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Zeitgenössische Kritik


„Der Ruf" - Urteil oder Vorurteil?


Platos Ideal des freien Geistes: nach der Wahrheit zu leben, Unduldsamkeit und Haß zu verabscheuen, ist Kortners "Ruf" an die Deutschen. Was er darüber der Jugend vom Katheder sagt, hat eine Sprache von solcher Hoheit und Klarheit des Geistes, wie sie in einem Film nicht häufig zu finden ist, und der Gedanke wird von diesem außerordentlichen Darsteller so beschwörend vorgetragen, dass auch die ihn hören, die ihm widersprechen.
Ein sehr subjektiver Film. Kortners eigenes Schicksal ist von ihm notiert. Auch er war jüdischer Emigrant wie sein Professor Mauthner; er selbst schrieb das Drehbuch und spielte auch die Hauptfigur. Ankläger und Zeuge in eigener Sache. Dies dreifache Zusammenklingen von gedichtetem und echtem Erlebnis macht den Film zur persönlichen Aussage. Hier hat es denn auch der Einwand gegen die Objektivität der Beschreibung leicht.
Kortner selbst bleibt skeptisch, so heiter-ernst und sehnsüchtigen Herzens er seinen guten Gedanken hegte: uns über uns selbst hinwegzuhelfen und ein Ziel in einer edleren geistigen Heimat zu zeigen. Doch er läßt seine Idee nicht triumphieren. Er hält die Mächte des Ungeistes noch für stärker. Nur um einige wenige Junge legt er das Morgenrot einer Hoffnung.
Ist Kortners Urteil nicht ein Vorurteil? Wogegen er auftritt, das, so glauben wir, lebt nicht mehr.
Ein solcher Phrasenheld von neofaschistischem Professor, wie ihn Kortner als Gegenspieler sich erfindet, ist kein Partner für eine Auseinandersetzung, sondern nur eine komische Figur. Gefährlich wäre er, wenn er nur eine Spur des Dämons verriete, der das beschwor, was Kortner meinte. Da Kortner sein Florett gegen ein Schemen richtet, ficht er mit dem Wind. Auch die schreckliche Simplifizierung der lärmenden Studenten stimmt mit dem Geist und der Vernunft nicht überein, die Kortner anfänglich aufbietet. So erschüttert uns mehr als ein Zusammenprall zweier Weltanschauungen der Zwiespalt in der Brust des Heimkehrers Kortner: sich zu mühen, objektiv zu sein, und doch ungerecht zu bleiben und darum auch das bessere Menschliche nicht zu finden, das er unter Seelenschutt hervorholen möchte.
Ja - ein Vorurteil hemmt ihn. Erst wo der Zwiespalt in der vertrautesten menschlichen Nähe sich löst - in der Begegnung mit der arischen Frau -, kommt es zum guten Ende, weil hier nicht nur Vernunft und Geist angerufen werden, sondern einfach die Liebe.
Dennoch ist der "Ruf" unüberhörbar und sollte gehört werden. Seine Sprache ist eindringlich, sonderlich durch Kortner selbst. Ein Antlitz, in kühn geschnittenen Großaufnahmen zu einer wahren Landschaft geweitet, von lauten und leisen, lächelnden und verzweifelten Zeichen überronnen, wie Licht und Schatten über einer Ebene. Dies Antlitz drängt vor und greift förmlich nach den Betrachtern, sie zu überwältigen. Nur wenige Gesichter unter uns haben eine solche Gewalt des optischen Ausdrucks.
[...]
Der Eindruck ist stark. Kortner fasziniert, selbst wo das Problem umstritten ist. Das bringt den Film über seine 104 Minuten. Nachher im Gespräch wird Widerspruch laut. In den Essener Zeitungen (nach der westdeutschen Erstaufführung in der Kleinen Lichtburg) wird Kortner "Ressentiment" vorgeworfen und beklagt, dass das "menschlich Verbindende, Allgemeingültige des Films" durch die "Primitivität des Gegenspielers verdunkelt" wird. Doch neben der Kritik meldet sich Respekt vor einem suggestiven Film. Und ebenso, abwehrend und doch hingegeben, antwortet auch das Publikum.

Karl Sabel: „Der Ruf" - Urteil oder Vorurteil? In: Film-Echo, Nr. 18, 20.06.1949, S. 246.

Erstaufführung: "Der Ruf"

Franz Kortner stand noch im Februar 1933 als Shylock auf einer Hamburger Bühne. Zwölf Jahre vorher gehörte er mit Erich Ziegel und Gustaf Gründgens zu den Begründern des Ruhmes der ersten Hamburger Kammerspiele. Seine Bühnen- und Filmrollen - darunter „Dreyfuß" - sind seither unvergessen. Der große Schauspieler hat mit Thomas Mann nicht nur das Schicksal des Ausgestoßenen und Emigranten gemeinsam, sondern auch das, was der Dichter die „Heimat In der deutschen Sprache" nannte. Die Liebe zu dieser Heimat war stärker als die erfahrene Unbill. Sie rief Kortner schon 1948 nach Deutschland zurück. Was er hier sah, oder zu sehen glaubte - als Jude -, hat er in dem Film "Der Ruf" auszusprechen versucht. In nackten Worten: es ist die Sorge um das Wiederaufleben des Rassenhasses in Deutschland. Wir wissen nicht, ob Kortner mit dieser Befürchtung recht hat. Ein Gezeichneter, der zugleich ein Liebender ist, sieht vielleicht schärfer als wir. Wir wissen nur, dass er nicht recht behalten darf. So mag denn dieser künstlerisch übrigens interessante, wenn auch nicht durchweg überzeugende Film als ein vorbeugendes Prophylaktikum willkommen geheißen worden. Obwohl die des Nachdenkens werte „Heimkehr" des Professors Mauthner mit zorniger Liebe erzählt und die Schatten kräftig zu setzen weiß, traf der Film bei seiner Hamburger Erstaufführung in der "Urania" auf sichtlich bewegte Herzen. [...]

W. M. Herrmann: Erstaufführung: "Der Ruf". In: Hamburger Allgemeine, 26.8.1949.

„Der Ruf" - umstrittener Kortnerfilm:

[...] Die Tatsache, dass Fritz Kortner seinen Film nicht in Amerika, sondern in Deutschland drehte, spricht für ihn und die Lauterkeit seiner Motive. Wenn er nämlich den Versuch unternahm, den Antisemitismus und die aus ihm resultierende Vergiftung der geistigen und politischen Atmosphäre vom Standpunkt des Betroffenen aus zu beleuchten, so konnte dies nur dort geschehen, wo das Problem heute noch auf den Nägeln brennt. Dass der Versuch nicht gelang - oder doch nur teilweise gelang - mag an den bitteren persönlichen Erfahrungen liegen, die Kortner nach seiner Rückkehr machen mußte. In seinem Film befindet sich der immer spürbare Wunsch nach Toleranz im fortwährenden Widerstreit mit einem bedenklichen Mangel an Objektivität.
„Der Ruf" ist ein Film der halben Wahrheiten. Seine Fakten sind unumstößlich: die schmachvolle Austreibung bedeutender jüdischer Gelehrter, ihre Wiederberufung an deutsche Universitäten, das auch heute noch akute Vorhandensein antisemitischer Strömungen. Nur das Bild, das der Film zeigt, ist schief. Er setzt voraus, dass die Mehrzahl der deutschen Nachkriegsstudenten aus nazistisch verseuchten, notgedrungen in Zivil herumlaufenden Rüpeln besteht, während die anständige Minderheit zwar vorhanden, aber unentschlossen, wenn nicht feige ist. Er konzentriert in der Figur des charakterlosen, heimtückischen und korrupten Dozenten einen Gegenspieler des heimgekehrten Philosophenprofessors, der in der Wirklichkeit des heutigen akademischen Lebens auch nicht die Spur einer Chance hätte. Unter der Führung dieses Subjekts lassen sich die Studenten zu Exzessen hinreißen, die die Haushälterin des Professors zu dem leichtfertigen Ausspruch veranlassen: "Es sind doch Menschenfresser!', und den Rektor der Universität zu dem Rat: Fahren Sie wieder nach Amerika. Am liebsten käme ich mit Ihnen.'
Hier liegt der psychologische Fehler des Drehbuches von Kortner. Es ist überschattet von einer verhängnisvollen Resignation. Die geistige Not unserer um die Wahrheit ringenden akademischen Jugend wird bagatellisiert, ihre tatsächlichen Probleme werden an die Peripherie der Handlung verwiesen. Kortners Anliegen ist ein ehrliches und warmherziges; sein Film ist ein Irrtum.
Josef v. Bakys Regie bemühte sich, die thematischen Unebenheiten zu glatten, den Subjektivismus der Handlung durch die eindeutige künstlerische Leistung in Fotografie und Darstellung auszugleichen. Aber auch ihr konnte es nicht gelingen, den betrüblichen Eindruck des Vorurteils, den der Film hinterläßt, vergessen zu machen.
Was bleibt, ist die beglückende Wiederbegegnung mit dem wunderbaren Schauspieler Fritz Kortner, der nichts von seiner einmaligen Ausstrahlung verloren hat. Es bleibt auch ein Bedauern darüber, dass der Film lediglich vor den Filmklubs gezeigt wird. Mag man ihn ablehnen - als notwendiger Diskussionsbeitrag zur Klärung der angeschnittenen Probleme muß er in den deutschen Filmtheatern zu sehen sein.

„Der Ruf" - umstrittener Kortnerfilm. In: Weser Kurier, Bremen, 16.11.1950.

Gedächtnis:

Um sich zu vergegenwärtigen, wie schwer es die Deutschen mit ihrem kollektiven Gedächtnis haben, muß nun nur das Fernsehprogramm nach alten Filmen durchsehen und den Namen Fritz Kortner suchen. Seit ich Fernsehen kenne, ist mir z.B. der viel unbedeutendere Rühmann bis zum Überdruß bekannt - ihn, der ein Stück unselige Kontinuität der letzten 50Jahre deutscher Geschichte darstellt, wird man wohl auch zwei Generationen später kennen. Kortner wird man hoffentlich allmählich wieder kennenlernen.
"Der Ruf", ein außergewöhnlicher Film von 1949, ist ein Stück vergessener Filmgeschichte, das viel mit Kortners Person und Kunst zu tun hat. Das Drehbuch ist von ihm und er spielt die Hauptrolle. Ein jüdischer Wissenschaftler kehrt kurz nach dem 2. Weltkrieg nach Deutschland zurück. Fachliche Anerkennung, Ruhm, kalifornische Sonne haben ihm die Sehnsucht nach der „Heimat" nicht nehmen können. Ein Ruf an die Frankfurter Universität zieht ihn mitten in die Nachwehen des Nazismus, die bis in kleinste private Zusammenhänge dauern und bis heute anhalten. Dass er einem unbedeutenderen Kollegen vorgezogen wird, bringt ihm Neid und den ungeheuerlichen Verdacht ein, diejenigen vom auserwählten Volk, die nicht getötet wurden, würden nun bevorzugt.
Dass das nur ein lächerlich geringer Versuch von „Wiedergutmachung" (was für ein Wort!) wäre, paßt schon nicht mehr in die Gedanken der Kleinkarierten, denen man nur die Führung ausgewechselt hat. Das Drehbuch dieses Films beschreibt, wie sich Krieg, politischer Selbstbetrug, ungebrochene Herrschaftsverhältnisse in der Sprache gehalten haben. Deshalb sitzen der Professor und seine Exfrau (Johanna Hofherr) in einer Schwarzmarktkneipe zusammen und reden englisch über ihre gescheiterte Ehe. [...]
Veraltet ist an diesem Film nur die miserable Kopie - die Story sieht manches voraus, was uns heute noch und wieder beschäftigt. Vielleicht die nachhaltigste Sensation dieses Films aber ist die Schauspielerei Fritz Kortners, eine aussterbende Kunst von vollendeter Zurückhaltung und innerer Klarheit. "Fühlst Du denn keinen Haß gegen die Deutschen?", wird er, noch in den USA, gefragt. „In meinen besten Momenten - nein", sagt der Professor ganz leise im Gehen mit einer fast unmerklichen Kopfbewegung und in einem Tonfall, der scheinbar mühelos Zweifel, Leid und Hoffnung umfaßt.
In Zeiten, in denen jemand wie Brandauer als Schauspieler gilt, muß vor allem auch die Erinnerung an diese Kunst wieder geweckt werden. [...]

Klaus Nothnagel: Gedächtnis. In: Tageszeitung, Berlin, 14.3.86.