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K5-9

K 5: Hannoversche Presse, 15.07.47
"In jenen Tagen"

Premiere im Gloriapalast

Eine Schweizer Zeitung schrieb einmal: "Käutner ist wieder an der Arbeit. Das heißt, der deutsche Film wird eine große Zukunft haben."

Über "jene Tage", die Zeit zwischen 1933 und dem Zusammenbruch, schon heute etwas gültiges auszusagen, ist ein problematisches Unterfangen. Denn wer erreichte bereits den Abstand zu den schicksalsschweren Geschehnissen, um mehr geben zu können als ein fotografisch genaues Abbild, wer gewann so schnell die Überschau, die eine Voraussetzung ist für die künstlerische Gestaltung der Eindrücke, deren Fülle und Wucht noch immer wie ein Alpdruck auf uns lasten?

Helmut Käutner, der zusammen mit Ernst Schnabel das Drehbuch dieses Films schrieb und der auch die Regie führte, hat den Versuch gewagt, aus Ereignissen jener 12 Jahre ein Kunstwerk zu formen, und dieser Versuch ist geglückt. In sieben Geschichten, erzählt von der Stimme eines Autos, dessen Lebensweg 1933 auf dem Fließband begann und 1945 auf einem Autofriedhof endete, ist nicht nur die Atmosphäre des Dritten Reiches bedrückend eingefangen, sondern wird auch die politische und menschliche Situation so erhellt, wie sie - im Widerspruch zu dem Vorwurf von der Kollektivschuld - wirklich war. Denn die sieben Episoden, die leidenschaftslos und ohne Pathos geschildert werden, bezeugen, allem Schrecklichen zum Trotz, dass die Zeit zwar stärker war als die Menschlichkeit, die Menschlichkeit aber dennoch die Zeit überwandt.

Künstlerisch bedeutungsvoll ist dabei, dass Käutner immer nur andeutet. Er zeichnet Skizzen, deren Themen symbolisieren und deren Details feinste Regungen spürbar werden lassen. Nie verfällt er in den naheliegenden Fehler, dick aufzutragen, stattdessen lässt er manches wesentliche Geschehnis nur ahnen, mit dem Erfolge, dass er der Fantasie Spielraum gibt und zum Nachdenken anregt. Und wie dieser Film politisch ist, obwohl niemand von Politik redet, so richtet er auch, ohne mit einem Wort anzuklagen.

Wenn man sich fragt, welche der "Geschichten eines Autos" wohl die eindringlichste sei, so ist die Antwort darauf nicht leicht zu geben. Am ergreifendsten ist das Schicksal der von Ida Ehre einprägsam dargestellten Jüdin und ihres "arischen" Mannes, die sich nicht trennen wollen und in ihrer Not den letzten Ausweg wählen. Rein filmisch gesehen, ist die nächtliche Fahrt zweier Soldaten - gespielt von Hermann Speelmanns und Fritz Wagner - am eindrucksvollsten, weil uns hier ein Hauch östlicher Winterstimmung beklemmend anrührt. Besonders in dieser Szene erweist sich die packende Wirkung einer ideenreichen Aufnahmekunst, die oft vergessen lässt, dass die Dialoge infolge technischer Mängel kaum zu verstehen sind.

H. W.

 

K 6: Der neue Film, 07.07.1947 (Auszüge)

Das "Ding", so lang mit Füßen getreten und ohne Verwandschaftsbeziehung zum Menschen, besinnt sich auf seine Seele; die zur passiven Dulderin degradierte Materie - das abgewrackte Auto - erzählt. Wie das geschieht, ist nicht neu, und der Anlass: ein halb Dutzend im Innern der Autoruine gefundener Alltagsutensilien, nicht gerade geschmackvoll und glücklich gewählt. Aber was wiegen derartige Äußerlichkeiten gegenüber der einzigen "Tendenz" dieses Films, nämlich: der stillen, der selbstverständlichen Menschlichkeit? Nichts. Gewiss, es sind alles andere als pathetische Märtyrer ihrer Zeit: dieser Kaufmann, diese Soldaten, dieser Komponist, diese Rüstungsarbeiterin, diese Flüchtlingsfrau; und was hier abläuft, sind Privatschicksale und keine Heldenleben. Aber gerade diese unverletzt gebliebene Sphäre des Persönlichen, gerade dieses Herausheben des gewöhnlichen Alltagsmenschen aus der grauen Anonymität fast blind erduldeter Kollektiverlebnisse - das und die hieraus resultierenden Akzentuierungen des Tragischen, welche endlich einmal auch das geflickte Wams des Mannes von der Straße transparent werden lässt, das ist die eigentliche Stärke dieses Films. [...]

Man könnte diesem Drehbuchaufriss seinen offensichtlichen Mangel an innerer Geschlossenheit vorwerfen: Die Nähte zwischen den einzelnen Fabeln sind zu grob, und der äußere Rahmen ist zu gewaltsam um das Ganze gepresst. Dennoch halte ich die hier gewählte Kurzform der blitzlichthaft aufblendenden Episode - hier von den oft geradezu lapidaren Dialogen Schnabels äußerst wirkungsvoll unterstützt - unserer augenblicklichen geistigen Situation entsprechend - für die ehrlichste, ja, für die uns heute einzig gemäße Art einer Aussage über die letzten Jahre. Denn um ein Epos zu schaffen, müssen sich unsere Augen erst einmal vom Sog selbst miterlebter Details lösen können. Dazu aber sind Jahre nötig. Jeder heute unternommene Versuch, unserer jüngsten Vergangenheit zu Leibe zu rücken, wird jedoch, an der Fülle des zu Bewältigenden gemessen, noch auf weite Sicht fragmentarisch sein müssen. Warum also nicht hier aus der Not eine Tugend machen? (...)

Wolfdietrich Schnurre

 

K 7: Filmdienst der Jugend, Nr. 2/1948

[...] Der nur aus Außenaufnahmen bestehende Film ist technisch und künstlerisch imponierend. Das Publikum tut ihn zum Teil als Trümmerfilm ab: "Wir wollen keine kippenrauchenden Kumpels zwischen Ruinen, die sehen wir jeden Tag." In der Gruppe hätte hier das Gespräch über Sinn und Aufgabe des neuen Films zu beginnen: nicht Traumfabrik, sondern Bewusstmachung der Wirklichkeit mit künstlerischen Mitteln! Dieser Film, ein politischer Film, hat die Aufgabe, uns unruhig zu machen, aufzurütteln. Und da stehen Bedenken auf. Verlässt nicht der Großteil der Bürger das Kino zwar erschüttert, aber mit dem Gefühl, na also, es hat damals ja doch genug echte Menschen gegeben, ich bin nicht gemeint, was soll ich mich beunruhigen? Und weiter: die Menschen, die dieser Film uns zeigt, sind nur dort stark, wo das schlimme Schicksal der anderen sie zum Mitleid aufruft. Gewiss, das ist viel! Aber gehört zur Selbstverantwortung gegenüber herrschenden Meinungen und befohlenen Ansichten nicht mehr? - "Was ist denn überhaupt ein Mensch?" Ob die Geschichte des Autos diese Frage fragwürdiger machte oder beantwortete, entscheidet über Vollendung oder Grenzen dieses Films.

 

K 8: Film-Echo, Nr. 5, Hamburg, Juni 1947
"In jenen Tagen"

Als die Lichter wieder aufflammten, waren wir die Beute zwiespältiger Gefühle, wie jemand, der mit aller Eindringlichkeit wieder auf etwas hingewiesen wurde, das er gerne, nur zu gerne vergessen wolte. Wollten wir an die Vergangenheit, an "jene Tage" erinnert sein? Unsere Ohren sind noch taub, unser Gefühl noch wund und stumpf und in unseren Herzen sitzt noch in versteckten Winkeln die Scham über das, was an Greuel und Unmenschlichkeit, an Überheblichkeit und Schande über uns gekommen ist. Das alles konnte uns nicht erpart bleiben. So war sie sehr schmerzhaft, diese Erinnerung. Aber aus den schmerzhaften Impressionen, vergleichbar den heilenden Schnitten des Chrirurgen, erwuchs uns das Gefühl einer namenlosen Befreiung von dem Albdruck der Schändlichkeit, von dem Verlorensein des für alle Zeiten Wertlosen. Etwas ist in diesem filmischen Kunstwerk mit sicherer Gültigkeit ausgedrückt, das wir zwar gefühlt, aber nie zu sagen vermochten, wenn sich vor uns die düstere Mauer des verachtenden Vorwurfes erhob: Dass in der anonymen Masse, als die man uns von außen sieht - verantwortlich in seiner Gesamtheit für all das Unsagbare - die Quellen der Menschlichkeit nie vollends versiegt waren; dass auch vielen von uns der Kelch des Leides randvoll geschöpft ward und dass, wenn auch nicht immer nach außen sichtbar, der Mensch sich in unserem Volke stärker erwies als die Gedankenlosigkeit eines mörderischen und unmoralischen Systems. So ist uns dieser Film neben dem künstlerisch vollendeten "mementeo" mehr - Er heißt uns wieder hoffen! Heißt uns hoffen auf das Menschliche in uns und neben uns, wenn wir unseren Weg in die graue und verhangene Zukunft suchen müssen.

Und zugleich wird in uns ein Gefühl des Stolzes wach. Eine unbändige, leidenschaftliche Freude über dieses Kunstwerk, das mit geringsten technischen Mitteln durch harte Gemeinschaftsarbeit und künstlerische Besessenheit zu dieser Reife gelangte. Wir wissen aus der Zeit der jahrelangen Abgeschlossenheit nicht viel von dem Filmschaffen des Auslandes, von seinen Spitzenschöpfungen. Auch jetzt erst beginnt sich der Vorhang, der uns von der kulturellen Umwelt trennt, nur langsam, gleichsam widerwillig zu heben, aber wir ahnen und fühlen, dass dieses filmische Kunstwerk auch der Welt etwas zu sagen hat, dass es für uns künstlerisch und menschlich aussagen wird.

Aber dieser Stolz drückt sich nicht in Superlativen aus, sie wären schal und unecht vor diesem Erlebnis. Es ist der Stolz der Armen, aus jehrelang Verschüttetem der Welt wieder etwas geben zu können.

Reif und vollendet ist uns dieser Film aus der ersten deutschen Produktion zum Geschenk geworden, als eine Abkehr vom verfilmten Theater, ein geraumer Schritt auf dem Weg zur reinen Filmkunst. In Helmut Käutner als Spielleiter und Igor Oberberg als Kameramann fanden sich Hirn, Herz und Auge dieses Filmes in nie gebrochenem Zusammenwirken. Zu ihnen kommt Ernst Schnabels reife Diktion, die sich im Dialog nicht verleugnet, sowie Bernhard Eichborns ausgesprochen filmische Musik. Die Darsteller aber - viele Träger bekannter Namen - treten zurück, werden zu Personen, die der Scheinwerfer des Autos gleichsam aus der anonymen Masse für einen Augenblick herausreißt, sie werden zu Menschen ohne gewollte Akzente. SIe alle ohne Unterschied - und das ist ihre große, dankenswerte Leistung.
(Welt-Uraufführung im Waterloo-Theater, Hamburg)

H. Steffen

 

K 9: DIE ZEIT, 1947
In jenen Tagen

Zur Uraufführung des Käutner-Films in Hamburg

In dem ersten Film der britischen Zone "In jenen Tagen", der nach seiner Uraufführung in Hamburg (Waterloo) auch in Berlin erfolgreich anlief, ist ein Gegenstand, ein Ding Mittelpunkt des Geschehens. Schon dies ist eines der Kennzeichen dafür, dass dieser Film, der durch den Ernst und die Noblesse der Drehbuchautoren Helmut Käutner und Ernst Schnabel neben der Konkurrenz des Auslands Beachtung verdient, Ausdruck einer modernen Stilentwicklung ist, die weg von der epischen Erzählung und dramatischen Handlung sich der intensiven Betrachtung der Dinge, des stillen Lebens widmet. Nicht die Aktivität und Energie des Menschen allein, sondern auch das Vorhandensein der Dinge bestimmen unser Dasein.

"Filmstar" ist diesmal ein Automobil. Mit virtuoser Handhabung der filmischen Möglichkeiten - ausländische Filme gingen uns auf diesem Wege voran - wird die Stimme des Wagens hörbar, wird das Lebens-Fartenbuch des Autos aufgeschlagen, das abgewrackt auf einem Autofriedhof inmitten einer überwältigenden Ruinenlandschaft sein Ende fand. Seit 1933, seiner Geburtsstunde, ist der Wagen durch das Zwielicht einer Zeit gerollt, deren tragische Folgen wir heute spüren. Dies nun sind Episoden aus jenen Tagen.

Der Regisseur Helmut Käutner hat Neuland der deutschen Filmproduktion betreten. Er beweist nach den ersten schwachen Nachkriegsfilmen, dass ein Könner durch Ideen und geistige Durchdringung trotz unserer armseligen Mittel ernsthaft eingreifen kann in die geistigen Auseinandersetzungen um den Standpunkt des modernen Menschen. Er hat die Hand am Pulsschlag unseres Lebens. Es ist kein Zweifel, dass dieser Film, wenn er nicht durch die technischen Mängel, besonders des Tons, belastet wäre, im Ausland Aufsehen erregen könnte. Denn er schildert, indem ein Gegenstand - eben dieses Auto - sachlich objektivierend intensiv betrachtet wird, in schauerlicher Deutlichkeit den Niedergang einer Kulturnation bis zur völligen Zerstörung und deckt die immer und überall latente Gefahr des menschlichen Irrtums auf.

Dankenswert ist Käutners künstlerischer Versuch, wie es vordem meisterhaft dem französischen Film gelang, durch die verdichtete Atmosphäre des spezifisch Filmtechnischen die geistigen und seelischen Regungen fühlbar, ja, sichtbar zu machen. Wenn auch - so will es scheinen - die Betrachtung durch die kühlen Augen eines Autos, die lose Aneinanderreihung der Episoden, das Fehlen starker dramatischer Akzente eine neue Art des Zuschauens erfordert. Sieben Geschichten erzählt das Auto, die mit seinem eigenen Schicksal verflochten sind, sieben Geschichten von dem langsamen Zerbröckeln der Existenzen in jenen dunkler und dunkler werdenden Tagen. Aber dazwischen gibt es leere Stellen, es entstehen Ritardandos, die durch stilles Betrachten und Sichversenken überbrückt werden wollen, ehe neues Handlungsmoment weiterreißt.

Darum ist das Publikum beim Verlassen des Kinos zwiespältig, es scheiden sich die Wünsche der normalen "Filmverbraucher" von dem Beifall und den Hoffnungen moderner avantgardistischer Zuschauer: aber der Ansturm auf die ersten Vorstellungen, der durch ein reiches Polizeiaufgebot gesteuert werden musste, spricht für diesen von gutem Ensemlespiel getragenen Film der Camera Filmproduktion Hamburg, der uns neue Hoffnung gibt: Wir sind wieder da im Spiel der internationalen Kunstbemühungen. (Das Drehbuch ist im Christian Wolff Verlag, Flensburg und Hamburg, als Broschüre erschienen)

Erika Müller