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Zeitgenössische Kritik


Die volle Wahrheit:

Für dreißig Pfennig Ost verkaufen die Platzanweiserinnen der Ostberliner Premierenkinos am Schönhauser Tor und in der Kastanienallee 32 Seiten Quellennachweis für den DEFA-Film „Der Rat der Götter". Die kupfertiefgedruckte Broschüre erklärt, daß dieser russisch lizenzierte Film über den deutschen IG-Farben-Konzern nach amerikanischen Dokumenten gedreht wurde. Und nach dem Buch "IG-Farben" des Amerikaners Richard Sasuly, ehemaliger Chef des Nachrichtenbüros bei der Finanzabteilung der amerikanischen Kontrollkommission in Deutschland.
Drehbuchautor Dr. Friedrich Wolf, Nationalpreisträger und ostdeutscher Botschafter in Warschau, erweiterte Handlung und Dialoge. Er läßt gegen Kriegsende deutsche und amerikanische Industrielle auf dem neutralen Parkett eines Genfer Hotels ausmachen, welche deutschen Werke von Bomben verschont bleiben. Die Air Force respektiert drehbuchgemäß das Abkommen und hütet sich, die deutsche Giftgasproduktion zu stören. Wolf läßt auch amerikanische Richter die deutschen Konzernherren auf der Leinwand freisprechen, "um die Kriegsgeschäfte zu vertuschen". In Nürnberg wurden sie verurteilt.
Die Hitlerwahl von 1933 wird mit IG-Farben beleuchtet. „Der Rat der Götter" - so sollen sich die Mitglieder des Verwaltungsrates selbst genannt haben - finanziert Hitler. Ein Statist in schlechter Hitler-Maske schüttelt Industriellenhände.
Es gibt auch Originalaufnahmen von Hitler. Seine Rede „Deutsche Arbeiter, fanget an!" startet eine Montage von Rüstungsszenen. Die Bildübergänge zwischen Archivfilm und Neugedrehtem sind schwerer zu erkennen als die Dialogübergänge zwischen Protokoll und Friedrich Wolf.
Regisseur und Nationalpreisträger Dr. Kurt Maetzig hat viel optische Kunst an das Thema verwendet. Die Ludwigshafener Explosionskatastrophe vom Juli 1948 hat Maetzig nach bestem Pudowkin-Eisenstein-Vorbild in erregende Massenbilder umgesetzt. Selbst wenn er die demonstrierende FDJ mit Antikriegshetzer-Transparenten lenkt, ist Maetzig den alten russischen Filmpionieren näher als den neuen russischen Filmfunktionären.
Denen ist er nahe, als er die weiße Rauchsäule (SPIEGEL Nr. 35/48), die durch Aetherexplosion entstand, als schwarze Wolke auf die Leinwand brachte. Als Beweis dafür, daß im Juli 1948 Raketentreibstoff explodierte.
In Laboratoriumsszenen meidet Maetzig die unechte Dramatik vieler Forscherfilme. Er ist Chemiker und betrieb nach 1933 mit seiner Frau, der Physikerin Dr. Marion Keller, ein photochemisches Laboratorium. Sie lieferten der Filmindustrie neue Entwicklungsverfahren. Nach dem Krieg und vor der Scheidung setzten sie gemeinsam die erste deutsche Wochenschau, den DEFA-"Augenzeugen", in die Welt.
Mit den Schauspielern kam der geschickte Regisseur von "Ehe im Schatten" in diesem Film nur wenig zurecht. Obgleich er zwei Jahre am "Rat der Götter" arbeitete und viele neue Gesichter entdeckte.
Nationalpreisträger Paul Bildt als Geheimrat Mauch, Vorsitzender des "Rats der Götter", gibt sich kultiviert, oft bedrückt und manchmal ironisch. Trotzdem wirkt seine Rolle genau so schlecht etikettiert wie alle anderen Männerrollen. Die vorhanden hübschen Frauen, ob mondän oder tüchtig, dienen nur als Staffage. Sie flirten, klagen und mahnen zur Vorsicht.
Die beste Rolle im „Rat der Götter" spielt Hanns Eislers spröde, sparsam auftretende Musik, nie Klangkulisse, oft Prophetie aus Dissonanzen. Zum Wochenschaubild vom Stapellauf des Panzerkreuzers „Prinz Eugen" beschreibt die Musik schon des Schiffes Untergang.
Es wurde geklatscht, als kurz vor dem letzten Bild mit Picassos Friedenstaube der bis dahin unpolitische Wissenschaftler Dr. Scholz (Fritz Tillmann vorn Westberliner Hebbeltheater) nach der Ludwigshafener Katastrophe seine bisherigen Brotgeber der Kriegssucht anklagt und bekräftigend ruft: „Das ist die volle Wahrheit!" Viele klatschten nicht.

Die volle Wahrheit. In: Der Spiegel, 18.05.1950.

Ein Film deckt die Wahrheit auf:

In den Diskussionen, die sich jetzt bei der Sammlung von Unterschriften für die Ächtung der Atombombe ergeben, stößt man noch immer auf die fatalistische Bemerkung, daß „Kriege immer gewesen sind" und „daß man doch nichts dagegen tun kann". Diese Behauptung ist falsch, weil es in der heutigen geschichtlichen Situation möglich ist, den Krieg zu verhindern, wenn die Völker entschlossen den Kriegstreibern entgegentreten. Gerade diese kämpferische Entschlossenheit ist wichtig in einer Zeit, in der, wie Maurice Thorez sagte, „Krieg und Frieden an einem seidenen Faden hängen".
Nicht die Friedensliebe allein macht den Friedenskämpfer aus, seine eigentliche Stärke liegt in der Erkenntnis der Hintergründe des imperialistischen Krieges. Wenn dieses „Geheimnis" den breiten Massen entschleiert ist, wird es nicht nur möglich sein, auf breitester Front gegen den Krieg zu kämpfen, sondern auch seine Ursachen zu beseitigen. Auf einem großen Teil der Erde Ist das bereits geschehen.
Ein moderner Krieg kann nur mit Hilfe der Wissenschaft geführt werden. Aber bei weitem nicht alle Wissenschaftler der kapitalistischen Weit stellen bewußt und mit Überzeugung ihre Kenntnisse diesem furchtbaren und verderbenbringenden Ziel zur Verfügung. Viele von ihnen leben in der Vorstellung, daß sie unpolitisch, rein fachlich arbeiten. Darin werden sie durch den Umstand bestärkt, daß es heute auf vielen Gebieten nicht einen Wissenschaftler gibt, der allein etwas Neues entwickelt; manchmal bearbeitet er nur ein Teilgebiet, gibt das Ergebnis weiter und kennt dessen Endprodukt nicht. Es wird ihm vielleicht sogar verheimlicht. Dieser Vorgang verleitet viele Intellektuelle zur Selbsttäuschung über die ungeheure Verantwortlichkeit ihrer Arbeit, denn die kapitalistische Propaganda tut alles, was sie kann, um mit Lügen und Verdrehungen zu verhindern, daß sich die Menschen über die gesellschaftlichen Zusammenhänge klar werden. So ist also die Erhaltung der Lebens von Millionen, die Vermeidung unsäglichen Elends, die Entwicklung von Kultur und Zivilisation, von der Erkenntnis der gesellschaftlichen Zusammenhänge, von der Frage, für wen und was arbeite ich, abhängig.
Wenn es einem Film, der Millionen Menschen erreicht, gelingt, jene Zusammenhänge richtig darzustellen, durch die Kriegsverbrechen vorbereitet werden, und zu zeigen, was für eine Rolle bestimmte Menschen und ihre Anwendung der Wissenschaft dabei spielen, so ist mit einem solchen künstlerischen Werk eine bedeutende Waffe für die Sache des Friedens geschmiedet.
Diesen deutschen Film gibt es jetzt. Es ist der „Rat der Götter" nach dem Drehbuch von Nationalpreisträger Friedrich Wolf und Philipp Gecht unter der Regie von Nationalpreisträger Kurt Maetzig.
Die Geschichte des größten deutschen Konzerns, der 380 Firmen kontrollierte, der IG Farben, Alleinherstellerin des gesamten künstlichen Benzins und synthetischen Gummis in Hitlerdeutschland, gab den Stoff zu diesem Filmwerk.
In ihm verflechten sich die Schicksale und Handlungen von Menschen verschiedener Schichten und Klassen des deutschen Volkes. Klassenbewußte Arbeiter- und Kleinbürger, Frauen, die zu ihren von der Gestapo verfolgten Männern halten, und solche, die am „großen Geschäft" teilhaben wollen, Wissenschaftler, Konzerndirektoren, Generale. Es sind die letzten Jahrzehnte, die hier abrollen, unsere Jahrzehnte in Deutschland. Im Großen und im Kleinen. Dieser Film enthüllt restlos das Geheimnis des Krieges, und er ist eine Waffe gegen die Kriegstreiber.
[...] Die Schwierigkeiten, die Dramatik der Handlung nicht stocken zu lassen, und zugleich das richtige Verhältnis der einzelnen Personen und Momente, die hier jeweils gesellschaftliche Funktionen haben, zueinander zu finden, sind den Drehbuchautoren und dem Regisseur Kurt Maetzig aufs beste gelungen. Schon der Gedanke, an den Schluß Aufnahmen von der diesjährigen Mai-Demonstration in Berlin zu setzen, ist bemerkenswert, und so ist der Streiten bis zum letzten hineingestellt in unseren Friedenskampf. Die Arbeit des Regisseurs und des Kameramannes Friedl Behn-Grund ist auch im einzelnen ausgewogen, vermeidet jede unangebrachte Übersteigerung, ist sachlich und dabei kraftvoll. - Sie lässt die ganze Breite des Geschehens wirken.
Einen besonderen Anteil an der schauspielerischen Leistung haben Nationalpreisträger Paul Bildt als Geheimrat Mauch, Vorsitzender des "Rats der Götter", und Albert Garbe als Onkel Karl in der Rolle eines antifaschistischen Arbeiters, der ruhig, mit Überlegung und der Gewißheit von der Notwendigkeit des Unterganges der Hitlerfaschisten seine politische Arbeit durchführt und mit dazu beiträgt, daß der Chemiker Dr. Scholz (Fritz Tillmann) Klarheit über seinen Weg als Wissenschaftler gewinnt und sich von der Clique der Konzernherren, die mit den Amerikanern zusammenarbeitet, trennt. Er beweist nach der Sprengstoffkatastrophe von Ludwigshafen, daß sie wieder für den Krieg arbeiten und ruft aus: „Das ist die Wahrheit, die volle Wahrheit, und keiner soll künftig sagen können, er habe es nicht gewußt."
[...]

Hermann Müller: Ein Film deckt die Wahrheit auf. In: Volks Echo Dortmund, 25.05.1950.

„Der Rat der Götter":

Die Defa hat mit „Ehe im Schatten" und „Affäre Blum" Filme geschaffen, deren Qualität vor internationalen Maßstäben besteht. Mit dem „Rat der Götter" ist sie der Versuchung oder dem Auftrag erlegen, einen Tendenzfilm bösartiger Couleur zu drehen. Dieser von Kurz Mätzig, dem Regisseur der „Ehe im Schatten", gedrehte Film hat nicht den Avantgardismus des Eisenstein und Pudowkin für sich, die in den zwanziger Jahren ihre weltbekannten Tendenzfilme drehten. Weil er nur die - freilich ordentlich - eingesetzten Mittel der Schauspielerführung, der Photographie, der Massenszenerien aufzuweisen hat, ist ihm die Absicht in jeder Szene überdeutlich anzusehen. Diese Absicht ist, nachzuweisen, daß der deutsche IG-Farben-Konzern nicht nur während des Krieges über Schweizer Mittelstellen mit amerikanischen Kapitalsgesellschaften in Rüstungsfragen zusammengearbeitet hat, sondern unmittelbar nach dem Kriege und auch schon während der gegen IG-Farben geführten Kriegsverbrecherprozesse wieder die gleiche Verbindung intensiviert und im amerikanischen Auftrag auch sehr bald wieder Sprengstoffe hergestellt habe. Dies alles nennt im Schlußwort des Films einer, der es angeblich durchschaut hat, die ganze, die volle Wahrheit, und zum Beweis soll gelten, daß Friedrich Wolf, der einst so bekannte Autor zeitangewandter Stücke, für sein Drehbuch die Veröffentlichung eines amerikanischen Außenseiters benutzt hat, der zeitweilig am Nürnberger Gericht gearbeitet hatte. [...]
Die Einseitigkeit des Films wirkt um so nachdrücklicher, als er schon vor seiner Premiere von den entsprechenden politischen Stellen als das „Größte Friedenswerk des Films" angekündigt wurde. Die andere Seite der Rüstungen, die Seite hinter dem Eisernen Vorhang, wird freilich mit keinem Worte erwähnt. Und die „ganze Wahrheit', die dieser Film pathetisch für sich in Anspruch nimmt, ist weniger als die halbe.

Der Rat der Götter. In: Die Zeit, 25.05.1950.

Die Defa schiesst im Kalten Krieg:

Der neue DEFA-Film „Der Rat der Götter" beginnt mit dokumentarischen Filmstreifen: Begegnung Hitlers mit den Industriellen, Finanzierung der NSDAP, Machtübernahme, SA-Paraden. Das widerliche Geplärr brauner Massenkundgebungen. Aufrüstung. Krieg... Während man eingeschüchterte jüdische Kinder in die Gaskammern wanken sieht, die vom Chemietrust (dem „Rat der Götter") mit Zyklon-Giftgas beliefert werden, während Soldaten fallen, verbluten und erfrieren, ziehen die Industriellen - Feldgrau schafft Dividende - günstige Bilanz.
Der ganze Jammer dieser grausigen Zeit wird nochmals vorgeführt und zwar überzeugend durch geschicktes Einkomponieren von alten PK-Aufnahmen in die Handlung des Spielfilms. Die Wirkung ist verblüffend, mitreißend, nein: niederschmetternd. Die Zuschauer krampfen die Hände zusammen. [...]
Durch diese Mischung von Dokumentarfilm und Spielfilm wird die charakteristisch-„filmische" Suggestivkraft auf eine kaum mehr zu überbietende Höhe gebracht. Es, gelingt so dem Regisseur Kurt Maetzig, gleich zu Anfang seines neuen Films, die Zuschauer zu packen, zu überzeugen und dadurch in eine Stimmung der Bereitschaft zu versetzen, auch die übrige Filmhandlung zu akzeptieren und als „Wahrheit" zu empfinden. Denn nachdem man zunächst ehrlich hingerissen ist und durch die Wucht der Dokumentarstreifen sein kritisches Bewußtsein weitgehend ausgeschaltet hat, wird im weiteren Verlauf das Dokumentarische von der erdachten Filmfabel überwuchert und verdrängt.
Jetzt erst kommt der Pferdefuß zum Vorschein, der propagandistische, der politisch tendenziöse Pferdefuß dieser Filmfabel. Man merkt mit Befremden, daß es diesem ostzonalen Film (Drehbuch: Friedrich Wolf!) offenbar nicht darauf ankommt, die erwiesenen grausigen Tatsachen der Vergangenheit in Wahrhaftigkeit darzustellen, man merkt, daß hier versucht wird, einen Schuß abzufeuern im aktuellen Kalten Krieg: einen Schuß gegen die Amerikaner. Die Filmfabel wird zur simplen story. Der Chemietrust (gemeint sind die I.G. Farben) ist mit amerikanischen Trusts „verfilzt", die guten Geschäftsbeziehungen werden auch während des Krieges nicht abgebrochen, auch nachher nicht. Da erscheinen nämlich die amerikanischen Geschäftsfreunde als US-Offiziere im Nürnberger Gerichtshof, um ihre deutschen Kollegen auf der Anklagebank herauszupauken, wider Recht und Gerechtigkeit. Amerikanische und deutsche „Monopolkapitalisten" sinken sich gerührt in die Arme, da ja bekanntlich eine Krähe der anderen kein Auge aushackt, und mit der alten deutsch-amerikanischen Chemie-Allianz wird sofort lustig weiter Giftgas für den nächsten Krieg produziert - bis die Fabrik durch eine Explosion in die Luft fliegt und somit wieder zahlreiche Menschen ihr Leben für die „Monopolherren" lassen müssen. Gegen die verzweifelt weinenden Frauen möchte der amerikanische Wirtschaftsoffizier am liebsten seine Panzer anrollen lassen, ist er doch ein ausgemachter Bösewicht.
Da sind die Sowjetsoldaten aus anderem Schrot und Korn. Das muß ein Filmstreifen des Kalten Krieges demonstrieren. [...]
Was eindrucksvoll begann, entwickelt sich somit zur filmischen Darstellung des Monopolkapitalismus, wie ihn sich der kleine Mann in der Sowjetzone vorstellen soll. Das [aber] ist die harmlosere Seite des Films. Empörend ist, mit welcher eisigen Spekulation auf die Angst der Menschen vor einem neuen Krieg Wahrheit und Unwahrheit verquickt werden, damit diese Angst zum Haß [wird] gegen die kriegslüstern dargestellte westliche Welt. Die Propagandisten der sowjetzonalen Republik kennen die mangelhafte Popularität ihrer Zeitungen und Rundfunksendungen. Mit den publizistischen Mitteln des Films [soll] jetzt eine bedeutendere Breitenwirkung [ihrer] Politik erzielt werden. Hier zeigt sich die Realität einer wirklichen monopolkapitalistischen Gefahr. Denn die kommunistisch gelenkte DEFA-Filmproduktion kann in enger Anlehnung an die fremde östliche Macht auf Grund ihrer Monopolstellung in der sowjetischen Zone tun und lassen, was sie will.

Friedrich H. (?): Die Defa schiesst im Kalten Krieg. In: Rundschau, Köln, 27.05.1950.
Die Defa schiesst im Kalten Krieg:

Eine Waffe des Friedens:

Die erste im "Sonntag" veröffentlichte Kritik dieses Films war in vieler Hinsicht falsch. Sie erkannte weder die große politische Bedeutung, noch das künstlerisch Neue des Films, der der erste größere deutsche Versuch ist, der den Kampf gegen den Krieg unmittelbar zum Gegenstand seiner Handlung macht, indem er die gesellschaftlichen Hintergründe aufdeckt.
Die Hauptbedeutung von „Rat der Götter" liegt, darin, daß klar und anschaulich Ursachen und Wurzeln der auf das Kriegsgeschäft gerichteten Kräfte vor dem Beschauer bloßgelegt und die Kriegstreiber entlarvt werden. An einem ins Künstlerische mit den spezifischen Mitteln des Filmes umgesetzten Beispiel wird jedermann verständlich dokumentiert, in welchen neuen Abgrund die Menschheit steuern wird, wenn nicht die progressiven Kräfte in aller Welt, und vornehmlich am neuralgischen Punkt Deutschland, wenn nicht die Partisanen des Friedens den Monopolgewaltigen und Kriegsprofiteuren ihr "Halt" entgegenschleudern. Das künstlerische Können dieses Films besteht darin, daß er durch die Art und Weise. wie er die Hauptfrage der heutigen Welt "Krieg oder Frieden", darstellt, den Beschauer zur richtigen Antwort auf diese Frage zwingt, ihn dazu bringt, innerlich und aktiv Stellung auf der Seite des Friedens zu nehmen.
Die Verbindung des Dokumentarischen mit der Spielhandlung im „Rat der Götter" ist bei uns insofern ein ganz neuer Schritt, als die Spiegelung eines Allgemeinen - hier also der Kriegspolitik der kapitalistischen Konzerne - im Besonderen, nämlich im persönlichen Schicksal einer Gruppe von Menschen, vornehmlich eines leitenden Wissenschaftlers, so durchgeführt und gelungen ist, daß weder die direkte Darstellung des Allgemeinen verschleiert und undeutlich gemacht, noch das Besondere, das individuelle Schicksal einer Gruppe von Menschen, ins Schablonenhafte verkehrt wird. Mit anderen Worten: Es gibt hier keine Trennung, kein Auseinanderklaffen von dokumentarischer und künstlerischer Aussage, keine Inkongruenz von Absicht und Leistung, von Form und Gehalt. Dokument und Kunstwerk, erzieherische und aufklärende Absicht und filmkünstlerische Durchführung verschmelzen zu einer organischen Einheit: Der gesellschaftliche Auftrag wurde künstlerisch bewältigt. Der Beschauer empfindet in jeder Szene dieses Films das Konkretreale der Vorgänge, wird aufgerüttelt und zum Nachdenken gezwungen, weil er spürt, daß dies, was auf der Leinwand vorgeht, brennende Wirklichkeit unserer Zeit ist, vor der man nicht die Augen schließen kann, weil sie jeden einzelnen unmittelbar angeht.
Wie gelungen die politische und künstlerische Synthese ist, erweist sich besonders an der Verbundenheit der eingeblendeten Dokumentarstreifen mit den für den Film selbst gedrehten Partien. Der Versuch solcher Verbindung wurde im deutschen Film schon mehrfach angestrebt: hier ist er bis zu dem Grade geglückt, daß die Szenen nach dem Drehbuch als natürliche Bestandteile des Filmdokumentes empfunden werden. Dies ist weder ein formales Problem noch ein Zufall, es ist vielmehr die gelungene Probe auf das Exempel, die Wirklichkeit künstlerisch deutlich und sichtbar zu machen. Einen schlagenden und letzten Beweis dafür liefert das dokumentarische Schlußbild - Friedensdemonstration In Berlin -, das als selbstverständlicher Bestandteil, weil als selbstverständliche Konsequenz des Films, empfunden wird.
Die Beschauer, die nach solchem Schluß nicht selbst die Notwendigkeit empfinden, sich in die Demonstration für den Frieden einzureihen, um die Folgen dessen, was sich vor ihren Augen auf der Leinwand abspielte, zu verhindern, stellen sich klar auf die Seite des Generaldirektors Mauch und seiner amerikanischen Hintermänner. Es werden nicht viele sein, und daß es wenige sind, darin besteht die Bedeutung des Kunstwerkes.
Unserer Meinung nach liegt eine gewisse Schwäche des Films darin, daß die historische Rolle der Sowjetunion als Bollwerk des Friedens nicht in einem Maße zum Ausdruck kommen konnte, das der Darstellung der amerikanisch-deutschen Kriegspolitik der Rüstungskonzerne mit dem Ziel des eigentlichen, endlichen Kampfes gegen dieses Bollwerk Sowjetunion entsprach. Damit ist nicht gesagt, daß der Regisseur versäumt hätte, die historischen Umstände nahezubringen. (Es sei auch hier auf die Einblendung der Dokumentarszenen hingewiesen!)
Der Einwand ändert allerdings nichts daran, daß der "Rat der Götter" der bisher beste deutsche politische Film und gleichzeitig der bisher wichtigste Beitrag der deutschen Kunst zum internationalen Kampf für den Frieden ist. Er wird unzählige Menschen zum aktiven Friedenskampf erziehen und sie veranlassen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Eine Waffe des Friedens. Der „Rat der Götter". In: Sonntag, Berlin, 18.06.1950.

Es kommt auf die Beleuchtung an:

Es lag der Reiz des Neuen und Ungewohnten über der Veranstaltung der Katholischen Filmliga, die durch die Vermittlung des „Hauses der Zukunft" in Berlin in einer Nachtvorstellung vor einem geladenen Kreise den sowjetzonalen DEFA-Film „Der Rat der Götter" zeigte und ihn später diskutierte. Der Film sollte einen Blick auf die Filmproduktion jenseits des Eisernen Vorhanges ermöglichen und ein Beispiel für die dauernde Infiltration von SED-Tendenzen von der Leinwand her auf die Bevölkerung der Sowjetzone geben. Daß die Veranstaltung gerade von da her trotz des einführenden Kurzreferates des Filmpublizisten Bettecken ein Spiel mit dem Feuer war, zeigte die lebhafte Diskussion.
Die formalästhetischen Qualitäten (Regie: Kurt Maetzig, einer der besten Regisseure der DEFA) tarnten die raffinierte Verquickung von Wahrheit und Lüge so geschickt, daß der Film einen starken Eindruck hinterließ, der nur an den „dicksten" Stellen (Propagandamarsch für den Frieden, Banner mit Friedenstaube) abgeschwächt wurde. Vor allem bei den jüngeren Teilnehmern war der Eindruck entstanden, daß der Film mit seiner Demaskierung der Hintergründe des Krieges doch zu begrüßen sei.
Ehemalige Sowjetzonenbewohner warnten davor, den Film isoliert zu betrachten, er müsse vielmehr als ein Takt in dem gewaltigen Propagandagesang aller publizistischen Mittel der DDR angesehen werden. Die Nachricht, daß Willy A. Kleinau (früher Stadttheater Wuppertal) für seine Darstellung des Amerikaners in diesem Film den großen Staatspreis erhielt, kürzlich aber aus den Dreharbeiten zu einem großen Thälmann-Film heraus verhaftet wurde, weil er Äußerungen gegen das Regime getan haben soll, konnte noch von einer anderen Seite die Zweckhaftigkeit dieses Films beleuchten.
Im Gegeneinander der Meinungen kristallisierte sich schließlich die Auffassung heraus, daß es gerade bei der Verwendung von Tatsachenmaterial auf die Beleuchtung ankomme. So kamen die Diskussionsteilnehmer übereinstimmend zu dem Schluß, daß solch [ein] gefährlicher Film zwar nicht im Tagesprogramm der Lichtspielhäuser gezeigt werden könne, daß aber Sondervorstellungen in geschlossenem Kreise zu begrüßen seien. [...]

Es kommt auf die Beleuchtung an. Diskussion über einen DEFA-Film - Raffinierte Propagandakünste. In: Westdeutsche Rundschau, Wuppertal, 07.03.1952 (?).