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Zur Vorgeschichte der Filmproduktion


Staudte äußerte sich in einem Interview im Mai 1974 zur Vorgeschichte des Films:

Das Kriegsende haben Sie in Berlin erlebt. Es heißt, dass Sie damals schon den Stoff für ihren ersten Nachkriegsfilm, Die Mörder sind unter uns, ausgearbeitet hatten. Offensichtlich sind in diesem Stoff sehr viele eigene Erlebnisse eingeflossen?

Ein eigenes Erlebnis war, dass ich mal einem SS-Obersturmbannführer, der ziemlich angetrunken war, in die Falle gelaufen bin. Das war im Großen Schauspielhaus. Ein Freund von mir hat da die Kantine kommissarisch bewirtschaftet, und der hatte immer Cognac und Zigaretten und so was. Als ich mich da mal reintraute, waren ein paar angetrunkene SS-Leute drin. Einer von diesen Ärschen zog seine Wumme raus und hielt die mir vors Gesicht: "Du Kommunistensau, jetzt knall ich Dich ab." Die anderen haben ihn davon abgehalten, und er wurde auch wieder friedlich und sagte: "Wenn der Scheiß vorbei ist, dann kümmere ich mich wieder um meine Apotheke." Das war der Apotheker von der Ecke Friedrichstraße/ Schumannstraße. Ich habe mich dann verkrümelt und gedacht, was wohl passiert, wenn ich den später mal erwische, denn es war ja klar, dass alles bald zu Ende sein würde. Ich habe ihn später nicht erwischt, denn er war dann tot.

Sie haben aus diesen Kriegserlebnissen und der Beobachtung der ersten Nachkriegsmonate ein Drehbuch geschrieben. Wie ging es weiter?

Ich lebte damals im englischen Sektor und bin natürlich zuerst zu den Engländern gegangen, habe dann Kontakt mit den Franzosen aufgenommen und war dann bei den Amerikanern. Ich wollte den Film machen, ganz egal bei wem. Die Engländer waren nicht interessiert. Ich hatte zwar eine englische Lizenz für die "Wolfgang-Staudte-Film-Gesellschaft", aber kein Geld. Ich war sogar so naiv und habe in einer Zeitung inseriert "suche für Filmvorhaben 500 000 Mark". Aber es passierte nichts.

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Die Franzosen waren auch nicht interessiert. Und bei den Amerikanern traf ich auf einen Filmoffizier, der hieß Peter van Eyck. Der guckte mich von oben herab an und sagte: "Wie war der Name? Staudte? In den nächsten fünf Jahren wird in diesem Land überhaupt kein Film gedreht, außer von uns." Später wurde der van Eyck ziemlich angegriffen, weil er meinen Film abgelehnt hatte.

Und wie war es bei den Russen?

Wolfgang Staudte und Hildegard KnefIch hatte dort das Drehbuch abgegeben und wurde vierzehn Tage später zum Kulturoffizier beordert. Der sagte: "Ja, das wird gemacht. Ich habe es genau gelesen" und gab den Zensurstempel. Dann fing er ein Gespräch mit mir an: "Eins ist natürlich unmöglich, das ist der Schluss. Wenn der Film ein Erfolg ist, und die Leute kommen aus dem Kino, dann gibt es Geknalle auf der Straße, und das kommt natürlich nicht in Frage. Den Wunsch nach Rache, den können wir verstehen, aber es muss gesagt werden, dass das genau der falsche Weg ist. Überlegen Sie sich das." Ich sagte: "Sie haben vollkommen recht." Ich traf dann Ernst Busch und Friedrich Wolf, die sehr freundlich und nett zu mir sagten: "Den ersten Film machen wir." Wolf hatte schon das Drehbuch geschrieben, und die beiden standen auf dem Standpunkt, dass sie das moralische Anrecht auf den ersten Film hätten, denn sie hatten in der Sowjetunion gekämpft und alles durchgestanden, während ich im Lande geblieben war und nun den ersten Film machen wollte. Ihre Position war verständlich, nicht wahr? Sie fragten mich, ob ich ihnen helfen wolle, und ich habe dann mit einem Kameramann Aufnahmen in überfluteten U-Bahn-Schächten gemacht. Der Film von Wolf und Busch, "Die Kolonne Strupp", wurde nie fertiggestellt. Ich habe dann mit der Arbeit an den Mördern begonnen."

 

PKW und LKW ständig gesucht für den anlaufenden Spielfilm.
DEFA. Deutsche Film-A.G., Berlin SW an Krausenstr. 38/39

Aus: Egon Netenjakob u.a. (Hg.):
Staudte. Berlin 1991, S. 132 f.