Diese Seite drucken

K1-4


K 1: Vorwärts, Berlin, 18.06.47
Anständige Menschen

"In jenen Tagen", 1. Kamerafilm von Helmut Käutner im Marmorhaus

Dass Helmut Käutner ein guter Regisseur ist, wussten wir. Es wurde wieder bestätigt. Dass er ein guter Drehbuchautor für diesen Stoff sei (er schrieb es mit Ernst Schnabel zusammen), hätte er beweisen können. Er war es leider nicht.

Zwei Männer arbeiten in Trümmern und Kälte an einem Autowrack. Einer stellt die Frage: "Gibt es noch Menschen? - Es gibt keine Menschen mehr."

Das Auto gibt die Antwort. Es erzählt die Geschichte seines Lebens und seiner Besitzer. Von Menschen, die Menschen blieben trotz einer entmenschten Umgebung. Vom Mädchen Sybille, das zu dem hält, der in eine ungewisse Zukunft geht, nach "drüben", denn es ist der 30. Januar 1933. Vom Mädchen Angela, das schweigt, trotzdem sie weiß, dass die Mutter den Vater hintergeht. Denn den Musiker, der zwischen den Eltern steht, trifft das Arbeitsverbot. Er ist "entartet". Vom Kleinbürger Bienert, der bei seiner jüdischen Frau bleibt, obwohl in den 32 Jahren der Ehe vieles erkaltet ist. Von der Frau, die ein für sie nur noch sinnloses Leben opfert, für die Geliebte ihres Mannes, der seinen Freiheitswillen hinter den Mauern der Gestapo beendet. Von dem Leutnant und seinem PKW-Fahrer in der Weite des Ostens, der in einer unheimlichen Nachtfahrt erfährt, dass es nur noch einen Weg geben kann - den Weg zurück. Von dem Mädchen Erna, das die alte Dame, deren Sohn an den Ereignissen um den 20. Juli beteiligt war, aus der Stadt zu bringen versucht und die sich beide wegen ihrer Rücksichtnahme aufeinander nur tiefer in das tödliche Netz verstricken. Vom Kradfahrer Josef, der seine "Pflicht" vergaß, und den ein Kamerad entkommen lässt.

Das ist alles. Wir erfahren, dass es Menschen in dieser unglückseligen Zeit gab. Wirkliche Menschen. Aber wir erfahren nicht, warum die anderen keine Menschen waren und warum so viele von den anständigen sterben mussten. Etwas davon leuchtete auf, als am 30. Januar 1933 Fackeln durch das Brandenburger Tor ziehen oder die Fensterscheiben der "Nichtarier" zersplittern.

Hinter der Glasscheibe des Autos, aus ihren persönlichen Nöten heraus, blicken zwei auf Kolonnen und Fackelzug. Nur schwer erinnern sie sich, was das sein könnte. Hinter dieser Glasscheibe ist der Film entstanden. Er sieht nur das Eine und nicht das Andere, das Hauptsächliche. Er löst den Einzelnen aus der Gesellschaft, mit der er verkettet ist und die mit sein Schicksal bestimmt. Das wussten sie alle nicht, die hier ein Geschick ertragen. Und das sie darum ertragen mussten.

Vor ein paar Tagen wurde Franz Werfels "Jacobowsky und der Oberst" in Berlin uraufgeführt. Das Publikum applaudierte - an den Stellen, bei denen es heute nicht applaudieren dürfte. Es wollte sich besänftigen, die eigene Schuld verkleinern.

Auch hier wurde applaudiert. Etwa aus dem gleichen Grunde? Damit ist nicht gesagt, dass der Film nicht wahr wäre. Aber er paßt jetzt noch nicht zu uns. "Die Mörder sind unter uns" war manchmal in der Anlage zu hart. Dieser war zu weich, viel zu weich.

Käutner rückt im bildmäßigen alles Starre nebeneinander ins Zwielichthafte, so wie es nur noch die Franzosen können. Auch bei den Schauspielern, Winnie Markus, Gisela Tantau, Bettina Moissi, Werner Hinz, Franz Schafheitlin, Hermann Speelmanns und Carl Raddatz, spürt man seine führende Hand. Besonders bei Carl Raddatz, der diesmal von seiner besten Seite agiert. Eine unheimliche Leistung Hermann Speelmanns. Besonders eindrucksvoll auch Käutners Neuentdeckungen für den deutschen Film: Bettina Moissi und Gisela Tantau.

Wenn wir hören, unter welchen Schwierigkeiten dieser Streifen gedreht wurde - alle Achtung!

Hermann Müller

 

K 2: Nachtexpress, Berlin, 18.06.1947
Helmut Käutners neuer Film im Marmorhaus

Festaufführung "In jenen Tagen"

Ein nachkriegsgemäßer Autoschlachthof und zwei Männer, die sich mit Abwracken und Philosophieren beschäftigen. Die Menschen taugen nichts mehr, stellt der eine pessimistisch fest. Haben nie etwas getaugt, meint er und geht dem Autofragment wütend zu Leibe. Und da meldet sich das Auto zum Wort.

Was nun kommt, sind sieben Geschichten. Ein eingekratztes Datum auf der Windschutzscheibe, ein vergessener Kamm zwischen zerfetzten Polstern, eine verbogene Hutnadel am Schaltwerk, etwas Stroh in der Seitentasche - all das weiß von irgendeinem Schicksal. Einem Schicksal, das sich in "jenen Tagen" abspielte, die sich zu zwölf, und nicht zu tausend Jahren aufrundeten. Einem Schicksal, das sich in den engen vier Wänden eines Autos erfüllte.

Duvivier drehte in Amerika seine "Sechs Schicksale" und stellte einen Frack in den Mittelpunkt. Es war die Geschichte eines Fracks. Dies hier ist nicht die Geschichte eines Autos, sondern es sind, wie der Titel ausdrücklich feststellt, "Geschichten eines Autos". Das Auto ist im Grunde eigentlich gar nicht so wichtig dabei. Es ist Requisit. Wichtig sind die Menschen. Aber Käutner hätte in einem Spielfilm der altherkömmlichen Art nicht so viel Atmosphäre, so viel für "jene Tage" charakte-ristische Schicksale und Menschen zusammenbringen können. So erfand er die Fabel eines Autos. Und erreicht damit Station für Station. Und macht damit einen guten Film. Gut nicht in allem. Die Drehbuchautoren Käutner und Schnabel machen es sich manchmal etwas zu leicht. Der Regisseur Käutner hätte zuweilen etwas kürzen sollen.

Aber die Schwächen überwiegen hier nicht. Da ist eine Kamera (Igor Oberberg) die nicht für Tante Lottchens Fotoalbum kurbelt, sondern das Leben vor die die Optik nimmt, Ideen hat, zu schattieren weiß, Stimmungen verdichtet. Und da sind Schauspieler. Gottlob, da ist Nachwuchs: die junge Giselau Tantau, eine starke Begabung, Erika Balqué und Eva Gotthardt, ausgezeichnet Bettina Moissi und - in einer Episode aus dem Krieg, die zu den stärksten dieses Films gehört: Fritz Wagner. Da ist unter den Altbekannten Ida Ehre von den Hamburger Kammerspielen in ein paar Szenen aus jenen Tagen, in denen die Judenverfolgung mit zerschlagenen Schaufenstern und Pflastersteinbombardement begann - erschütternd echt und einfach. Willy Maertens - auch aus Hamburg - ist ihr Partner. Vielleicht war das der Höhepunkt dieses ersten Films der Camera-GmbH. Margarete Haagen und Isa Vermehren, Schafheitlin und Nielsen, Speelmanns (sehr gut) und Alice Treff: der Platz reicht nicht aus für alle Namen. Aber hier versagte keiner.

Nein, hier wurde ein Film geschaffen, der echt war. Hier wurde eine Sprache gesprochen, die man wirklich sprach in "jenen Tagen". Weiter so, Helmut Käutner!

Hannelore Holtz

 

K 3: Kurier, Berlin, 18.06.1947
Es ging sogar damals

Helmut Käutners Film "In jenen Tagen"

Den neuen deutschen Filmen, die man bisher in Berlin sah, war löbliches Bemühen nachzurühmen, angestrengtes Tasten nach erzieherisch Bekömmlichem. Käutners "In jenen Tagen" überzeugt durch Mut der Phantasie, sicheres Können und noble Gesinnung. Seine gestrige Aufführung im Marmorhaus war die erste richtige Berliner Filmpremiere nach dem Kriege, mit Hervorrufen, mit herzlicher Zustimmung, und es ergab sich die Erkenntnis, dass die Zukunft des deutschen Films zunächst auf zwei Augen beruht. Käutner, schon lange stark als Fabulierer und als Inszenierer, hat jetzt beweisen können, wie sehr man ihm auch als Placierer künstlerischer Kräfte vertrauen darf.

Im Komödiantischen lag die Stärke des früheren deutschen Films. Es ist hier nicht zu brauchen. Die sieben Geschichten aus "jenen Tagen", die nichts anderes sind als die Zwölf Jahre, verlangen eine Darstellungskunst, die schon wieder Natur ist, weil Kraft der Persönlichkeit und Schicksalsernst sie haben reifen lassen. Gleich in der kurzen Exposition wird hier ein Maßstab gesetzt, dem später fast alle gerecht werden: Erich Schellow, der zum Hilfsarbeiter abgesunkene Student, hat jene verstockte Deprimiertheit, die sich nur noch als Unglaube an das Gute mit müdem Zynismus zu äußern weiß.

Der Mensch, in den Mahlstrom des Zusammenbruchs geraten, erlebt sich schaudernd als Ding und verzweifelt an der Möglichkeit des Humanen. Da weiß das Ding ihn eines besseren zu belehren. Das Auto, das er abmontiert, erzählt ihm, mit der sachten Stimme Helmut Käutners, Episoden aus den zwölf Jahren seines motorischen Lebens, an denen er erkennen muss, dass auch im Andrängen des Unverstehbaren echte Kommunikation zwischen Menschen möglich ist.

Schon vor Duviviers "Tales of Manhattan" hat Käutner im "Salonwagen E 417" Stories um die Biographie eines Fabrikats gesponnen. Aber diesmal ist es nicht ein Filmnovellenkranz geworden, sondern eine Folge von Röntgenbildern, die im Durchschnittlichen das erschütterte und - weil das Erschütterbare - auch das Tröstliche sehen lassen. (Man wird annehmen dürfen, dass der Dichter Ernst Schnabel als Mitautor hier das richtende Auge war.)

Für Sibylle, eine auf ihre Selbständigkeit stolze und sonst durch nichts charakterisierbare junge Dame, ist der 30. Januar 1933 der Tag, an dem sich ihre Neigung für Peter und gegen Steffen entscheidet. Erst als der Fackelzug am Brandenburger Tor sie nicht in die Staatsoper gelangen lässt, begreift sie, warum Steffen (er trägt das schmerzlich gefurchte, schweigsame Antlitz von Werner Hinz) auswandern muss. Das wendet sie zu ihm. Denn Peter, der Arglose, Sanguinische, kommt auch ohne sie aus (dieser Hans im Glück, der auch im Unglück einer bleibt, ist Karl John, Sibylle in beredter Verschlossenheit die dunkle Winnie Markus).

Oder: Dorothea wird brüsk aus ungefährdetem Leben gerissen: sie muss zugleich erfahren, dass ihr Mann gegen Hitler konspiriert hat und dass ihre Schwester seine Geliebte und Genossin war. Man glaubt es dem edlen, kühlen Gesichts Erika Balqués, dass sie die Kraft aufbringt, der Schwester den Tod des von der Gestapo Verhafteten zu verschweigen und ihr die Flucht ins Ausland zu ermöglichen.

Je älter das Auto ist, je mehr die Zeit die Menschen einebnet, desto schlichter werden die Bekundungen des Humanen. So bringen die letzten drei Episoden die lapidarsten Gestalten. 1943: der bärtige alte Landser des Hermann Speelmans ist wahrhaft der Unbekannte Soldat der Ostfront. heimatfern, unbestechlich nüchtern, von der langmütigen Weisheit Asiens überhaucht. 1944: Isa Vermehren ist ein lebendiges Denkmal der in die Rüstungsfabrik Gepressten, die sich nicht brechen und biegen ließen (und Margarete Haagen, unvergessen in guten früheren Filmen, auf diskret potsdamisch ihre ehemalige Gnädige, die in die Räder des Freislerschen Rachewerkes gerät). 1945: Carl Raddatz endlich (diesmal ganz auf seine Mitte gebracht) und Bettina Moissi (in prädikatloser Selbstverständlichkeit) sind am Ende Josef und Marie, er der, der sich "abgesetzt" hat, sie der Flüchtling aus Schlesien, vom Treck abgekommen; sie nächtigen im Stroh mit dem Kinde Mariele, dessen Unbefangenheit gegenüber dem Schicksal und der Kamera engelhafte Heiterkeit verbreitet. "Versöhnung ist mitten im Streit."

Vom Optischen dieses gedichteten Films ist zu sagen, dass es vielerlei technische Nöte sieghaft überspielt. Ateliers hatte Käutner nicht, auch keine Stäbe von Angestellten. Dennoch gelang ihm und seinem Kameramann Igor Oberberg in Einstellung und Schnitt die Suggestivität der Verlorenheit in östlicher Weite und der Traulichkeit im Abstellschuppen.

Christian D. Ernst

 

K 4: Sozialdemokrat, Berlin, 19.06.1947
Was ist ein Mensch?

"In jenen Tagen" im Marmorhaus

So fragt ein junger Mann seinen Freund, während sie ein altes Auto ausschlachten. Das ist der Auftakt zu der "Geschichte eines Autos", deren sieben Episoden siebenmal Antwort auf diese Frage geben. Am Schluss des Films sagt der Freund, man könne nicht erklären, was ein Mensch sei, man müsse es empfinden. Und der andere ergänzt: Man müsse sich bemühen, ein Mensch zu sein.

Die Stationen im Dasein eines Autos sind äußerer Anlass, gleichsam Vorwand für eine Chronik der Menschlichkeit. Hingabe, Opfer, Solidarität, Bereitschaft für den nächsten Menschen, das wird ohne Pathos und ohne billiges Heldengetöse zum Erlebnis und zur so bitter notwendigen Lehre.

Das Leben der Menschen dieses Films spielt sich unter dem Zwang der politischen Ereignisse "In jenen Tagen" (1933 bis 1945) ab. Das große Zeitgeschehen greift in das Einzelschicksal ein, reißt es aus der Bahn und zwingt zur Stellungnahme gegen den Terror und zur Bewahrung und Prüfung der moralischen Widerstandskraft. Es sind Tatsachenberichte, beinahe leidenschaftslos nüchtern. Sie bedürfen keiner Pointe, keiner "Höhepunkte", keiner Helden. Dennoch sind sie zwingend wirksam, weil sie zur Teilnahme auffordern und Gedenken und Gedanken anrühren und wecken.

Man wird sagen: der Film ist gut, sicher der beste der deutschen Nachkriegsproduktion, aber er ist nicht Käutners bester, weil er technische Mängel (z. B. teilweise unklarer Ton) oder Schwächen im Drehbuch hat. Das mag bei "absolutem Maßstab" richtig sein. Das allein Wichtige ist jedoch, dass es hier zum ersten Mal gelungen ist, glaubhaft und erschütternd wahr, ein Bild der deutschen Tragödie und "unserer Zeit" zu zeigen: Demonstration, Warnung, Mahnung und Aufruf zugleich.

Das unbedingt und oft unausweichlich Fasziniernde (gleichermaßen bestürzend wie bezaubernd, erdrückend wie befreiend) sind nicht die fast anonymen Episoden selbst, sondern ihre meisterhafte filmische Gestaltung. Die Worte sind nur knappe sparsamste Orientierung, notwendiger und eindringlicher Kommentar. Das künstlerische Auge Käutners, hervorragend unterstützt durch die Kamera Igor Oberbergs, zaubert das Leben einer Zeit in jede kleinste Szene. Es spiegelt sich auf Gesichtern, Landschaften, Häusern, Trümmern, Straßen und den "kleinen Dingen". Erwartung, Enttäuschung, Zuversicht, Verzweiflung, Schmerz und Freude, Verzicht und Liebe - jeder Moment erhält durch optische Mittel seine ganz eigene oft beklemmende Atmosphäre. Die Kamera ist in ständiger, man möchte sagen, rythmischer, musikalisch kommentierender Bewegung. Der Text (Käutner und Ernst Schnabel) und die Musik (Eichhorn) verdichten das Ganze zu unaufdringlicher, aber sehr sicherer Gültigkeit.

Alle Schauspieler füllten ihre Rollen überzeugend menschlich. Jeder hatte sein wirklich eigenes Gesicht, war unveränderliches Individuum und - das ist das Besondere - war Symbol und Beispiel eines bestimmten Menschentyps. Am stärksten berührten Werner Hinz (Emigrant), Ida Ehre (Jüdin), Willi Maertens (ihr arischer Mann), Margarete Haagen (eine Mutter, deren Sohn Teilnehmer des 20. Juli war), Hermann Speelmans (PKW-Fahrer in Russland) und Bettina Moissi (eine junge Frau auf der Flucht).

"In jenen Tagen" ist endlich der Anfang, wie wir ihn bisher vergeblich für die neue deutsche Filmproduktion wünschten.

K. H.