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Zeitgenössische Kritik (K5-8)


K 5 - Friedrich Luft: "Die Mörder sind unter uns"

Dieser erste deutsche Film nach dem Kriege ist mit allen Bleigewichten behängt. Schon so schnell in eine neue Produktion zu gehen, war für die DEUTSCHE FILM A. G. ein Wagnis in jeder Beziehung. Im Technischen stellten sich der Kamera immer wieder Schwierigkeiten in den Weg. Die gezeigte Kopie war technisch nicht besonders gut. In der Neuen Staatsoper zu Berlin, in welcher der Film in sehr festlichem Rahmen anlief, musste eine Kinoprojektion erst mit Mühe eingebaut werden, da der russische Sektor der Stadt über kein Uraufführungstheater verfügt. Auf dem Programmheft erscheint der Name des Hauptdarstellers nicht, denn erst bei Beendigung der Arbeiten stellte sich heraus, dass eine grobe Fälschung des Fragebogens bei ihm vorlag. Hemmnisse und Schwierigkeiten auf der ganzen Strecke.

Man hat sich ein sehr schweres Thema gestellt: Das Leben in der Stadt Berlin, unmittelbar nach Ende des Krieges. Wie die Menschen eines ausgebombten Hauses in der Trümmerwüste aufzuatmen beginnen oder in volle Verzweiflung fallen. Geschäftemacherei niedrigster Art kontrastiert mit dem anständigen Beginnen kleiner Handwerker. Die drückende Atmosphäre, das Schwebende und Unausweichliche jener Tage - Wolfgang Staudte, Drehbuchautor und Regisseur, hat sich und uns an Deutlichkeit nichts erspart. Die Kamera geht mit einer fast wütenden künstlerischen Verbissenheit an die Trostlosigkeit jener Wochen. Kein Lichtstrahl, der Aufatmen oder Hoffnung schöpfen ließe, fällt auf die Bilder: Das Panorama der Verwüstung wird grimmig erfasst und ist vom Kameramann Friedl Behn-Grund oft in erschütternden Bildern eingefangen. Erst spät kommt der Film an sein Thema. Ein Mann tänzelt über die Trümmer, ein Ausbeuter und schneller Verdiener, ein falscher Biedermann und trügerisches Vorbild des Aufbaus. Er stampft eine kleine Fabrik aus der erschütterten Erde und schwimmt wieder oben. Ein Vorbild rühriger Energie. Doch ein Untergebener aus den Jahren in Polen erkennt ihn. Vor wenigen Jahren gingen noch andere Worte aus diesem Munde, und ein Befehl war darunter, der ein ganzes polnisches Dorf mit Frau, Greis und Kind in Tod und Asche jagte. Der Mörder ist wieder unter uns.

Ihn jagt nun der frühere Untergebene. Diesen großen Mord will er rächen. Zweimal wird er an dem rächenden Schuss gehindert, bis ihm die liebende Frau die Waffe privater Sühne endgültig aus der Hand nimmt und das Opfer, den Mörder, der allgemeinen Entsühnung zuführt.

Ein bleischweres Thema, gleich schwer genommen. Aber es sind Passagen darunter, die so effektvoll und künstlerisch angepackt sind, dass während der Vorführung Beifall einbrach. Staudte hat die optische Vortrefflichkeit so besessen angestrebt, dass ihm dabei für ganze Strecken der Ablauf der Handlung verlorenging. Der Film ist oft quälend. Hinter fast jeder Einstellung hebt sich deutlich der Zeigefinger einer gewollten Symbolik, so dass das Bild des Ganzen der Unzahl der Sinnbilder zum Opfer fällt. Gerade bei einem ersten "Versuch über die Gegenwart" wäre Klarheit und unerbittlicher Gedankengang vor allem am Platze gewesen. Zu künstlerischen Experimenten wird später noch Zeit sein.

Trotzdem tat es wohl, zu beobachten, wie der deutsche Film schon bei seinem ersten Versuch sofort "seinen Stil" finden wollte. Für den Anfang künstlerisch zu hoch zu greifen, wie es hier geschah, ist ehrenvoller und führt eher zum Ziel als der breite Weg der Routine, den man hier so überernst und gewissenhaft vermied.

Die Neue Zeitung, München, 18.10.1946
(zitiert nach: Wolfgang Staudte. Red.: Eva Orbanz, Berlin 1977, S. 101 f.)


K 6 - Martin Ruppert: Epilog auf einen Film. Der erste Nachkriegsfilm: "Die Mörder sind unter uns"

Nach einem todesähnlichen Schlummer der Erschöpfung, in den alles Leben im deutschen Land nach der Katastrophe von 1945 verfallen war, wagte sich die Kunst suchend und tastend in ein fast unbekanntes, sich aber umso mehr anbietendes, grenzenloses Neuland vor. Sie musste sich mit der Umgebung des Augenblicks auseinandersetzen und sich mit den Mitteln begnügen, die ihr nach der Notzeit des Krieges belassen waren. Der Anfang konnte notgedrungen nur ein Provisorium sein, noch nichts Endgültiges, nichts Festumrissenes. Die Form musste noch gefunden werden, sie sollte sich aus einer in stetiger Bewegung befindlichen Strömung zur Festigkeit, zur Körperlichkeit zusammenfügen. Die Bildende Kunst hat im Surrealismus den Weg einer neuen Romantik beschritten, die Dichtung wandte sich der nackten Schilderung des Objektivismus zu, das Theater machte, neben wenigen Anfängen, noch Anleihen aus dem Ausland, derweil der Film mit zwei Füßen in die graue Welt der Wirklichkeit gesprungen ist.

Noch rauchten die Trümmer Berlins, noch schwelten die geborstenen Dachstühle, ragend zwischen Himmel und Erde, noch säumten frisch aufgeworfene Grabhügel die Straßenfragmente des Nordostens, als Wolfgang Staudte den ersten deutschen Nachkriegsfilm begann. Die russisch lizensierte Defa hat diesen Schritt zur neuen deutschen Filmproduktion vollzogen: Der Titel "Die Mörder sind unter uns" lässt schon von vornherein die brutale Realistik, die unverbrämte Nüchternheit dieses Spiels, das - man kann es sagen - kein Spiel mehr ist, erkennen. Es ist alles so kalt und so grau, so lichtlos und so traurig, so ohne Hoffnung und Zuversicht, dass nicht einmal die Wärme eines glühenden Streichholzes aus diesem Filmstreifen ausgestrahlt wird. Das ist die Wirklichkeit des Lebens Anno 45. Ein Film, der nur Trümmer und Tränen kennt und selbst die wenigen Lichtblicke, die in diese Finsternis einbrechen, sind dazu angetan, das Dunkel nur noch stärker zu zeichnen.

Wie drohende Arme recken sich Giebel aus einem Meer von Steinen. Durch die hohlen Augen der Ruinen fällt das todesbleiche Mondlicht und erhellt die Holzkreuze, die selbst wie Gespenster in dieser modernen Landschaft erschütternd und grauenhaft anmuten. Ist das noch deutsches Land? Das ist das Ruinenland. Nirgendwo. Keine Straßen, kein Weg. Kinder und Ratten und irrende Menschen beleben dieses verödete Schlachtfeld der Gegenwart. Was sind dagegen die Ruinen von Herkulaneum (!) und Pompeiji (!), was die Wüsteneien hingesiechter Pracht und Herrlichkeit in aller Welt? Hier haust das Entsetzen, in dessen Klagelieder sich die Töne einer Unterweltkaschemme mischen wie ein letztes Stöhnen aus der Angst vor dem sichtbar herannahenden Tode. Das ist Berlin nach der größten Katastrophe der Menschheit, nach der Sintflut aus Feuer und Schwefel, die Grauen und Entsetzen, Not und nochmals Not gebar. Hier brauchte der Film keine Phantasie, um sich die wirkungsvolle Kulisse zu schaffen. Er fand sie auf der Straße, in den Ruinen, bei den Überlebenden, überall ... überall. Und er lässt die Handlung, diesen Ausschnitt eines ungemein, fast unglaubwürdig verpfuschten Lebens da beginnen, wo die ersten scheuen Menschen, wie Bienenschwärme an den Zügen hängend, wieder auf das Stück umgepflügter Erde zurückkehren, das sie einstmals Heimat nennen durften.

Das Mädchen kommt aus dem Konzentrationslager. Es sucht Arbeit und das Leben. Ängstlich und eingeschüchtert schreitet es durch diese neue Steinzeit, die sich da breitet und weitet, grenzenlos, unendlich. Gott sei Dank, das Haus steht noch, wenigstens die Fassaden und einige Böden zwischen den Mauern. Auch der alte Uhrmacher ist noch da, der auf den Sohn wartet. Und oben im kalten Raum abgebröckelter Wände, wie in einer Kammer des Leichenhauses, haust Dr. Mertens, der Arzt, der das Leben weggeschmissen hat wie eine Dirne, der täglich und nächtlich betrunken ist, der brutal sein kann wie ein Henkersknecht und naiv, wie ein kleiner goldiger Junge. Die Liebe bricht jetzt in die Wirrnis seines Geistes und Herzens. Aber das Erlebnis des Krieges war stärker, viel stärker als er selbst glauben konnte. Irgend etwas ist in seinem Leben zerrissen und lässt sich nicht binden und nicht fügen. Da ist der Hauptmann Brückner mit der "Himmlermaske". Er ließ damals die polnischen Frauen und Kinder erschießen. Unterm Weihnachtsbaum unterzeichnete er die Liquidation. Mertens bat vergeblich um Gnade, vergeblich. Der Zufall führt beide wieder zusammen. Wieder ist es Weihnacht. Weihnacht 1945 in Berlin. Der Hauptmann leitet ein Fabrikunternehmen. Er isst gut. Trinkt Wein und hat Zigaretten. Er gibt Mertens die Pistole zurück, die Pistole von damals, draußen, als er verwundet war und nun braucht er sie nicht mehr und gibt sie dem zurück, der die "polnische Weihnacht" rächen will. Schon blitzt die Mündung auf, als Mann gegen Mann steht, aber da kommt das Mädchen und deckt mit der Liebe all das zu, was war, was eine menschliche Seele aufbäumen ließ in unsagbarem Schmerz, in grenzenloser Verzweiflung. Der andere aber schreit es über Gräber und Ruinen, die sich im Bilde zum Gitterfenster des Gefängnisses formen: "Ich bin unschuldig ... unschuldig ..."

Der Film ist ausgezeichnet photographiert. Er ist naturalistisch, nackt, ohne Umschweife, nüchtern, trocken und bis ins kleinste präzise. Nichts verbrämt seine Handlung. Es gibt keine Umschweife, es gibt keine Bemäntelung, keine Beschönigung. Es wird nichts verschwiegen. Er ist Abglanz erlebten Grauens. Der Tod ist seine Hauptfigur. Das Leben steht nur am Rande. Er rüttelt an den Nerven wie die Tatsachen selbst daran gerüttelt haben. Er hat profilstarke Darsteller, Hildegard Knef und W. Borchert, echte Typen, wie sie die Katastrophe der Zeit geformt und gebildet hat. Der Dialog birgt eine scharfe Sprache, die Handlung hat starkes dramatisches Gefälle. Aus jedem Bild, aus jeder Szene, aus jedem gesprochenen Wort spricht die Erinnerung an das verderbliche Unheil eines jeden Krieges. Darin gleicht er dem Buche Remarques "Im Westen nichts Neues", nur noch fürchterlicher, noch erbarmungsloser. Er ist mit einem Wort die neue Kunstform, die sich aus der Asche der Vernichtung schälte: der Trümmerfilm.

Aber dieser Film, den wir nach mehr als einjähriger "Lebenszeit" sahen, hat auch eine andere Seite, die nicht übersehen werden darf: Er ist tendenziös. Sollen wir auf dieser Linie fortschreiten? Wäre es nicht besser, aus diesem entsetzlichen Milieu herauszukommen und die Kunst, auch die Filmkunst, ähnlich wie das französische Filmschaffen, in eine neue wahrhaft künstlerische Sphäre hineinzuführen, in eine Sphäre, die so fern und so abseits der politischen Tendenz liegt wie das Gute dem Bösen? Auch hier bleibt es der Entwicklung vorbehalten, zu entscheiden, welche Kunstform mehr geeignet ist, den erschöpften Herzen unserer Zeit die Werte der Menschlichkeit wieder zuzuführen, die eine oder die andere!

Allgemeine Zeitung, Mainz, 20.5.1947

 

K 7 - Wir und die gefilmte Gegenwart

Der erste deutsche Nachkriegsfilm lief an. Was vom Standpunkt der Kritik dazu zu sagen war, wurde bereits gesagt. Hier schreibt ein Jugendlicher vom Standpunkt der jungen Generation.

Berlin von heute: Trümmer über Trümmer; und in sie hineingestellt: Menschen von heute, junge und alte, frohe und traurige, verzagende und hoffende Männer und Frauen. Das ist der Bildinhalt des ersten deutschen Spielfilms nach dem Kriege "Die Mörder sind unter uns".

Kein Film der Jugend. Aber welcher Jugendliche, der die Tragik der Gegenwart, den Kampf des Guten mit dem Bösen, den Sieg der zuversichtlichen Jugend über die Gleichgültigkeit mit ungeschminkter Echtheit hier widergespiegelt sieht, kann daran schweigend vorübergehen, ohne seine Meinung dazu zu sagen?

Was die Jugend den Älteren wiederholt zum Vorwurf gemacht hat - den fehlenden Lebensmut: Hier zeigt sich die furchtbare Wirkung willenlosen Treibens, hier wird an einem Manne offenbar, welche Gefahren dem Schwankenden heute drohen, wenn er nicht den Mut aufbringt, den richtigen Weg zu finden.

Und dann sehen wir Jugend. Die junge Generation, die mit Optimismus jeder noch so ernsten Seite Freude abzugewinnen weiß und durch ausdauernde Liebe und Güte schließlich doch siegt.

Oder der feiste Typ des Kriegsgewinnlers und Gesinnungslumpen Herr Hauptmann a. D., dem der Krieg ein Vergnügen, ein Spiel mit Menschenleben war und der heute wieder mit dem treuherzigen Augenaufschlag des Unschuldigen das große Wort führt. Unsere Empörung über das Treiben dieses Schmarotzers, der gleichen Egoisten, die dafür sorgen, dass immer noch Tanzlokale statt Jugendheime gebaut werden und die es begrüßen, wenn unsere Bemühungen um die Gleichberechtigung und die Schaffung sozialer Rechte stets von neuem scheitern, ist groß. Und fast dauert es uns zu lange, bis er dann doch entlarvt und in die Enge getrieben wurde.

(...) Dies alles hat der Film mit seinen scharf und genau gezeichneten Parallelen zur Wirklichkeit mir als Jugendlichem gesagt. Bleibt eins noch zu bemerken: Störend und selbst der Jugend eine sentimentale Stimmung aufzwingend, ist die zu starke Betonung des "Trümmer-Berlin", dem wir ohnehin, die wir in dieser Stadt leben, täglich auf Schritt und Tritt begegnen. Wir wissen: Wir kriegen's hin!

Ba.

Aus: NEX, 2. November 1946

 

K 8 - Wolfdietrich Schnurre (in einer Sammelkritik)

Wir wussten es: der erste deutsche Film würde zwei große, einander feindliche Aufgaben zu erfüllen und - in der Lösung - einander zu nähern haben: Auf der einen Seite die Forderung nach künstlerischer Gesetzmäßigkeit als der Wertskala schöpferischen Neubeginns; auf der anderen: Aufzeigen des deutschen Standpunktes der Welt gegenüber. Beides ist in dem DEFA-Film Die Mörder sind unter uns versucht worden. Aber statt die Tendenz dem Künstlerischen gleichzusetzen und beides aufeinander abzustimmen, ließ man das Tendenziöse vom Künstlerischen überwuchern und was entstand, war eine symbolträchtige Ausrede. Hier hätte klarer geantwortet werden müssen: Was muss ich tun, wenn mir ein Mensch begegnet, von dem ich weiß, dass er im Krieg unsagbare Greuel beging? Wer glaubt mir ohne Zeugen meine Beschuldigung? Und vor allem: Wo hört der Zwang kriegsbedingter Verhältnisse auf - und wo beginnt das Verbrechen? Was ist mit jenem Offizier, der befahl, das Dorf einzuäschern, weil ein Teil seiner Bewohner wohl Partisanen waren? Was ist mit jenem Scharfschützen, der aus sicherem Versteck 40 russische Soldaten erschoss? Und was endlich mit ihnen, den Tausenden, die im Nahkampf Mann gegen Mann, einen anderen Menschen töteten, weil sie selbst sonst getötet worden wären? - Die Mörder sind unter uns? Wer sind denn die Mörder? Nicht wir alle, die wir Gewehre trugen? Warum soll das Leben eines Jünglings, eines blühenden Mannes, wie sie im Kriege millionenfach, von heldischen Phrasen verbrämt, hingeschlachtet wurden, wertloser sein als das von Kindern und Frauen? Mörder sind unter uns? Wir sind Mörder.

Auch Dr. Mertens, der sich im Film zweimal zum Urteilsvollstrecker aufwerfen wollte, ist der Mörder. Denn er ließ das Blutbad am Weihnachtsabend zu. Er schlug resignierend die Hacken zusammen, als er sah, dass sein Einspruch nichts fruchtete. Er tat, was wir alle taten: Er kapitulierte vor der Gewalt. Er zuckte die Schultern und ließ schutzlose Frauen und Kinder hinmorden, ohne auch nur den Versuch einer Rettung unternommen zu haben. Und ausgerechnet diesen schuldig-"unschuldigen" Durchschnittsdeutschen setzte man uns als rehabilitierten Haupthelden vor. Hiervon abgesehen, versank das Wichtigste des ganzen Films, die Bestrafung des Mörders Brückner, im Symbolischen. Man hätte sich hier weniger vom künstlerischen Gefühl als vom Verstand leiten und dem Dr. Mertens erst einmal zu einem den Angeklagten mitbelastenden Zeugen verhelfen sollen. Und dann hätte notgetan, in einem glasklaren Gerichtsverfahren zu zeigen, wie mit diesen Mördern unter uns heute verfahren wird. So aber stand am Schluss dieses Films statt einer präzis formulierten Antwort ein schwerlastendes Fragezeichen.

Photographiert war er streckenweise vollendet. Selten verbiss sich eine Kamera mutiger ins Dunkel. Licht taugte nur zur Kontrastierung. Um was es ging, war der Schatten. Aus gekippten Bildeinstellungen, unbelichteten Gestalten und zäher Symbolik gelangen Behn-Grund und Klagemann so eine Unsumme krauser, im Einzelnen künstlerisch durchaus hochwertiger Bilder, deren Überfülle jedoch der Cutter nicht gewachsen war.

Die Regie Staudtes war schwach. Es geschah nichts. Der Handlungsablauf verdickte. Die Schauspieler gingen ungeführt und verloren sich in Großaufnahmen. Borcherts Maske konnte die Kamera nichts anhaben; aber der jungen Hildegard Knefs Gesicht sollte zu schade sein für diesen Raubbau. Im übrigen haftete selbst diesem Streifen noch manches Kintoppmäßige an: Man zeigte uns wieder den Intellektuellen. Die Konflikte des Arbeiters, des Angestellten lohnen anscheinend nicht die Verfilmung. Immer noch haben nur Künstler und Akademiker "Schicksale". Immer noch sind die heutigen jungen Mädchen im Film nichts als Zeichnerinnen, Gouvernanten oder Modeschöpferinnen. Die Seelenkrisen der Arbeiterin scheinen sich als ungeeignet zum Verfilmen erwiesen zu haben. Außerdem kommt man nicht aus dem KZ nach Hause und setzt sich schon am zweiten Tag aufbaufreudig ans Zeichenbrett. Außerdem waren die Nerven eines Mädchens zu jener Zeit nicht so stark, dass es nicht auch seinerseits einmal losgeschrien hätte. Das durfte auch hier nur der Mann. Und der Frau blieb, wie immer im Film, nichts als der Rehblick verwundeter Empfindsamkeit. Außerdem hat man nach jahrelanger KZ-Haft nicht drei oder vier gebügelte Garderoben im Schrank. Außerdem genügt zum Entschluss, den Schritt vom versoffenen Doktor zum ernsthaften Chirurgen zu wagen, nicht ein Dämmerstündchen am Hals der Geliebten.

Dennoch: es war ein tapferer Anfang, trotz allem. Die nächsten deutschen Filme werden beweisen, ob das hier gegebene, ernsthafte Versprechen gehalten zu werden vermag.

Deutsche Film-Rundschau, 5.11.1946, Heft 8.
Zitiert nach: Wolfgang Staudte. Redaktion: Eva Orbanz, Verlag Volker Spiess, Berlin 1977, S. 104 f.