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Didaktisch-methodische Hinweise

Der nach dem Drehbuch von Fritz Kortner inszenierte Film nimmt sowohl von der Thematik als auch in der Darstellungsperspektive eine Sonderstellung unter den deutschen Nachkriegsspielfilmen ein.

Ausgangspunkt der Darstellung ist zunächst eine Gruppe von Deutschen, die sich den Massenmorden und anderen Verbrechen gegen die Menschlichkeit im faschistischen Deutschland durch die Emigration in die USA entziehen konnten. Exemplarisch wird an diesen Menschen und ihren amerikanischen Freunden vorgeführt, welche verschiedenen Sichtweisen auf Deutschland und seine Menschen in der unmittelbaren Nachkriegszeit möglich waren. Durch die Augen eines der Emigranten, der sich zur Rückkehr in sein Heimatland entschließt, des von Fritz Kortner verkörperten Professors Mauthner, wird dann kritisch das Nachkriegsdeutschland auf seine Entwicklungsmöglichkeiten hin zu einer menschlichen und demokratischen Gesellschaft betrachtet.

Bei einer Konzentration auf die dargestellte Geschichte bieten sich folgende Schwerpunkte zur Besprechung an:

  • Die Kontinuität zwischen Faschismus und Nachkriegsgesellschaft, exemplarisch im Universitätsbereich; das Fortleben antisemitischer und nationalsozialistischer Haltungen (Filmsequenz: Geselliger Abend nach der Antrittsvorlesung)
  • Die Voraussetzungen für eine demokratische Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland unter Berücksichtigung der Frage nach der Schuld des einzelnen Deutschen im Dritten Reich (Filmsequenz: Dialoge zwischen Mauthner und seiner Frau)
  • Situation von Emigranten in ihrem Zufluchtsland und nach der Rückkehr. Verluste und Zerstörungen an menschlichen Beziehungen, an geistiger und persönlicher Identität (Filmsequenzen: Diskussion unter den Emigranten, Überfahrt nach Europa, Dialog zwischen Mauthner und seiner Frau. In diesem Zusammenhang sollte besonders auf die bewusste Verwendung der englischen Sprache geachtet werden, die zeigt, wie weit die Emigranten von den Nachkriegsdeutschen entfernt waren.

Obwohl die Filmerzählung selbst nicht Quelle für geschichtliche Ereignisse sein kann, ist die ihr zugrunde liegende Perspektive ein sensibler und authentischer Blick "von außen" auf Verhaltensweinen und Verhältnisse im Nachkriegsdeutschland, wie er zu dieser Zeit wohl nur von einem zurückgekehrten Emigranten möglich war, der sich nie arrangiert hatte. Das Scheitern des Professor Mauthner im Film weist dabei auf Kortners Interpretation - ein Stück weit auch Analyse - der gesellschaftlichen Situation hin, die herauszuarbeiten wäre: Kortner sieht die Voraussetzungen für eine demokratische Gesellschaft als noch nicht ausreichend gegeben, sieht nationalsozialistische und antisemitische Haltungen nach wie vor verbreitet und fühlt sich als Emigrant fremd im Zufluchtsland und in der Heimat - gleichwohl mit einem Funken Hoffnung am Ende des Films. Und: Aus dem Film spricht das Vertrauen auf die "aufklärerische Kraft der Wissenschaft".

In diesem Zusammenhang sollten besonders die zeitgenössischen Filmkritiken beachtet werden, in denen von "Vorurteil", "Irrtum" und "Subjektivismus" die Rede ist, Kortners Anliegen gelobt, aber seine Interpretation der Verhältnisse in Abrede gestellt wird. Kortners Film war kein Kinoerfolg. Daraus lässt sich ableiten, wie begrenzt wirksam die Kortnersche Kritik im damaligen Deutschland gewesen ist.

DER RUF sollte möglichst im Zusammenhang mit dem Film ZWISCHEN GESTERN UND MORGEN behandelt werden, thematisiert dieser doch ebenfalls ein "Emigrantenschicksal" - aber aus der Perspektive der Daheimgebliebenen und in der Form anknüpfend an den Gesellschaftsfilm der 30er Jahre. Dieser Vergleich ermöglicht, über die sehr unterschiedlichen Bewußtseinshaltungen und deren Konsequenzen zu reflektieren sowie die Radikalität der Kritik Kortners zu erkennen.

Die Ausnahmestellung des Films zeigt sich darin, wie er die Erfahrung von Krieg zum Ausdruck bringt: DER RUF ist der einzige Film, dem eine ausgewiesen pazifistische Haltung zugrunde liegt, wie sie besonders in der Antrittsvorlesung Mauthners zum Ausdruck kommt. Die Vorlesung gegen den Krieg enthält den Rückblick auf den Krieg und die Warnung vor der konkreten Gegenwart (1948/49), in der schon wieder von der Notwendigkeit des Krieges gesprochen wird. Der Film bleibt nicht allgemein, sondern spricht gegenwartsbezogen die Einsicht aus, daß Gewalt Gewalt erzeugt und dass es gelte, sich dagegen zu wehren.

In diesem Zusammenhang bietet sich ein Vergleich des Films mit den Nachkriegespielfilmen DIE MÖRDER SIND UNTER UNS und IN JENEN TAGEN an.

Die drei Filme (...) zeigen Grundtypen der Erfahrung von Krieg, die sich mit den drei Positionen der Deutschen verbinden, die keine Nazis waren: Staudtes Film klagt aus der Sicht der linken Opposition die für Kriegsverbrechen Verantwortlichen an. Käutners Film entspricht weitgehend der Position der 'inneren Emigration', die die Menschlichkeit 'in jenen Tagen' sieht, aber zu keiner Konsequenz führt. ( ... ) Kortners Film stellt als einziger den Zusammenhang von Nationalsozialismus und Krieg her und ist radikal in der Konsequenz, aber er steht, für Film ganz untypisch, für eine Minderheitsposition, am klarsten artikuliert durch die zurückkehrenden Emigranten.