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K 1-2


K 1: Der Untertan. (Berliner Zeitung, 4.9.1951.)

Wieder hat Heinrich Mann dem deutschen Film einen neuen Auftrieb gegeben. Wieder hat eines seiner Werke bewiesen, daß der Film kühne, inhaltsreiche und typische Stoffe braucht, um mit der künstlerischen Erneuerung auch die Publikumswirksamkeit zu verstärken. Als aus ‚Professor Unrat‘ ‚Der blaue Engel‘ wurde, konnte sich der Film noch an der Story von der ‚Künstlerin Fröhlich‘ halten und damit auf das beliebte ‚filmeigene‘ Gebiet zurückfinden. Dieser mit Emil Jannings und Marlene Dietrich schauspielerisch üppig besetzte und hervorragend gespielte Film verleugnete zwar nicht die Kritik am selbstgerechten Schultyrannen Professor Rat, den seine Schuler Unrat nannten, aber er glaubte doch einer populären Umdeutung nicht entraten zu können, indem er einen Heinrich-Mann-fremden Bajazzoschluß anhängte. ‚Der Untertan‘ verzichtet durchaus auf solche Erweichungen und gibt klar und unerbittlich den satirischen Angriff auf die Untertanenseligkeit der wilhelminischen Zeit.

[…] Der Roman verzichtet im Grunde auf das erzählende Moment, also auf die an sich für den Film notwendige Fabel. Er drängt das Leben Diederich Heßlings, des Fabrikantensohnes aus der kleinen Stadt Netzig, immer wieder in prägnante, satirisch zugespitzte Situationen, deren epischen Zusammenhang die Zeit selbst liefert. Und welchen Zusammenhang! Dem plüschenen Kitsch der Bürgerstube und ihrer klavierseligen Sentimentalität entspricht die sadistische Prügelerziehung. Der Geprügelte wird später selbst prügeln. Kneipe, Mensuren und Kasernenhof sind die nächsten Stationen, bis Diederich Heßling nach dem Tode seines Vaters von seiner Fabrik Besitz ergreift und nun der Untertan die Arbeiter als Untertanen behandelt. So geht es weiter durch alle Stationen der Feindseligkeit und des Hochmuts bis zu jenen Szenen der Knechtseligkeit, als Diederich Heßling beim Besuch Wilhelms des Zweiten in Rom den Absperrungsring durchbricht und begeistert neben dem Wagen des Kaisers herläuft: Auge in Auge sich gegenüber der Kaiser und sein Untertan! Dieser DEFA-Film kommt im rechten Augenblick; politisch und künstlerisch. Denn in welchem deutschen Roman wurde schärfer jener Untertanentyp entlarvt, der sich immer wieder für Militär und Krieg mißbrauchen läßt. Der Film führt die Entlarvung optisch weiter. Ein Gesicht, ja ein Nacken, ein Auge, ein Mund können eine ganze Menschengruppe, einen Stand, eine Klasse entlarven. Die Großeinstellungen, der Wechsel der Einzel- und Gesamtaufnahmen, von den genialen sowjetischen Regisseuren Eisenstein und Pudwokin als bild-dramaturgisches Mittel in den Film eingeführt, sind von Staudte und seinem Kameramann Baberske hier selbständig und in richtiger, sinndienender Anordnung verwendet. Dadurch erst werden die vielen satirischen Situationen und Simplizissimus-Karikaturen möglich. […] Hier entsprechen sich Bild- und Wortregie, und der künstlerische Erfolg ist auch der politische Erfolg.

Wie schwierig hatte es dabei etwa Werner Peters, der den Untertan von einer Spitzensituation in die andere führen muß. Er macht das ausgezeichnet. Er war der richtige Typ für die Rolle. Aber er verließ sich nicht darauf. Er gestaltete, er variierte. Er hat wie auf der Bühne auch im Film große Möglichkeiten. Charakteristisch gegen ihn abgesetzt ähnliche Untertanentypen: Hans-Georg Laubenthal als Mahlmann, Axel Triebel als Major Kunze, Georg August Koch als Medizinalrat. Wieder eine andere Schicht vertreten meisterhaft Ernst Legal als Pastor Zillich, Paul Esser als Regierungspräsident von Wulkow. Dagegen die Anständigen: Eduard von Winterstein als alter Achtundvierziger, Raimund Schelcher als sein Sohn, Friedrich Maurer als Fabrikant Göpel und Fritz Staudte als Amtsgerichtsrat Kühlemann. Das ist Regie, die Rollen nicht nur im Typ richtig zu besetzen, sondern auch im Fluß zu halten und vor Erstarrung zu bewahren. Auch das ist geglückt, trotz der zugespitzten Situationen, besonders gut in den Frauenrollen: Sabine Thalbach als kleinbürgerliche Agnes Göpel, Blandine Ebinger als Frau von Wulkow, Carola Braunbock als Schwester Heßlings, Renate Fischer als Guste Daimchen. Nur zwei Unklarheiten bleiben übrig: Napoleon Fischer, der schwankende korrupte Arbeiter, ist für den Zuschauer nicht genügend akzentuiert, und der Vertreter einer jungen protestierenden Arbeitergeneration bleibt zu sehr im Hintergrund. Heinrich Mann hat zum zweiten Male dem deutschen Film einen Anstoß gegeben, und diesmal entscheidend. Wir könnten und müßten noch mehr Schauspieler nennen, die alle gut waren. Warum? Weil ein Dichter wie Heinrich Mann Ansprüche stellte, ein Regisseur und Drehbuchverfasser wie Wolfgang Staudte diese Ansprüche nach der gesellschaftskritischen und künstlerischen Seite mit seinem Kameramann richtig verstand, an die Schauspieler weitergab und diese wiederum durch Drehbuch und Regie in ihrem besten Teil bestätigt wurden. ‚Der Untertan‘ hat Maßstäbe gesetzt. Sie müssen angewendet werden.

Herbert Ihering

 

K 2: Plädoyer für den Untertan. (Der Spiegel Nr. 47 / 21.11.1956, S. 59-61.)

In der vorigen Woche traf das Schicksal in Gestalt von vier ehrenwerten Herren aus der Bonner Ministerialbürokratie, in summa genannt der "interministerielle Filmausschuß", eine positive Vorentscheidung über die Zulassung des Wolfgang-Staudte-Films "Der Untertan" - nach Heinrich Manns gleichnamigem Roman - in der Bundesrepublik. Seit fünf Jahren ist dieser deutsche Film mit außergewöhnlich großem Erfolg in mehreren europäischen Ländern, noch niemals jedoch offiziell in der Bundesrepublik gezeigt worden, obwohl sich der Geschäftsführer der Berliner "Ideal Film G.m.b.H.", der Filmkaufmann Erich Mehl, seit drei Jahren darum bemüht. Der Hinderungsgrund ist ein Abstammungsproblem ähnlicher Art wie die "nicht-arische Großmutter" unlängst vergangener Zeiten. Staudtes "Untertan"-Film stammt nämlich nicht aus der Bundesrepublik, sondern aus den "volkseigenen" Ateliers der ostzonalen Defa.

Dieser Umstand wurde bis vor wenigen Tagen offenbar als ein schwerwiegender Makel eingeschätzt. Am Montag vergangener Woche passierte "Der Untertan" jedoch endlich die für die Einfuhr sowjetzonaler Filmprodukte in erster Linie entscheidende Bonner Instanz, jenen "interministeriellen Filmausschuß", der gebildet wird aus Vertretern des Innenministeriums, des Auswärtigen Amtes, des Ministeriums für Gesamtdeutsche Fragen und des Wirtschaftsministeriums. Jetzt muß nur noch die Wiesbadener Freiwillige Film-Selbstkontrolle zustimmen […].

Mit der Bonner Ausschuß-Entscheidung ist Mehl, der den westdeutschen Vertriebsvertrag für den "Untertan"-Film mit der Defa abgeschlossen hat, seine Sorgen allerdings noch nicht los. Er muß jetzt das Bäumchen-wechsle-dich-Spiel, genannt innerdeutscher Kulturaustausch, noch einmal in umgekehrter Richtung betreiben und - gemäß den Gepflogenheiten des Ost-West-Filmgeschäfts - versuchen, mehrere Filmstreifen mit bundesdeutschem Geburtsschein für die Aufführung in der Sowjetzone bei den dortigen Instanzen freizubekommen*. Dieser Versuch ist nun vollends ein schier entmutigendes Nadelöhr-Problem. Wie die Erfahrung lehrt, passieren bestenfalls zwei von hundert westdeutschen Filmen den Engpaß sowjetzonaler Kontrollstellen, die angestrengt darüber wachen, daß nicht etwa ein politisch wilder West-Film die Ordnung in der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik stört.

Eine ebenso intensive Wachsamkeit, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen, legte der Bonner "interministerielle Filmausschuß" an den Tag. Dieser Ausschuß, dessen gesetzliches Fundament bisher noch keiner Nachprüfung standzuhalten hatte, wurde 1954 auf Betreiben des Amtes für Verfassungsschutz und des Bonner Innenministeriums gegründet, nachdem der Filmaustausch mit der Sowjetzone in Gang gekommen war.

Als einer der ersten klopfte 1954 der Filmkaufmann Mehl mit den "Untertan"-Filmrollen im Handgepäck bei dem damals neueingerichteten Filmausschuß an. Die Ministerialbeamten fanden an dem Defa-Produkt, das bei den Filmfestivals in Cannes und Venedig erfolgreich abgeschnitten und den schwedischen "Kritikerpreis für den besten deutschen Nachkriegsfilm" sowie einen finnischen Filmpreis erhalten hatte, kein Gefallen. Eine Begründung für ihren ablehnenden Bescheid gaben die Film-Zensoren damals ebensowenig wie nach einer zweiten Vorführung des inzwischen für Bonn etwas präparierten Streifens. Durch die verschlossenen Türen des "interministeriellen Filmausschusses" drangen nur Andeutungen. So sollen sich die Bonner Filmprüfer an folgender Dialogstelle gestoßen haben: "1848 war ich zum Tode verurteilt, und heute sollen wir uns schon wieder vom Kommiß-Stiefel treten lassen." Mit Mißfallen mögen die Ministerialbeamten auch festgestellt haben, daß sich die sozialdemokratischen Arbeiter in der Papierfabrik Diederich Heßlings, des "Untertan"-Titelhelden, untereinander als "Genossen" anreden. Angeblich waren die Herren des Ausschusses der Ansicht, der "Untertan" -Film enthalte ganz allgemein zuviel Parallelen zur Gegenwart. Filmkaufmann Mehl erfuhr von Argumenten dieser Art nur inoffiziell. Nachdem der "Untertan"-Film zum zweitenmal abgelehnt worden war, beschloß er, die Meinung der westdeutschen Presse zu Wolfgang Staudtes Heinrich-Mann-Verfilmung einzuholen. Er beschaffte sich eine einmalige Aufführungserlaubnis für Westberlin und arrangierte eine Pressevorführung.

Das Urteil fiel überraschend einstimmig aus. Der Westberliner "Telegraf" veröffentlichte ein "Plädoyer für den Untertan", und der "Kurier" stellte fest, "daß es sich um einen avantgardistischen Film handelt, und nicht einzusehen ist, warum dieses Werk, das ein unheilvolles Gebrechen unserer Zeit, den Untertanengeist, karikiert, nicht auch im Westen gezeigt werden könnte".

Sogar der über allen Verdacht der Sowjet-Fraternisierung erhabene Sender Rias ließ sich als Fürsprecher vernehmen. Rias fand es "unerklärlich", daß die Aufführungserlaubnis für Westdeutschland verweigert werde, "denn hier liegt einer der klarsten und saubersten Filme vor, der einen Großteil der westdeutschen Filmhersteller in einen Gewissenskonflikt mit ihrem eigenen Filmgeschmack bringen müßte". Ausgerüstet mit derart günstigen Referenzen führte Filmkaufmann Mehl, der in das Geschäft mit dem "Untertan" schon einiges Geld investiert hatte, den Film in der vorigen Woche zum drittenmal in Bonn vor.

Mehl hatte den Zeitpunkt der Wiedervorlage diesmal klug gewählt. Bisher konnten östliche Filme schon irgendeiner politisch unfreundlichen Tendenz wegen vom Ausschuß verworfen werden. Seit neuestem aber kann der Ausschuß nur dann noch ablehnen, wenn ein Film nachweislich gegen den Paragraphen 93 des Strafgesetzbuches ("Herstellung verfassungsverräterischer Publikationen") verstößt. "Der Untertan" wurde als erster Film unter diesem Gesichtspunkt geprüft und notgedrungen freigegeben.

[…] Innenministerium und Amt für Verfassungsschutz versuchen nun, ihren Einfluß auf die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft in Wiesbaden zu verlagern. Schon in der kommenden Woche wird sich der Kulturreferent des Bonner Innenministeriums der Oberregierungsrat von Plotho, mit den Herren der Wiesbadener Filmprüfstelle treffen.

* Die für die Bundesrepublik scheinbar günstigere, aber nicht genau festgelegte Tauschrelation ergibt sich aus der ungleichen Größe der beiden Einspielgebiete.

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