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Zeitgenössische Kritik (K9-11)


K 9 - Die Mörder sind unter uns

Den Traum von einer Zivilbegegnung mit unseren steinernen Kriegsvorgesetzten hat nach der Heimkehr aus der Gefangenschaft mancher von uns geträumt. In diesem Film der russisch-lizensierten DEFA ist sie erbarmungslos fotografierte Wirklichkeit geworden. Der Unterarzt, der Weihnachten 1942 seinen Hauptmann in das hochmütige Preußengesicht mit zitternden Lippen fragte: "Was haben denn die Kinder damit zu tun?" um später in ohnmächtiger Wut die Schüsse zu hören, die draußen im russischen Schnee Frauen und Kinder "liquidieren", steht Weihnachten 1945 in Berlin vor dem davongekommenen Mörder, einem gemütlichen Spießbürger, der seinem Buben über das Haar streicht und durch die Umwertung alter Stahlhelme zu Kochtöpfen dem deutschen Wiederaufbau dient. (Diskontinuität des modernen Menschen: es fehlt jede Beziehung zum Vergangenen!) Keine Spur von Schuldbewusstsein: War ja Krieg damals - Befehl von oben - längst vorbei! Aber für uns ist es nicht vorbei! Dr. Mertens, der die Qual der Erinnerung, die Sinnlosigkeit des Heimkehrerdaseins, die Verzweiflung des Nicht-Heimkehren-Könnens in den Armen von Huren und im Schnaps zu ersticken versuchte, fühlte sich als Rächer seiner enttäuschten Kriegsgeneration: Er richtet die Pistole auf den Ex-Hauptmann. Aber ein Mädchen tritt dazwischen und ein in Krämpfen sich windendes Kind, die beide die Liebe des Mannes und Arztes finden ...

Mag sich die Wirklichkeit dieses kühnen Filmes, der 1946 gedreht wurde, heute auch verringert haben - die künstlerische Leistung der sensiblen Kamera, die Eindringlichkeit der unverbrauchten Gesichter, seine echte Psychologie und seine leidenschaftliche Realistik machen ihn zu einer der bedeutendsten und meistdiskutierten Gewissenserforschung der Völker, wie ein Blick in die Weltpresse, angefangen vom offiziösen Organ des Vatikan bis zu den Blättern des Kreml zeigt.

Gewiss, der Film lässt manches offen. Aber uns scheint, er kann auf die Lösung verzichten, um sie desto eindringlicher den Herzen der Zuschauer zu überlassen. Es ist nicht so wichtig, ob die Vision der Schlussszene - der hinter Gittern "Ich bin unschuldig" wimmernde Hauptmann - sich erfüllt, oder ob er noch heute ungestraft unter uns ist. Wichtig ist allein, dass wir alle uns im Geiste des christlichen "mea culpa" mitschuldig fühlen an der fremden Schuld. Konkret gesprochen: Die Vollendung dieses unvollendeten Films erfolgt in jedem Einzelnen, der im Sinne Picards "Hitler in sich selbst" überwindet.

G. H.

Aus: Katholischer Filmdienst, Heft 13/1. Jahrgang (1948)


K 10 - Die Mörder sind unter uns

Vox populi - vox dei? Es ist immer interessant, auf die Stimmen der Kinobesucher zu hören. Folgende Bemerkungen hörte der Rezensent nach der Vorstellung auf der Straße: "Man sollte diesen Film verbieten!" "Ein Käuferstreik gegen die Kinos müsste arrangiert werden!" "Ich dachte, es wäre ein Kriminalfilm!" Positive Stimmen konnte man leider nicht hören, trotzdem auch sie bestimmt wohl dagewesen sind. Was stößt diese Kritiker an diesem Film ab? Es wird niemand bestreiten wollen, dass er ausgezeichnet fotografiert ist. Die darstellerischen Leistungen sind ganz hervorragend. Die Sprache ist lebendig und geschliffen, der innere und äußere Ablauf der Handlung von spannender Dramatik. Also muss der Angriffspunkt an einer ganz anderen Stelle liegen. Der Film trifft haarscharf die Stelle, an der wir als deutsches Volk heute empfindlich sind. Es geht um das Schuldproblem. Und hierzu ist nun manches zu sagen.

Die vox populi ist darauf aufmerksam zu machen, dass wir uns nicht um diese Kernfrage herumdrücken dürfen, auch nicht auf der Leinwand. "Einmal muss das aufhören!" - sagt der Mann auf der Straße. Gewiss, aber nicht so, dass man diese Frage totschweigt. Die Not muss überwunden werden. Dem Film aber muss gesagt werden: Wir begrüßen es, dass er zum Rufer in der Wüste wird. Wir danken ihm, dass er es auf so vornehme Weise tut. Aber er bleibt im Negativen stecken. Das nicht überwundene Schuldgefühl führt zur Verkrampfung und damit zum unfruchtbaren Nihilismus. Er kann nicht durch neue Schuld gelöst werden. Daher kommt es wohl auch, dass dieser Film im Grunde zwei Schlüsse hat - und beide sind keine Lösung. Menschliche Schuld wird im Grunde nur vor dem Angesicht Gottes erkannt - und kann nur am Kreuze von Golgatha vergeben werden. Dass dieser Film den Vorstoß in die religiöse Sphäre nicht wagt, ist seine Schwäche. Hätte er in diese läuternde Krisis hineingeführt, dann hätte er wohl kaum dieses stark ablehnende Urteil der vox populi gefunden.

W. W.

Aus: Evangelischer Film-Beobachter, 1.5.1949 (Heft 5/1. Jahrgang)

 

K 11 - Auszüge aus ausländischen Kritiken. Notizen von Wolfgang Staudte

"Nicht nur die künstlerische Anerkennung, sondern vielmehr der eminente politische Erfolg für Deutschland - nicht für West- oder Ostdeutschland - war für mein weiteres Handeln bestimmend. Dieser Film lief u. a. in Amerika, außer Konkurrenz auf der Biennale in Venedig, 8 Wochen im Londoner Academy-Theater in der Bond-street, in Wien, mehrere Monate auf dem Champs Elysées in Paris und erfüllte die schwere Aufgabe, für ein anderes und besseres Deutschland zu werben."

"The Times" schreibt am 8.4.:
"Die Mörder sind unter uns" - ein gefälliger Titel, sollte man meinen, für ein englischsprachiges Abenteuer im normalen Stil von Verbrecher- Geschichte und Gangster-Handlung. Aber der Film spricht nicht diese Sprache, es ist ein deutscher Film, der erste, der nach dem Kriege hier gezeigt wird, von einer Art neurotischer Stärke, worin die Deutschen solche Meister sind. ...

Der Film begnügt sich jedoch nicht damit, für sein Land um Gnade zu werben. Er geht weiter und versucht mit seiner Anprangerung Hauptmann Brückners für die Art der Kriegführung durch die Nazis gleichzeitig einen Großangriff und ein Alibi. ...

The Observer schreibt am 11.4./Kritiker: C. A. Lejeune:
... Es ist ein furchtbares Bild einer toten Hauptstadt, und wenn der Regisseur es so haben wollte und versucht, um Mitleid mit den verwirrten Menschen zu werben, die vom Schlachtfeld, von den Evakuationsgebieten und Konzentrationslagern zurückdrängen, wer wollte ihm dies zum Vorwurf machen? Die ganze Schneide ist scharf gegen Krieg und Kriegsmacher gerichtet, und wenn der Stil ausgesprochen deutsch ist, so ist die Botschaft ungekünstelt menschlich. Ich schäme mich nicht zu gestehen, dass ich von dem Film tief ergriffen war, und dies ist etwas, was ein ehrlicher Kritiker mit sich selbst abzumachen hat.

Assopress
Der Filmkritiker der "Sunday Chronicle" hielt den italienischen Film "Die offene Stadt" für den mutigsten, der seit Kriegsende gedreht wurde, bis er den deutschen DEFA-Film "Die Mörder sind unter uns" sah. Dieser Film, so schreibt er, sei ein Werk ungeheuren Mutes und standhafter Aufrichtigkeit. Wo der Film auch hinkomme, verdiene er, gesehen zu werden.

"Daily Mail" meint,
der Film sei voller Nervenspannung und zeige völlige Illusionslosigkeit und Verbitterung. Er sei aber künstlerisch wertvoll und dramatisch bedeutsam und ein sehr wirkungsvoller Appell, den Besiegten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Im "Daily Mirror"
dagegen schneidet Reginald Whitney die grundsätzliche Frage an, ob man nicht auch auf die Herkunft eines Films achten müsse, statt allein die Qualitäten zu beurteilen. Er schreibt: "Es ist noch etwas verfrüht, das zu vergessen, was deutsche Bomben in England angerichtet haben. Die Zeit ist noch nicht reif dafür, dass man einem Film die Pforten unserer Lichtspielhäuser öffnet, der dazu bestimmt ist, um Sympathie für die Deutschen zu werben, indem er das Thema 'alle waren wir ja nicht Nazis' variiert."


Von einer Sondervorstellung vor Hollywoods Prominenz erreichte mich dann der folgende Bericht:

Niemand hatte mit einem solchen Massenerscheinen der Künstler gerechnet, alle Firmen, alle Fachschaften waren vertreten. ...
Mehr als eine Million Dollar Gagen-Bezieher per Woche waren herbeigeeilt, um einen der "ärmsten" Filme der Welt zu bestaunen, aus Trümmern geboren, aus Glauben an Kunst und Menschentum gestaltet - von den Barbaren in Berlin. ...
Billie Wilder war sich seiner guten Sache nicht sicher: Er erklärte in einer kurzen Begrüßungsansprache, der Film "Mörder unter uns" sei nicht in einer Linie mit den Meisterwerken "Der Letzte Mann" und "Der blaue Engel", aber dennoch ...
Und Wilders und der Academy freundlich-verständliches "Aber dennoch" wuchs sich zu einem tiefen Erfolg aus, für die Academy, für die 1.400 Besucher, die kamen und sahen, und für den Film aus Berlin ...
Billie Wilder ersetzte die übersetzenden Titel durch Erläuterungen und Glossen, mal zu witzig, mal zu kritisch. Das Resultat: Nachdem das letzte Kreuz des Films abblendete, setzte minutenlanger, stürmischer, ehrlicher, grandioser, herzstärkender Beifall ein.

Hört diesen Beifall in Berlin! Verkleinert ihn nicht! Macht ihn euch klar. Er klingt in einer Zeitwende. ... Denn dieser Beifall Hollywoods über 6000 Meilen hinweg ist eine Demonstration für den Frieden, für die Brüderlichkeit der Kunst, für das Willkommen, das der große, fette, reiche, massive Klaus in Hollywood dem kleinen Klaus in Europa schuldet. Solcher Applaus ehrt beide: den Spender wie den Empfänger. Billie Wilder, der für "Lost Weekend" mit recht den Filmpreis 1945 gewann, verdient einen neuen Oscar für einen Film, den er mit ein paar schnoddrig-freundlichen Worten vorstellte. ...

"Mörder unter uns" wurde zum Kronzeugen, dass Männer fern von uns mit dem gleichen Recht, mit der gleichen Freiheit, mit dem gleichen Sehnen nach Wahrheit und Schönheit das Medium "Film" zur Appassionate ihres Lebens machen.

Denkt lange an diesen Applaus, zehrt von ihm, glaubt an ihn - eure Filmgabe macht die Satten hungrig, nach einem 60.000-Dollar- Film ... Und euer Hunger wird keine "tausend Jahre" währen. Eure guten Filmwerke stillen ihn.

Zitiert aus: Wolfgang Staudte: Ein politischer Regisseur.
In: Film und Fernsehen, Heft 9, 1987, S. 38-40