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Alternative Kritik und Analyse zum Film „Der Rat der Götter":


„Der Rat der Götter" als antiwestlicher Propagandafilm. Von Dirk Alt.

"Dieser Film ist den Freunden des Friedens in aller Welt gewidmet".

Die den Film „Der Rat der Götter" einleitende Widmung enthüllt bereits die ihm zugrundeliegende Strategie, vorgeblich die Forderung nach Pazifismus und Abrüstung zu erheben, tatsächlich aber politische Propaganda gegen die westlichen Demokratien zu transportieren. Das vermittelte Geschichtsbild entspricht der offiziellen kommunistischen Doktrin von der politischen Marionette Hitler, dessen Aufstieg ohne das hintergründige Wirken der Großindustrie gar nicht denkbar gewesen wäre. Als ebenso falsch wie diese historische Deutung entpuppen sich auch der Pazifismus und die Friedensliebe des Films „Der Rat der Götter".

Wo Chaplin 1940 den Traum seines „Großen Diktators" (USA 1940) Hynkel von der Weltherrschaft durch dessen Spiel mit dem aufblasbaren Globus illustrierte, läßt Maetzig die politisch-geostrategische Aufteilung der Welt durch den deutschen Industriellen Mauch und sein US-amerikanisches Gegenstück Lawson aushandeln. Die imperialistischen Triebkräfte des Nationalsozialismus bleiben dagegen ebenso ausgespart wie die strukturellen und politischen Grundlagen für den Massenmord an den europäischen Juden. Über Nationalsozialismus und Holocaust erfährt der Zuschauer wenig; die einzig sichtbare Verbindung zwischen der NS-Partei bzw. ihrem Staatsapparat auf der einen Seite und der Direktion der I.G. Farben auf der anderen stellt der Reichswehr-Offizier Schirrwind dar, der dabei aber keineswegs Nationalsozialist ist. Über Hitler heißt es aus dem Munde Tilgners lapidar: „Er wird so stark sein wie wir ihn machen werden", und: „Wenn er nicht schon da wäre, man müßte ihn direkt erfinden." (Sequenz 2) Sogar die Planung späterer Angriffskriege nimmt Geheimrat Mauch bereits 1933 vorweg, indem er Tilgner in seinen Expansionsplänen auf „das Vorgelände auf dem Balkan und die Rohstoffquellen im Osten" hinweist (Sequenz 3).

Eine Sequenz von zentraler Bedeutung ist das einvernehmliche Gespräch zwischen Lawson als Direktor der Standard Oil und seinem deutschen Gastgeber Mauch unmittelbar vor Kriegsausbruch (Sequenz 8). Darin heißt es:
Mauch: „Nach Unterzeichnung des Vertrages wird unsere Zusammenarbeit weitergehen - ganz gleichgültig, ob Amerika in den Krieg eintritt oder nicht?"
Lawson: „Klar. Wir werden einen modus vivendi finden. Ein Krieg, denke ich, wird unsere Geschäfte enorm beleben, besonders den Absatz Ihres synthetischen Benzins."
Mauch: „Und Ihres Erdöls."
Lawson lacht.
Mauch, etwas besorgt: „Und wir werden einander da räumlich nicht ins Gehege kommen?"
Lawson: „Weshalb? Ich denke, wir handeln ganz im Sinne der Münchener Beschlüsse, wenn wir Ihnen Mitteleuropa und Rußland bis zur chinesischen Grenze konzedieren."
Mauch: „Und die ganze übrige Welt wäre Ihr Gebiet?"
Lawson nickt und deutet eine Verbeugung an.

Hier gelingt Maetzig das Kunststück, das Feindbild von gestern (den Faschismus) mit dem gegenwärtigen (dem amerikanischen Kapitalismus) auf für ein gläubiges Publikum überzeugende Weise zu verklammern. Wo die NS-Propaganda hinter Krieg und Elend noch das sogenannte Weltjudentum am Werk sah, tritt in Maetzigs Film eine Allianz international wirkender Kapitalisten, welche die Ausbeutung und Vernichtung der friedliebenden Völker bezwecken. Auch stilistisch ergeben sich Parallelen zum NS-Propagandafilm, denn „Der Rat der Götter" erinnert in seinen satirisch überzeichneten Szenen an unterhaltsam konzipierte NS-Filme wie etwa „Venus vor Gericht" (1941 / Hans H. Zerlett), der die Kulturlandschaft der Weimarer Republik karikiert, in seiner unpathetischen ideologischen Kompromißlosigkeit dagegen an „Friesennot" (1935 / Peter Hagen) oder „Heimkehr" (1941 / Gustav Ucicky).

Die Schablonenhaftigkeit von Handlung und Figuren fügt sich reibungslos in die ideologische Konstruktion ein. Die Antagonisten gelangen über die Karikatur nicht hinaus: Man beachte etwa Herwart Grosses Darstellung des Direktors van Decken, die mehrfach die Grenze zur Persiflage überschreitet. Das Bürgertum unterwirft sich der nationalsozialistischen Herrschaft aus politischer Blindheit und Lethargie heraus. Lediglich eine Gruppe braver Arbeiter unter Führung des aufrechten Onkel Karl leistet mit Flugblattaktionen Widerstand. Onkel Karl durchschaut auch von Anfang an die Verschleierungsmethoden der Direktion, die von der Arbeiterschaft unbemerkt Kampfstoffe herstellen läßt: „Die Herren wollen sich nicht in die Karten sehen lassen. Weil sie einen Grand aus der Hand spielen wollen. Wißt ihr, wie der Grand heißt? - Der Grand heißt Krieg!" (Sequenz 6)
Auf die Metapher des Kartenspiels nimmt eine Sequenz nach Kriegsende bezug, wenn der soeben aus der Haft entlassene Mauch mit seinem neuen Geschäftspartner Lawson gesellig beisammensitzt und Pläne für den Wiederaufbau der westdeutschen Rüstungsindustrie schmiedet: „Also, ein neues Spiel - und Sie geben aus, Mr. Lawson." (Sequenz 18)

Das letzte Drittel Films, in dem sich der Kreislauf der Aufrüstung zu wiederholen scheint, dient Maetzig zur Diffamierung der amerikanischen Besatzungsmacht und der westdeutschen Republik. Genüßlich inszeniert er den Nürnberger Prozess als eine Farce, im Militärgefängnis läßt sich der inhaftierte Tilgner von seinem amerikanischen Bewacher eine Massage verabreichen; eine Haftstrafe verbüßt letztlich keiner der Angeklagten. Als Folge der geschäftlichen Neuordnung sinkt der kaltblütige Stratege Mauch zu einem Handlanger seines übermächtigen Partners Lawson herab, der mit zynischem Unterton über die westdeutsche Bevölkerung urteilt: "Die Leute hier haben den Sinn unserer Demokratie noch nicht verstanden." (Sequenz 18) Das letzte Drittel des Films macht deutlich, worin dieser Sinn besteht: nämlich in der Herstellung von Kampfmitteln und Raketentreibstoffen für die US-amerikanische Besatzungsmacht.
Die Schlußsequenz enthält ein überraschendes Quentchen Revolutionsutopie: Nach der Explosionskatastrophe flüchtet sich Mauch vor der aufgebrachten Bevölkerung in seine Villa. Lawson schlägt vor, mit Panzern und Tränengas gegen die Menschen vorzugehen. Tilgner fragt darauf: „Wer sollte uns daran hindern?", Mauch aber weist zum Fenster hinaus auf die bedrohlich herandrängenden Massen: „Ich fürchte, diese Menschen..." Die Überblendung auf die Friedensdemonstration des Jahres 1950 in Ostberlin suggeriert, daß sich hier die Utopie eines friedliebenden Staates verwirklicht hat. Man begegnet in dieser Schlußszene dem oft strapazierten Bildmotiv der mobilisierten Massen, das bereits im NS-Propagandafilm den politischen Aufbruch signalisieren sollte und doch nur die totalitäre Gestalt des dahinterstehenden Systems zu verdecken half.

Als Propagandafilm ist „Der Rat der Götter" heute vor allem deshalb sehenswert, weil er das in der jungen DDR verbindliche Geschichtsbild auf schnörkellose Weise filmisch illustriert, d.h.: eine in sich geschlossene weltanschauliche Erklärung für NS-Herrschaft und Weltkrieg aufbietet und dabei über personelle und strukturelle Kontinuitäten das neue Feindbild im Ost-West-Konflikt begründet. Die schlüssige Einbindung der Explosionskatastrophe von Ludwigshafen in das Gesamtkonzept wirkt dabei wie der schlagende Beweis für die Richtigkeit der durch Maetzig aufgestellten Thesen. Der verstörende Eindruck der Ereignisse vom Sommer 1948 dürfte die Suggestivkraft des Films auch in Westdeutschland erheblich verstärkt haben.