Diese Seite drucken

Hintergrund


Auszug aus dem Protokoll über die Arbeitssitzung vom 15. April 1943 zur Sicherheitslage im besetzten Polen Geiselerschießungen

(...) Auf eine Frage des Herrn Generalgouverneurs erwidert SS-Brigadeführer Dr. Schongarth, dass grundsätzlich bei Vorliegen von Sabotagefällen zunächst der Täter gefasst werden solle, wenn das nicht möglich sei, der Täterkreis und schließlich der Lebenskreis des Täters. Hier würden aber keine Erschießungen ohne weiteres durchgeführt werden, sondern die betreffenden Personen würden zunächst festgenommen. Man habe hier mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, umso mehr, da nach einem solchen Sabotageakt oder Überfall die gesamte deutsche Bevölkerung sofort Schutzmaßnahmen verlange.

Der Herr Generalgouverneur verweist in diesem Zusammenhang auf die zahlreichen Berichte, die ihm zugingen. Ein großer zusammenhängender Bericht sei ganz ausgezeichnet abgefasst und enthalte ganz detaillierte Angaben, in denen doch einwandfrei von zahlreichen Geiselerschießungen gesprochen werde. Es wäre eigentlich selbstverständlich, dass alle diese Erschießungen, die ohne Gerichtsverfahren durchgeführt würden, in einem regulären Verfahren ihren Unterbau fänden, was zur Folge haben würde, dass nicht jene große Unruhe in die Bevölkerung getragen würde. Als verantwortlicher Leiter der Regierung des Generalgouvernements sei er der Auffassung, dass man nunmehr unbedingt zu einer Änderung der Methode kommen müsse. Diese Massenerschießungen ohne Urteil, bei denen manchmal die Bewohner ganzer Ortschaften erschossen würden, seien auf die Dauer unmöglich. Selbstverständlich dürfe die Änderung des Verfahrens von der Gegenseite nicht als Schwäche des deutschen Willens, in diesem Raum zu bleiben, ausgelegt werden können, und daher müssten solche Maßnahmen sehr wohl überlegt werden, umsomehr, da man befürchten müsse, dass die Nachricht von ihnen entstellt ins Reich komme.

Staatssekretär Krüger gibt zu bedenken, dass hinsichtlich der Frage der Geiselgestellung der Vorwurf erhoben werde, dass man nicht scharf genug zugreife. Man müsse bedenken, dass es in manchen Gebieten richtige Verbrecherdörfer gebe, in denen die Bandenangehörigen mit Frau und Kind wohnten. Hier müsse unter Umständen scharf zugegriffen werden. Was in den Berichten über die Geiselerschießungen gesagt werde, dürfe nicht verallgemeinert werden.

Der Herr Generalgouverneur hält es für geboten, dass ein solches Regulativ hinausgehe, mit dem dann auch falsche Eindrücke vermieden werden könnten. Jedenfalls müsse eine Sicherheit dagegen geschaffen werden, dass nicht absolut unschuldige Menschen getötet würden. Deshalb müsse man unbedingt zu irgendwelchen Grundsätzen kommen, die dann den einzelnen Dienststellen bekannt gegeben werden könnten. Er gebe ohne weiteres zu, dass die Aufrechterhaltung der Sicherheit im Generalgouvernement eine der schwierigsten Aufgaben sei. Hier könne im weitesten Sinne des Wortes von einer über das normale Maß weit hinausgehenden Verantwortlichkeit gesprochen werden. Einigkeit bestehe darüber, dass die Tätigkeit der Sicherheitsfaktoren und die gesamten Sicherheitsfragen davon abhingen, wieviel Sicherheitsträger im Generalgouvernement vorhanden seien. (...)

Aus: I. Geiss/W. Jacobmeyer (Hg.): Deutsche Politik in Polen 1939-1945. Aus dem Diensttagebuch von Hans Frank, Generalgouverneur in Polen. Opladen 1980, S. 157 f.