseinander. Wo steht der deutsche Film im Jahre 1955? Wo stehen wir alle schon wieder? Nicht mehr bei der "Berliner Ballade", die ein Staatsbegräbnis für unsere Angst vor der Zukunft vorschlug.

„Berliner Ballade" bleibt aktuell. Kabarettistische Zeitsatire aus jenen Tagen im Dortmunder Filmklub. In: Westdeutsches Tageblatt, Dortmund, 07.10.1956.