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Der Film in der zeitgenössischen Kritik


Im folgenden sind insgesamt 15 Filmkritiken bzw. Ausschnitte aus Kritiken aufgenommen worden, unterteilt in zeitgenössische und retrospektive Kritiken. Die Filmkritiken vermitteln Reaktionen von Menschen, die sich berufsmäßig mit Filmen beschäftigten. Ihre Bewertungen der Filmästhetik wie auch die je spezifischen Wahrnehmungen und Interpretationen der Filmaussage geben ebenfalls - über die je individuelle Ausprägung hinaus - auch Auskunft über "kollektives Bewusstsein" ihrer Zeit.

Wir haben die zeitgenössischen Kritiken nicht gekürzt, um nicht auf diese Weise durch unsere Bewertung von "wichtigen" und "unwichtigen" Passagen gleichzeitig auch unsere Analyse und Interpretation des Films zu "vervielfachen". Die Kritiken spiegeln die Aufnahme des Films in seiner gesamten Breite wider, ermöglichen dem/der LehrerIn oder KursleiterIn also einen umfassenderen Einblick und Zugriff. Für die praktische Arbeit ist es aber sicher sinnvoll, einzelne Kritiken entsprechend der konkreten Zielsetzung auszuwählen und gegebenenfalls auch zu kürzen.

Die Kritiken/Rezensionen sollten v. a. als Arbeitsmaterialien in den Gruppenarbeitsphasen genutzt werden. Sie können dabei mehrere Funktionen erfüllen:

  • Sie ermöglichen, festzustellen, ob sich in dieser Rezeption vergleichbare Wertvorstellungen bzw. Selbst- und Gesellschaftsbilder finden lassen, wie im Film.
  • Sie können dazu dienen, die eigenen Analysergebnisse und Interpretationen mit der zeitgenössischen Rezeption zu vergleichen.


K 1 - Friedrich Luft: Der erste deutsche Film nach dem Kriege

Hier kam es auf das Thema an. Der erste Film nach der kleinen Apokalypse unserer Zeit durfte nicht in die Unterhaltung oder schnell an die Oberfläche flüchten. Der erste Film, von Männern unseres Landes geschaffen, musste Klärung bringen, Abrechnung und endlich neuen Ausblick und Befreiung. Am Thema und an der Art, wie man es ernst nahm und klar ausdrückte, war zu zeigen, dass man den Film wieder einfügen will in Rede und Gegenrede unserer Tage.

Wolfgang Staudte ist mit einem eigenen Drehbuch an die schwierige Arbeit gegangen. Tatsächlich Neuland, denn die vergangenen Begriffe wollen jetzt und hier nicht verfangen. Er tastete mit diesem Streifen in ein Gebiet vor, das künstlerisch noch nicht begangen war. Er hat es gewagt. Auch wenn der Versuch nur zur Hälfte gelungen sein mag - das ist zu würdigen und anzuerkennen, dass er den Sprung in den neuen deutschen Film begann. Seit gestern gibt es wieder einen deutschen Spielfilm.

Er setzt ein mit erstaunlicher optischer Saugkraft: Blick auf ein Soldatengrab. Die Kamera schwenkt hoch und hat sofort die ganze Szenerie der Verwüstung Berlin im Frühjahr 1945. Die verschüttete Stadt. Kinder laufen, verloren, auf einem Pfad zwischen Trümmern. Krass dagegen schlagend eine billige Tanzmusik. Wieder Schwenk, und der erste Kontakt ist da: die grellste Fassade eines Bumslokals, wie sie schnell und gewissenlos aus den Ruinen wuchsen.

Ein Mann ist zurückgekehrt, verbittert, aufgelöst, im Trunke als der letzten Rettung versunken, pendelnd zwischen Schwarzmarkt und den Stätten schnellen und billigsten Amüsements. Der Stachel des Krieges sitzt ihm zu tief im Fleisch. Er findet nicht zurück, obgleich er die Reste seiner Wohnung zuweilen bewohnt. Ein Mädchen kehrt heim an die gleiche Tür. Hier wohnte sie, bis man sie ins Lager holte. Jetzt will sie den neuen Anfang suchen. Sie rücken zusammen. Widerwillig sieht er ihre Versuche an einem neuen Leben an. Er misstraut jeder Hoffnung und versinkt in dem Strudel der schwärzesten Erinnerungen. Gespenstisch die Bewohner des Hauses ringsum. Ein Wahrsager wohnt da, ein Ausbeuter der gutgläubigen Hoffnung, ein Mephisto der kleinen Leute im Spitzbart. Ein redlicher Brillenmacher hockt im Parterre und hofft auf die Wiederkehr seines Sohnes; einer, der arbeitet, ein Philosoph der Beharrung hinter seinen Brillenrändern. Der Klatsch wohnt im gleichen, angekratzten Hause, Missgunst und Bosheit machen sich breit. Eine dumpfe, schwarze Welt, in die das Mädchen wieder Licht zu bringen sucht. Ihre Bemühungen um ihren immer mehr versackenden Mitbewohner bleiben ohne Erfolg. Er geht ohne Lächeln seinen wilden, versunkenen Weg. Bis eine Kriegserinnerung wieder aufsteigt. Er wittert ein böses Wild.

Der Hauptmann, der sein Vorgesetzter in Polen war, ein äußerlich unscheinbarer, spießbürgerlich glatter Mann, taucht wieder auf. Er sitzt im neuen Fett. "Aufbaufreudig", wie einer, hat er eine Fabrik aus dem Boden gestampft. Er macht den behaglichen Familienvater, ist saturiert, und die neuen Worte gehen ihm ölig und leicht vom Munde. Ein guter Bürger, ein wendiger "Freund der Demokratie", eine Stütze des Aufbaus. Aber unser Mann weiß mehr. Er hat gesehen, wie jener in Polen seine Kommandogewalt nutzte, um ein Dorf auszulöschen. Schüsse sind gefallen, gezählt und mit militärischer Exaktheit später abgerechnet, Schüsse, die das Leben von Kindern, von Frauen und Männern in Zivil auslöschten. Es war Weihnacht. Und Herr Hauptmann haben anschließend gefeiert. Der Mörder, jetzt ist er unter uns.

Das endlich jagt den Versunkenen aus seiner Lethargie. Er stöbert seinen Raub in der festverglasten, instand gesetzten Bürgerwohnung auf. Er lockt ihn in die Ruinen. Einen Revolver hat ihm das ölige Opfer selber in die Hand gespielt. Schon legt der Mann an, um die Toten aus Polen zu rächen, da schlägt ihm das Leben die Waffe aus der Hand. Er wird gerufen, einem kranken Kinde Hilfe zu bringen. Er hilft. Sein Opfer entkommt, und er sucht es wieder. Die Vision der Schuld bedrängt ihn, als es Weihnachten wird. Jene Weihnacht in Polen steht wieder vor ihm, und jetzt geht er, die Toten zu rächen, die vor drei Jahren rührungslos hingemordet wurden auf Befehl jenes wendigen Burschen, der jetzt unangefochten in seinem Betriebe Worte "christlichen Friedens" spricht.

Der Rächer legt schon die Pistole auf ihn an. Da wieder schlägt ihm das Leben die Waffe aus der Hand: Das Mädchen, das bei ihm wohnt, das eine langsame Liebe zu ihm gefasst hat, hindert den Schuss und die Begleichung der Schuld. Der Hauptmann von ehedem tritt aus dem Schatten seines Rächers. Aber die Vision der Schuld wächst im Bilde auf. Krüppel. Ermordete. Trümmer und schließlich eine Landschaft von Grabkreuzen.

Es ist verdienstvoll, dass der Film der ersten Frage in unserem Leben nach dem Kriege nicht aus dem Wege gegangen ist. Er will abrechnen. Er will klären. Reichen die Mittel für das todernste und große Thema dieses Filmes aus? Führt er weiter? Wird er die Wirkung haben, die er haben muss?

Nur zum Teil. Er ist, das bleibt als erstes anzuerkennen, mit äußerster Sorgfalt gemacht. Staudte zeigte zusammen mit seinem Kameramann Friedl Behn-Grund, dass er ein sehr starkes Feingefühl für optische Möglichkeiten hat. Es sind Einstellungen zu finden, die mit Recht wegen ihrer Treffsicherheit und künstlerischen Präzision beklatscht wurden. Er wendet, er bewegt, er führt die Kamera mit so intensiver Freude für die Symbolkraft des Bildes, dass darüber aber der Fluss der Vorgänge leidet. So deutlich geht er dem Bild nach, so sehr beißt er sich in Wirkungen fest, dass man oft den Eindruck behält, als habe der Regisseur über der künstlerischen Bemühung am Optischen den dramaturgischen Faden fallenlassen. Die Handlung flattert. Es sind Typen sorgfältig angespielt, die den Fortgang des Films nicht fördern. Es sind bildliche Krassheiten aufgenommen, durch die die Wirkung des Ganzen eher leidet. Manches wird so bissig herausgearbeitet, dass schließlich ein Beigeschmack des Filmisch-Artistischen nicht zu verwinden ist, eine Nebenwirkung, die gerade hier störend ist und zuweilen beleidigt. Warum müssen, um ein Beispiel zu geben, die Soldaten ausgerechnet ihre Waffen lässig und bösartig auf einem Kruzifix abhängen? Warum geht der Rächer, bevor er den Mörder aus Polen töten will, in die Kirche? Warum muss die gutmütige Figur des hoffenden Brillenmachers sterben? Dramaturgische Gewalttätigkeiten, dem Ganzen nicht zuträglich. Und was - schließlich - ist die Moral dieser so vehement gezeichneten Häufung von Schuld? Es bleibt ein Symbol. Der Mörder hängt sich erschöpft an ein Gitter.

Der Film ist langsam, er kommt erst spät an sein Thema. Und als er es erreicht hat, verhakt er sich so sehr in die Symbolträchtigkeit der Bilder, dass schließlich die Wirkung, die von ihm zu erhoffen war, nur halb erreicht wird. Kein Schwung teilt sich mit, sondern eine dumpfe Stimmung des Verlorenseins, die selbst durch die etwas mühsam gesetzte Liebeshandlung nicht leichter gemacht wird.

Die Schauspieler sind überlangsam geführt und bewegen sich durchgehend in einer Getragenheit, als wandelten sie auf dem Grunde des Meeres. Nur selten ließ Staudte ihren Möglichkeiten einen kurzen Ausbruch frei.

Dieser Versuch war mit Recht unausweichlich. Er bleibt ein Versuch und macht, so ausgezeichnet er streckenweise gerichtet und photographiert ist, als Ganzes nicht klarer und befreit uns nicht. Von einem Film dieses Themas wäre zu hoffen gewesen, dass er sich nicht im Dunkel der Bildsymbole verlief, sondern Klarheit und Schwung vermittelt hätte. Die neue Form für den neuen Film zu finden ist schwer. Auf diesem ersten Anlauf liegt alles Schwere des neuen Beginns. So ist er zu werten und schließlich als erstes Tasten nach einem wichtigen Thema zu begrüßen.

Der Tagesspiegel, 16.10.1946

 

K 2 - Walter Lennig: Ein Film der deutschen Wirklichkeit. Zur Uraufführung des Defa-Films "Die Mörder sind unter uns"

Wie waren wir bereit, diesem ersten großen deutschen Film nach dem Zusammenbruch ein freundliches Willkommen sogar dann zu bereiten, wenn er hätte erkennen lassen, dass es sehr große Schwierigkeiten gewesen sind, die bei seiner Herstellung zu überwinden waren. Notdürftig hergerichtete Ateliers, unzulängliche technische Ausrüstung, große Besetzungsschwierigkeiten, und was es davon noch alles geben mag, was vielleicht nur der engste Zirkel genau weiß - alle diese erschwerenden Umstände nicht zu würdigen, wäre ja fast einer unsachlichen Betrachtung gleichgekommen! Gerade aber nach dieser Richtung bereitete uns dieser Film eine besonders freudige Überraschung, denn von all diesen Schlacken war er frei. Mit solch beispielhaftem Elan ist hier gearbeitet worden, dass sozusagen mit einem einzigen Sprung der Anschluss an die einstige große deutsche Produktion gewonnen wurde, die dem deutschen Film Weltgeltung verschaffen hatte. Wir dürfen dieser Leistung bereits internationales Format zuerkennen. Deswegen ist hier ein befreites Aufatmen berechtigt, eine geradezu ungestüme Freude über dieses Gelingen.

Unsere Freude gilt auch dem Umstand, dass hier ein Zeitfilm gelungen ist, der jenes andere Deutschland politisch unterstreicht. Dieses um innere Klarheit und die moralische Überwindung eines Dezenniums voll Verbrechen und abstoßender Selbstverblendung bemühte Deutschland präsentiert sich hier mit einer Leistung, der man schon den Rang einer entscheidenden Etappe zuerkennen darf. Würde und Haltung sind erkennbar und dokumentieren, dass neue seelische und geistige Ordnungsfaktoren über die chaotischen Aspekte die Oberhand gewinnen. Dass im Hinblick auf das Zeitstück zunächst der Film dem Theater den Rang abgelaufen hat, muss man als Tatsache registrieren, ohne daran gleich weitgehende Konsequenzen anzuknüpfen.

Dass dieser Film jedem Deutschen etwas zu sagen hat, steht außer Zweifel. Wir möchten diese Feststellung sogar erweitern und sagen: Ein guter Deutscher ist förmlich daran zu erkennen, ob und wie er von diesem Film gepackt wird. Damit ist zugleich alles über seinen Wert festgestellt.

Wolfgang Staudte, von dem auch das Buch stammt, hat die Regie geführt, Friedl Behn- Grund und Eugen Klagemann standen an der Kamera. Man muss diese Männer zusammen nennen, denn ihr Anteil an der künstlerischen Gesamtqualität dieses Films dürfte schwer gegeneinander abzugrenzen sein. Der Film ist episch angelegt, seine besondere Spannung resultiert nicht so sehr aus der Handlung als aus dem dichten seelische Gefüge, das alles und jedes einbezieht, was auch Bestandteil unserer eigenen Situation ist. Wir sehen scharf gezeichnete Charaktere, die aber trotzdem von einer Allgemeingültigkeit sind, dass sie wie Typen durch unseren Ruinenalltag schreiten. Allein an dieser Aufgabe wäre vielleicht schon eine mindere Begabung gescheitert. Diese Menschen werden bei den alltäglichsten Verrichtungen gezeigt, aber vor einem Fond, der jedem Tun eine besondere Bedeutung verschafft. Das Sich-wieder-Aufrichten aus der entsetzlichsten Niederlage spricht als gegenwärtiges Bewusstsein aus jedem Blick und jeder Geste. Gewiß, das Leben geht auch als solches weiter, aber es bezieht seine Impulse aus einer neuen geistigen Ausrichtung, die alten Reserven sind restlos aufgezehrt. Hier wird bewiesen, dass man nicht mehr so weiterleben kann wie früher.

Der Film zeigt das mit seinen spezifischen Mitteln. Er reißt den Zuschauer von seinem festen Platz, er wirbelt ihn durch die Kameraeinstellungen und konfrontiert ihn stets mit dem erregtesten Ausdruck, mit der pointiertesten Ballung. Ein Mann geht die Treppe hinauf, wir verfolgen ihn von unten nach oben, wir sehen, wie bei den verschiedenen Menschen das Echo der Schritte und die knarrende Treppe die verschiedensten Reaktionen auslösen, erleben unmittelbar, wie vielfältig sich Ursache und Wirkung in der äußersten zeitlichen Gerafftheit überschneiden - das kann nur der Film! Nur der Film kann Licht und Schatten zu gleichberechtigten Mitspielern machen, kann damit eine gespenstischzittrige Aura um Ruinen und zum Himmel starrende Giebel legen und schwarze Silhouetten tanzen lassen, als trüge jeder Lemuren in sich, die der schneidende Riss der Zeiten ins Sichtbare gezerrt hat. Ein Film braucht bloß ganz Film, ganz im Einklang mit sich selbst zu sein, um alle Ismen, so gelehrt und anspruchsvoll sie sich auch geben mögen, wie ein törichtes Spiel mit Begriffen erscheinen zu lassen.

Es würde ins Uferlose gehen, wollte man von den technischen Glanzstellen dieses Films auch nur die einprägsamsten erwähnen. Einer der Höhepunkte vielleicht das glückhafte Schreiten des jungen Paares durch die ruinenstarrende Einsamkeit, über die Wolken ziehen, wie über etwas, was nur noch Landschaft ist, über die sich ein kreszendierendes Leuchten legt, als sei schon das Licht allein etwas Hoffnung Verheißendes. Ein anderer Höhepunkt: Das jähe Rückblenden bei der Weihnachtsfeier 1945: drei Jahre vorher ... auch das, diese blutbedeckte Weihnacht von 1942 irgendwo in Polen war Wirklichkeit und - ist es noch immer! Dieser bestürzende Stoß aus einer falschen Sentimentalität in ihre schaurige Folie verursacht einen fast physischen Schmerz.

Deutsche Wirklichkeit, unser aller Wirklichkeit, beklemmendes Schreiten durch unsere verhangene seelische Landschaft!

So dicht, bezüglich und typisch bei aller charakteristischen Kontrastierung ist der Film, so gleichberechtigt seine menschlichen und dinglichen Faktoren, so geschlossen ensemblehaft im akkordhaften Zusammenklang von Licht, Ton und Bewegung, dass es beinahe als Vergesslichkeit erscheinen mag, die menschlichen Akteure erst beiläufig am Schluss zu nennen. Ernst W. Borchert spielt den mit sich selbst zerfallenen Arzt Dr. Mertens bis an die Grenzen seiner darstellerischen und stimmlichen Mittel. Hildegard Knefs herbverhaltene Erscheinung war vielleicht die beste Wahl, die Staudte für diese Rolle treffen konnte. Ihr Spiel war eine schöne Mischung von zupackender, unsentimentaler Sachlichkeit und einer bemühungsvollen Liebe. Nicht minder ausgezeichnet die forsche Selbstsicherheit, mit der Arno Paulsen den Fabrikbesitzer und gewesenen Hauptmann der Reserve Ferdinand Brückner wiedergab, den Mann, der am Schluss sein verlogen-klägliches "Ich bin unschuldig!" hinausschreit, obwohl er Dutzende unschuldiger Menschenleben auf dem Gewissen hat. Aber sie alle, Erna Sellmer, Elly Burgmer, Marlise Ludwig, Robert Frosch, Albert Johannes und wen das Programm sonst noch nennt, waren ihrer Aufgabe gewachsen, weil sie ein kundiger und leidenschaftlich bemühter Regisseur sorgfältig ausgewählt und geleitet hat. Wenn wir am Schluss ganz beiläufig feststellen, dass tonliche Wünsche offenblieben, dass einige beherzte Schnitte dem ersten Drittel des Films wohlgetan und das bisweilen eine etwas subtilere Kontrastierung nicht nur die Tendenz beschwingt, sondern auch die Folie noch gültiger schraffiert hätten, dann ist damit nur ausgedrückt, was die Väter dieses Films noch viel besser wissen werden: dass es kein Ausruhen auf Lorbeeren gibt und schon gar nicht auf den ersten.

Nicht der einzelne darf richten - damit entlässt uns dieser denkwürdige Film - sondern das ganze Volk soll Gericht halten. Erst wenn die innere Selbstbefreiung, diese echte Sühne gelungen ist, wird echte Freiheit wieder möglich sein. Wir sagten es schon: Auf diesem Wege, dessen Spalier eine ganze abwartende und beobachtende Welt ist, darf dieser Film den Rang einer Etappe beanspruchen.

Berliner Zeitung, 17.10.1946
(zitiert nach: Wolfgang Staudte. Red.: Eva Orbanz, Berlin 1977, S. 97-99)

 

K 3 - Werner Fiedler: Der Weg durch die Trümmer. Impressionen aus dem neuen deutschen Film

Die Kamera krallt sich fest an Trümmern, schafft erschreckend schöne Ruinenlandschaften. Sie krallt sich fest an zertrümmerten Schicksalen, schafft großartig düstere Seelenlandschaften. Die Elemente dieses Films sind nicht Licht und Schatten, sondern Schatten, deren lastende Schwärze durch die paar zaghaft matten Glanzlichter noch vertieft werden. Schlagschatten erschlagen immer wieder die aufglimmenden Hoffnungsschimmer.

Ungeheuer malerische Wirkungen entstehen. Der Treppenflur: Ein Schacht von gestuften Dunkelheiten. Das Menschengesicht: Ein Trümmerfeld von Hoffnungen. Abgründe klaffen hier und dort. Eine Hauswand stürzt ein - Erwartungen brechen zusammen. Wolken türmen sich über Ruinen - schwere Erinnerungen verfinstern ein Antlitz. Man stolpert, tastet, taumelt umher zwischen Bildern und Sinnbildern. Schatten werden zu bizarren Fratzen, zu Zerrbildern des Klatsches. Ein Kruzifix wird zum Gewehrständer entweiht. Manches erinnert an unheimliche Gesichter Goyas, die Kamera schafft düster bewegte Graphik: Kunst klagt an. Grimmige Satire fletscht die Zähne. Die Frühstücksstulle des gedanken- und gewissenlosen Spielers ist eingewickelt in einer Zeitung mit der furchtbaren Schlagzeile "Zwei Millionen Menschen vergast". Und er lässt sichs schmecken, der Spießer! - Die schiefe Ebene, auf die die Menschen geraten sind, wird gelegentlich atembeklemmend betont durch die schräggestellte Kamera. Hart prallen Gegensätze aufeinander. Über ein Soldatengrab zwischen Trümmern rieselt eine fade Schlagermusik aus dem benachbarten Bumslokal, das Stöhnen eines todkranken Kindes wird überblendet vom Kreischen animierter Weiber.

Der Mann, der den Film Die Mörder sind unter uns schuf, aus dem diese Impressionen stammen, gleicht dem Menschen, der da schwer durch die Handlung stapft. Er geht nichts aus dem Wege, er macht sichs nicht leicht und geht nicht die bereits glattgetretenen Pfade. Dem auf Unterhaltung eingestellten Publikumsgeschmack macht er keine Zugeständnisse. Die Aufgabe ist ihm zu unerbittlich ernst, die ihm hier am ersten deutschen antifaschistischen Film zufällt: Abzurechnen, wachzurütteln, aufzuräumen, Seelenschutt beiseite zu schaffen und vor allem, die neue deutsche Haltung zu dokumentieren: Sie ist groß, diese Aufgabe, und schwer. Kein Wunder, dass Wolfgang Staudte der Atem etwas schwer dabei geht. Und dass auch die Handlung etwas annimmt von dem müden, schleppenden Gang der Hauptfiguren. Es sei an bereits in der gestrigen Nummer erfolgte Besprechung und Skizzierung des Inhalts erinnert. Es ist die Geschichte eines Arztes, der vom Kriege seelisch versehrt, seine furchtbaren Eindrücke durch Schnaps wegzuspülen sucht, bis ein junges Mädchen, das aus dem KZ heimkehrt, ihn mit ihrer behutsamen und beharrlichen Liebe allmählich dem Leben wiedergewinnt.

Dass sich Wolfgang Staudte, der für Buch und Regie verantwortlich ist, nicht in allzu billigen Optimismus flüchtet, verdient besonderen Dank. Aber unter dem zwingenden Ernst der Aufgabe gerät ihm manches zu düster. Dabei entgehen ihm die schüchternen Sonnenblicke, die rührend zarte Idylle zwischen Trümmern, das tapfere Lächeln, das Kinderlachen, das derb aufmunternde Kraftwort, die fröhliche Unverschämtheit - alles Symptome echten Berlinertums.

Es war nicht nur Stöhnen und Tingeltangelmusik, die dieses Berlin nach der Katastrophe beherrschte. Zur Leitmelodie dieser Tage gehörte das beglückende Stakkato, das aus allen Winkeln und Trümmern hervorklang, das beharrlich über der ganzen Stadt lag, dieses unverzagte, unermüdliche Klopfen und Hämmern und das Scheppern der Scherben, die beiseitegeschafft wurden. In dem Film Die Mörder sind unter uns ist nichts von diesen hellen Momenten des Wiederbeginnens. Die Hausbewohner klatschen nur oder warten und sterben über diesem Warten. Und die Faust des Arztes krallt sich fast ständig um ein Schnapsglas oder den Revolver; die einzige Szene, da er aktiv wird und einem röchelnden Kind mit dem Küchenmesser ein Stück Gasrohr als Kanüle einsetzt, ist nur quälend und ist übrigens auch medizinisch ein allzu beunruhigender, fragwürdiger Noteingriff.

Der Film lässt eigentlich ungeklärt, ob dieser Mann nun wirklich durch die schöne standhafte Liebe der Frau ernsthaft zurückgefunden hat, zu dem wichtigen Helferamt des Arztes. Denn leider wurde der entscheidende Auftritt durch Schnitte zerstört, in dem wir erfahren sollten, dass er eine eigene Praxis eröffnet. So lässt der Film manche Frage offen. Aber eine und für uns die wichtigste Frage beantwortet er mit schöner Entschiedenheit: Dass die deutsche Filmkunst mit vielversprechender Besessenheit und hohem künstlerischen Ernst berechtigt und in der Lage ist, ihre friedliche Position zu beziehen, zu behaupten und auszubauen.

Neue Zeit, 17.10.1946
(zitiert nach: Wolfgang Staudte. Red.: Eva Orbanz, Berlin 1977, S. 97-99)

 

K 4 - Peter Karst: Tiefernste Mahnung zur Wachsamkeit

Als wir am Dienstagabend nach der festlichen Premiere des ersten großen Spielfilms der DEFA die Staatsoper verließen, hörten wir einen Besucher aus übervollem Herzen zu seiner Begleiterin sagen: "Herrgott, dieser Film musste kommen!" und nach einer gedankenvollen Pause setzte er hinzu: "Ich bin froh, dass ihn Deutsche gedreht haben und nicht Ausländer."

Dieses erste summarische Urteil, im Vorübereilen als Gesprächsfetzen erhascht, gab uns viel zu denken, und je mehr wir über den tieferen Sinn nachgrübelten, um so klarer wurde es uns, wie recht der unbekannte Premierenbesucher hatte. Jawohl, dieser Film musste kommen! Und dieser grundehrliche, bescheidene, anklagende und aufrüttelnde Zeitfilm musste, nein, durfte von niemandem anderen als von Deutschen für Deutsche gedreht werden. Erhält doch sein Aufruf zur Wachsamkeit, weil immer noch die Mörder in der Maske von Biedermännern mitten unter uns sind, erst als deutsche Mahnung sein rechtes moralisches und politisches Gewicht. Den Männern der DEFA gebührt unsere volle Anerkennung. Gleich ihr erster großer dramatischer Film, unter unsäglichen Schwierigkeiten fast aus dem Nichts in Rekordzeit geschaffen, wird - wenn nicht alle Anzeichen trügen - der aufhorchenden Welt beweisen, dass im neuen demokratischen Deutschland, dass insbesondere in Berlin Kräfte am Werke sind, die nicht eher ruhen werden, bis die Schänder des deutschen Namens, bis die Verbrecher des Krieges ihre Strafe erhalten haben.

Diese politische Tat ist zugleich eine künstlerische Tat. Der deutsche Film, befreit von den Fesseln Goebbelsscher Propagandarichtlinien, meldet sich mit diesem dramatischen Streifen wieder zum Wort, ringt erneut allein nach den strengen Gesetzen der Kunst um ehrliche Gestaltung unserer Zeitprobleme. Dass er hierbei aus der deutschen Not an Hilfsmitteln aller Art eine filmgerechte Tugend macht, gibt ihm sogleich sein eigenes Gesicht.

Wolfgang Staudte als Autor und Regisseur der Mahnung, dass noch Mörder unter uns sind, schafft diese Eigenwilligkeit - abgesehen von der Handlung - vornehmlich mit Hilfe seines phantasievollen Kameramannes Friedl Behn-Grund. Beide schwören auf die beseelte und beseelende Phototechnik als das bestimmende Kunstmittel des Films. Tatsächlich zaubert ihre Kamera aus Berlins Ruinenwelt Bilder, Ausblicke und Panoramen von todtrauriger Plastik, bannt Szenen, in denen schwarze Schatten die dramatische Wucht der Handlung sekundenweise ins Unheimliche steigern und schafft endlich durch Einstellung und Ausleuchtung auf Gesichtern und Räumen höchste Intensität und dichteste Atmosphäre.

Der zu Anfang schleppende Handlungsablauf des Films, in dem gezeigt wird, wie die Mörder und Kriegsverbrecher "auf höheren Befehl" noch bei uns unerkannt als spießbürgerliche, geachtete, kinderliebe und weihnachtsliedersingende Familienväter unter uns sind, ist trotz eines eingeblendeten Erinnerungsbildes vom Kriege lapidar einfach. Dr. Mertens, der als menschlich gebliebener deutscher Offizier in Polen die "Liquidierung" von Greisen, Frauen und Kindern erleben musste, wird auch als Zivilist mit diesem entsetzlichen Erlebnis nicht fertig. Er beginnt zu trinken, verkommt immer mehr, bis ihn die Liebe eines aus dem KZ entlassenen Mädchens wieder hochreißt.

Vom Drehbuch her hat von dem Paar allein E. W. Borchert ausreichend Gelegenheit, ein tragisches Nachkriegsschicksal dramatisch abzuhandeln, während Hildegard Knef sich als Susanne Wallner nur in einzelnen Szenen und Episoden voll entfalten kann. Hingegen ist das nirgendwo überbetonte Spiel Arno Paulsens besonders hervorzuheben. Sein Hauptmann Brückner wird niemals zu einer vom Hass verzerrten Karikatur. Sein Kriegsverbrecher Brückner bleibt als Hauptmann wie auch als biederer Bürger unserer neuen deutschen Demokratie von einer Porträttreue, die betroffen macht. Ja, so und nicht anders sind sie, diese aalglatten, süffisanten, sentimentalen, lüsternen, zwiespältigen und abgründigen deutschen "Vgs" mit der "Leiche im Keller, die eines Tages zu stinken anfängt", wie der Volksmund neuerdings drastisch zu sagen pflegt. So weckt nicht zuletzt Arno Paulsens gutausgewogenes Spiel unser Gewissen, schärft unsere Wachsamkeit. Die hohe ethische Mission des Films zur Menschlichkeit fand in seiner Darstellung Erfüllung.

Wir wurden gewarnt: Die Mörder sind unter uns. Wird das deutsche Volk diese Mahnung und Warnung verstehen?

Vorwärts, 17.10.1946