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Der Film in der zeitgenössischen Kritik


Die Kritiker nahmen den Film fast ausschließlich positiv bis euphorisch auf. Beispielhaft dafür sind Einschätzungen, dass der Film durch "Mut der Phantasie, sicheres Können und noble Gesinnung" überzeuge (K 3), "reif und vollendet" und ein "filmisches Kunstwerk" sei (K 8) und "mit virtuoser Handhabung der filmischen Möglichkeiten" aufwarte (K 9). Einige Rezensenten halten "In jenen Tagen" - der ein dreiviertel Jahr nach "Die Mörder sind unter uns" uraufgeführt wurde - sogar für den besten deutschen Nachkiegsspielfilm (vgl. K 3, K 4, K 8, K 9). Inhaltlich-ideologische Bedenken äußert einzig der Kritiker des Vorwärts, Hermann Müller: "Aber wir erfahren nicht, warum die anderen keine Menschen waren und warum so viele von den anständigen sterben mussten ... Er sieht nur das Eine und nicht das Andere, das Hauptsächliche. Er löst den Einzelnen aus der Gesellschaft, mit der er verkettet ist und die mit sein Schicksal bestimmt." (K 1)

Ansonsten geht die Kritik nicht über die Feststellung technischer Mängel (vgl. K 4, K 5, K 9), kleinerer Schwächen im Drehbuch (vgl. K 2, K 4) und eines "Mangels an innerer Geschlossenheit" - bei insgesamt positiver Beurteilung (K 6) - hinaus. Einhellig gelobt wird die Regie Helmut Käutners, die Kameraarbeit Igor Oberbergs und die Schauspielerleistungen, wobei besonders Hermann Speelmanns als Fahrer in der 5. Episode hervorgehoben wird.

An der Sprache der Rezensionen sind v. a. zwei Dinge auffällig, die die Einbindung der Kritiker in den gesellschaftlichen Kontext deutlich machen: Zum einen taucht nirgendwo das Wort Nationalsozialismus auf. Es wird entweder die Formulierung "jene Tage" übernommen (K 2, K 3, K 5, K 8) oder "wertfrei" von den "zwölf Jahren" (K 3, K 5) gesprochen. Zum anderen erscheinen häufig Bezeichnungen wie "echt" (K 2), "Tatsachenbericht" (K 4) oder "wirklich" (K 5). Diese Einschätzungen sind zum Teil wohl auf die Anlage des Films mit einem toten, also scheinbar objektiven und neutralen Gegenstand als Erzähler zurückzuführen; eine andere Erklärung wäre, dass die Filmbotschaft, die lautet: Es gab auch und gerade im Nationalsozialismus Menschlichkeit! den Wünschen der Kritiker - und sicherlich auch des Publikums - so kurze Zeit nach dem Zusammenbruch entgegenkam und aus diesem Wunschdenken heraus der Film als "wirklich" und "echt" angesehen wurde. Beispielhaft dafür sind die folgenden beiden Auszüge: "Dass in der anonymen Masse, als die man uns von außen sieht - verantwortlich in seiner Gesamtheit für all das Unsagbare - die Quellen der Menschlichkeit nie vollends versiegt waren; dass auch vielen von uns der Kelch des Leides randvoll geschöpft ward und dass, wenn auch nicht immer nach außen sichtbar, der Mensch sich in unserem Volke stärker erwies als die Gedankenlosigkeit eines mörderischen und unmoralischen Systems." (K 8) "In sieben Geschichten ... ist nicht nur die Atmosphäre des Dritten Reiches bedrückend eingefangen, sondern wird auch die politische und menschliche Situation so erhellt, wie sie - im Widerspruch zu dem Vorwurf der Kollektivschuldthese - wirklich war." (K 5)

Damit ist ausgedrückt, was nahezu alle Kritiker - wenn auch nicht explizit, so doch zwischen den Zeilen erkennbar - besonders am Film schätzen: die Ablehnung der in der Nachkriegszeit vieldiskutierten Kollektivschuldthese. Ebenso eindeutig ist das Lob der individuell-humanistischen Herangehensweise Käutners, die einer politischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus - zumindest im Spielfilm - vorgezogen wird.

Eine tiefere Analyse von "In jenen Tagen" bietet Wolfdietrich Schnurre. Er hält den Film ebenfalls für realitätsnah, allerdings nicht in erster Linie wegen des Inhalts, sondern aufgrund des formalen Aufbaus, der mit der psychischen Verfassung der Deutschen zwei Jahre nach Kriegsende korrespondiere: "Dennoch halte ich die hier gewählte Kurzform der blitzlichthaft aufblendenden Episode ... - unserer augenblicklichen geistigen Situation entsprechend - für die ehrlichste, ja, für die uns heute einzig gemäße Art einer Aussage über die letzten Jahre ... Jeder heute unternommene Versuch, unserer jüngsten Vergangenheit zu Leibe zu rücken, wird jedoch, an der Fülle des zu Bewältigenden gemessen, noch auf weite Sicht fragmentarisch sein müssen." (K 6) Diesen wichtigen Hinweis sollte man bei einer rückschauenden Kritik am Film nicht vergessen. Für Hannelore Holtz und Christian D. Ernst steht der Film in der Tradition von Duviviers "Tales of Manhattan" bzw. "Sechs Schicksale (vgl. K 2, K 3). Etwas grundsätzlich Neues erkennen die Kritiker in der Machart von "In jenen Tagen" nicht, was aber auch nach den Jahren der Abgeschlossenheit deutscher Regisseure nicht erwartet wurde. Erika Müller meint immerhin, dass der Film Anlaß zu "Beifall und ... Hoffnungen moderner avantgardistischer Zuschauer" bot (K 9).