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K 3-5


K 3: Der Untertan. (Film-Echo o.J., S. 198-199.)

Für die kritische Würdigung dieses Films bedarf es trotz der innigen Verflechtung von Inhalt und filmischer Gestaltung einer Trennung dieser beiden Faktoren, wenn man zu einem ehrlichen und gerechten Urteil kommen will.

Der Inhalt, durch die aggressive Romanvorlage Heinrich Manns weitgehend fixiert, erzählt die tragikomische Geschichte eines Mannes namens Dietrich Hessling [Diederich Heßling; Anmerkung FuG], der es in der wilhelminischen Epoche zu etwas bringen will. Durch Erziehung und Umwelt dazu getrieben, strebt er dem Leitbild des ‚idealen Untertanen‘ nach und hat dann Erfolg, als er erkennt, daß ein Leben nach dem verbogenen und unehrlichen ‚Moralkodex‘ seiner Zeit den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufstieg garantiert.

Wahrhaftig eine großartige und – leider – auch heute noch aktuelle Konzeption, die freilich durch die Herkunft des Films ihre ganz besonderen Akzente erhält. Denn dieser Film will gar nicht objektiv sein. Er ist durch und durch subjektiv und schießt gegen das Bürgertum oder besser gesagt gegen die Bourgeoisie Breitseite auf Breitseite ab. Er trifft dabei die charakterliche Korruption in jeder Gestalt – nur nicht in der Gestalt des Arbeiters. Die wenigen Arbeiter in diesem Film sind geplagte, mißhandelte Geschöpfe. Schon der Werkmeister – ein Sozi – bekommt eins ausgewischt […]. Scharf gezeichnet, manchmal sogar bis zur Karikatur überzeichnet, heben sich die typischen Figuren der kaiserlichen Ära vor dem Hintergrund aus Plüsch, Nippes und Marschmusik ab: der Offizier, der Student, der Staatsbeamte, der Geistliche, der Unternehmer. Der deutsche ‚Herrenmensch‘, in der Gestalt des Kaisers symbolisiert, zeigt sich in allen Variationen und klagt sich durch seinen Despotismus und seine Unterwürfigkeit, durch seine Großsprecherei und durch seine innere Hohlheit in jeder Szene des Filmes selber an. Gewisse Parallelen zur Gegenwart sind nicht zu verkennen und manch ein Filmbesucher wird sich in seinen ‚heiligsten Empfindungen‘ getroffen fühlen. Aber diese heilsame Aggression wird durchleuchtet von einer tragischen Ironie, von der sich die sowjetzonalen Herren nicht minder kritisiert fühlen sollten.

Die Gestaltung dieses schwierigen Stoffes durch Wolfgang Staudte muß meisterlich genannt werden. […] Wo die gepfefferte Satire oder die pointierte Persiflage der Komik bedarf, da wird sie zwerchfellerschütternd eingesetzt. Natürlich ist das alles nicht ohne Fehl: mancher filmischer Speerwurf ließ Staudte den eigenen Kreis übertreten und da und dort (Rom-Szenen!) ist ein unnötige Länge nicht zu übersehen. Aber was bedeutet das alles gegenüber der Gesamtleistung, die, durch großartiges schauspielerisches Können unterstützt, in der Handlungsführung, in Bild, in der Kamera-Einstellung, in Schnitt und Blende wahre Meisterschaft spüren läßt. Und wie reagiert das bundesdeutsche Publikum auf diesen Film? Es lacht. Es unterhält sich großartig. Es quittiert das Hohngelächter des Films mit dem Wiehern der Schadenfreude. […] In wirtschaftswunderlicher Zufriedenheit lacht es sogar dort, wo es betroffen und getroffen schweigen müßte. Oder ist dies nur der äußere Schein? Läuft nicht doch ein eiskaltes Gruseln durch die Reihen, das man mit Lachen am besten tötet? Eines scheint mir festzustehen: diesen Film sieht jeder mit Gewinn! Die einen finden das erhoffte Amüsement, die anderen das erhoffte Ärgernis, die dritten eine Aufmunterung ihrer eingeschlafenen Nachdenklichkeit.

Karl Friedrich-Scherer

 

K 4: Oben buckeln – unten treten. Westdeutsche Premiere des Staudte-Films „Der Untertan“. (Hannoversche Presse, 08.03.1957.)

Der ‚Untertan‘ ist da. Nach gut fünf Jahren wurde am Wochenende in München der 1950 gedrehte Wolfgang-Staudte-Film in Westdeutschland zum ersten Male öffentlich gezeigt. Film und Buch, das Heinrich Mann den ‚Roman des bürgerlichen Menschen unter der Regierung Wilhelm II.‘ nannte, haben beide etwa die gleiche Zeit gebraucht, bis diese ätzende und kritische Attacke auf den idealistischen Hang zur Subalternität allen Deutschen als satirischer Zerrspiegel zur Verfügung stand. Heinrich Mann, der einzelne Kapitel seines Romans bereits 1911 im ‚Simplicissimus‘ veröffentlichte, beendete den Roman gerade so rechtzeitig, daß die Leser der ‚Frankfurter Zeitung‘ ihn im Frühsommer 1914 zu sehen bekamen und seinen Schluß zusammen mit dem Ausbruch des ersten Weltkriegs erlebten. Als Buch kam es im Dezember 1918 heraus und lief um die Welt, davon berichtend, daß Deutschland nicht nur aus untertänigen und großmannsüchtigen Menschen bestand. Dafür wurde das Buch 1933 als eines der ersten verbrannt und verboten.

Wolfgang Staudte griff 1950, als bei der DEFA noch ein frischer Wind wehte, das Thema auf, schrieb mit seinem Vater das Drehbuch und beendete 1951 als Regisseur einen vollblütigen Film, der die Treue dem Buch und dem Film gegenüber so beispielhaft hielt, wie in den langen Jahren danach kein zweiter. Dafür dauerte es dann auch bis heute, ehe in Bonn ‚der interministerielle Filmausschuß‘ seinen Widerstand aufgab; dies etwa zur gleichen Zeit, da auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs die Kopien in den Archiven und Arsenalen anfingen zu schimmeln.

Satire und Zeitkritik und -deutung haben es in Deutschland nicht leicht. Und wenn jemals nach ‚Im Westen nichts Neues‘ die Leidenschaften im Für und Wider sich erhitzen werden: hier im ‚Untertan‘ ist Sprengstoff und ein Katalysator, der die Geister scheidet.

Wie Heinrich Mann hält sich Staudte klar und kompromißlos an die Situation unter der Regentschaft ‚Wilhelms des Großen‘ […]. Den Originaltext […] benutzend, stellt er das Kind Dietrich Heßling [Diederich Heßling; Anmerkung FuG] und seien Umgebung sofort als Groteske vor: die Kinder in der Schule bewegen sich im Eiltempo wie aufgezogene Marionetten, die märchenerzählende Mutter wird bei verschleierter Linse mit einem Wagen vor der Kamera gezogen, und die Lehrer wirken in bärtiger Autorität wie gräßliche, über dem Menschen stehende Götzen. Und wenn es dann weiter geht, wenn wir den Weg des jungen Hessling in Berliner Plüsch und in der „Neuteutonia“ erleben, in der Kneipe, auf dem Paukboden und später in [i.O.] heimatlichen Kleinstädtchen, in der Fabrik und vor Gericht: der große Atem, mit dem der Film begann, erlischt nicht. Im Gegenteil: von Szene zu Szene scheint sich zu steigern, was man kaum für möglich gehalten hätte.

Und selbst wer dem Thema gegenüber – es werden ‚heiligste Gefühle‘ am laufenden Filmband verletzt! – Reserven hat, wem Kommis immer noch die Schule der Nation, Burschentum die Schule der Elite und Buckeln nach oben und Treten nach unten der sicherste Weg nach oben ist –, wer also gewisse Reserven hat oder gar Empörung empfindet, wird trotzdem nicht an der Feststellung vorbeikommen, daß wir hier den Modefall eines konsequenten Films vor uns haben. Staudte hat (hier ist der Wort ‚meisterhaft‘ in seiner ursprünglichen Bedeutung erlaubt) meisterhaft Stil und Tendenz des Romans in die Mittel des Films gegossen. Er ist echt in jeder Phase, in der Karikatur und in der Typisierung, in der Andeutung des Speziellen durch hart zupackende Ueberhöhung und in der Lächerlichmachung falscher Ideale und Symbole. […]

 

K 5: Der Zonenritt des ‚Untertan‘. Die ‚Geschichte zum Film‘ ist so frappierend wie der Film. (Hannoversche Presse, 15.03.1957.)

Nach der Münchener Premiere des Films ‚Der Untertan‘ wurde Wolfgang Staudte gefragt, ob sein 1950 bei der DEFA gedrehter Film in der Sowjetzone noch gezeigt würde. Staudte, der eine Fangfrage zu vermuten schien, antwortete nach kurzem Ueberlegen: ‚Natürlich ja, wie eben alte Filme noch laufen.‘ Er unterließ die Anfügung, daß diese Tragikomödie auf den deutschen Spießer drüben aus naheliegenden Gründen auch nicht mehr ganz opportun ist. Und damit hätte er dem Einwand gegen die Herkunft, die den Film wie eine ‚Fragebogenbelastung‘ Westdeutschland vorenthielt, noch mehr Boden entzogen. Denn diese deutsche Tragödie begann bereits vor sieben Jahren, als Staudte, nachdem er den ersten deutschen Nachkriegsfilm ‚Die Mörder sind unter uns‘ und danach ‚Rotation‘ gedreht hatte, versuchte, bei uns im Westen Heinrich Manns ‚Untertan‘ zu verfilmen. Staudte war damals bereits mit den russischen Filmoffizieren leicht kollidiert, ging aber nach Babelsberg zurück, als man ihm bei uns die kalte Schulter zeigte.

Er drehte dann in Ruhe und unbehelligt […] den ‚Untertan‘, der darauf mit außergewöhnlich großem Erfolg in den meisten europäischen Ländern lief. Immer rund um die Bundesrepublik, der er Ende 1953 angeboten wurde. Nun bestand für den Kulturaustausch zwischen den beiden Deutschlands, speziell für Filme, eine Art Abkommen, das aber von beiden Seiten in weitem Maße zur Verhinderung des Austausches ausgenutzt wurde. Angst vor eingeschmuggelter Propaganda vermischte sich mit Grundsatzressentiments, und der weltweite Kalte Krieg tat ein übriges, damit sich der Austausch von drüben nach hier auf Märchenthemen beschränkte, und von hier wurden platte Lustspiele und andere unverdächtige Kost in kleinsten Dosen ‚exportiert‘.

Im Falle des ‚Untertan‘[,] der ein ausgesprochener Staudte-Film und viel weniger (wie sich bald herausstellen sollte) ein DEFA-Film war, gab es aber von der Bonner Seite Bedenken gegen den Stoff, der zuviel Parallelen zur Gegenwart zu haben schien. Wie man vermeinte. Der interministerielle Filmausschuß, der es erleben mußte, daß die Heinrich-Mann-Verfilmung in Cannes recht erfolgreich war, daß sie in Schweden den ‚Kritikerpreis für den besten deutschen Nachkriegsfilm‘ erhielt, hatte Bedenken wegen der antimilitaristischen Stellen. Er meinte Rücksicht auf das neu erblühende studentische Verbindungsweisen nehmen zu müssen, und auch der augenzwinkernde Kuhhandel um Anteile an der Macht schien ihm zu gefährlich. Der Film […] erlebte dann in Westberlin, nachdem er zweimal abgelehnt worden war, eine einmalige Vorführung vor der Presse, mit dem Erfolg, daß eine geradezu einmütige Forderung nach einer Freigabe für die Bundesrepublik und Berlin erhoben wurde.

Neben diesem Verbündeten kam eine Lockerung der Einfuhrbestimmungen hinzu, die nunmehr ein Verbot gegen Filme nur wegen einer mißliebigen Tendenz nicht mehr zuließ. Unerwartete Hilfe, wohl kaum aus ideologischen Gründen, brauchte darüber hinaus das Wirtschaftsministerium, das bei der Erteilung von Einfuhrerlaubnissen ein entscheidendes Wort zu sprechen hat. Die ‚Devisenlage‘ kam rettend für das Zonenprodukt.

Wer in Bonn jahrelang im trauten Verein sich bemüht hat, uns diesen Film vorzuenthalten, wird nicht ohne weiteres festzustellen sein: […] Man unterschätzte damit den Bürger einer freien Republik und stellte ihn auf eine Ebene mit dem ewigen Untertan, dessen Zerrbild wir in künstlerisch vollendeter Weise nun sehen können.

A. F. Teschemacher