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Liebe 47 (1949)


Kurze Inhaltsangabe

Am Elbufer begegnen sich zwischen den Nachkriegstrümmern zwei Menschen, die mit dem Leben Schluss machen wollen: Unteroffizier Beckmann und Anna Gehrke.
Aber dann beginnen sie miteinander zu reden, beschließen, ihren Tod gleichsam aufzuschieben, und Anna nimmt den obdachlosen Beckmann mit auf ihr Zimmer. In den Gesprächen der beiden verzweifelten Menschen wird - in Rückblenden - deren Schicksal erzählt. Russlandheimkehrer Beckmann fühlt sich verantwortlich für den Tod von elf Soldaten, deren Angehörige ihn in nächtlichen Alpträumen heimsuchen. Die Verantwortung will er seinem ehemaligen Oberst zurückgeben, doch der lacht nur über seine Schuldgefühle. Seine Eltern, ehemalige Parteimitglieder, haben sich umgebracht, sein Kind ist gestorben, seine Frau hat einen anderen. Ohne Arbeit, Heim und Familie will er nicht mehr leben.

Anna Gehrke hat ihren Mann im Krieg verloren, ihr Kind ist bei der Flucht vor den Russen verunglückt. Ihr Alleinsein bringt sie mit Männern zusammen, die "uns Frauen nicht brauchen, sondern gebrauchen". Je länger die beiden unglücklichen Menschen miteinander reden, desto ferner rückt der Gedanke an Suizid. Schließlich deutet sich die Möglichkeit eines glücklichen Miteinanders an.


Zur Entstehung des Films

Liebe 47, zwei Monate vor Gründung der Bundesrepublik uraufgeführt, ist einer der letzten "Trümmerfilme". Drehort waren die Filmateliers auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens von Göttingen, Produzent die Göttinger Filmaufbau GmbH, die mit britischer Lizenz arbeitete. Die Produktionsfirma war bereits 1946 von Hans Abich und Rolf Thiele gegründet worden mit dem Ziel, zum Neubeginn des deutschen Films beizutragen. Die Firmengründer waren nicht in erster Linie kommerziell orientiert, sondern versuchten anspruchsvolle, problemorientierte Unterhaltung zu produzieren. Liebe 47, die erste nach langen Anlaufschwierigkeiten fertiggestellte Produktion, führte zum Konkurs der Firma, die anschließend ohne eigene Atelierbetriebe neu gegründet wurde. Die folgenden Filme wie Nachtwache, Es kommt ein Tag sowie verschiedene Thomas Mann -Verfilmungen waren erfolgreicher. Auch wenn sich finanzielle Verluste einstellten, blieb man bei dem Konzept, Filme mit "Anspruch" zu produzieren.

Für das Verständnis des Films ist es bedeutsam, dass Liebe 47 als Literaturverfilmung nach Wolfgang Borcherts Bühnenstück "Draußen vor der Tür" entstanden ist. Wolfgang Borchert (20.05.1921 - 20.11.1947) war ein unbequemer Soldat gewesen. 1943 wurde er wegen politischer Witze zu neun Monaten Gefängnis verurteilt, dann aber "zwecks Bewährung" an die "Ostfront" geschickt. Der Entlassung wegen Untauglichkeit folgte wieder der Kerker, dann Nachkriegshunger, Krankheit und Tod. Zwei knappe Jahre blieben Borchert zum Schreiben. Dieses "Dichten wie im Wettlauf mit dem Tod" ist in "Draußen vor der Tür" in jeder Zeile zu spüren. Das Stück gilt als das bedeutendste jener Kahlschlag- und Trümmerliteratur nach 1945. "Im Mittelpunkt des gespenstischen Reigens aus physischem und moralischem Elend steht ein Kriegsheimkehrer, die Symbolfigur eines Menschen, den die Sinnlosigkeit eines Krieges und die moralische Stumpfheit des Milieus zerbrochen haben."

Von Borchert im Spätherbst 1946 in wenigen Tagen geschrieben, wurde "Draußen vor der Tür" am 13.2.1947 zum ersten Mal als Hörspiel vom NWDR gesendet, als Bühnenstück erlebte es seine Uraufführung in der Inszenierung von Wolfgang Liebeneiner am 21.11.1947, einen Tag nach dem frühen Tod Borcherts, in den Hamburger Kammerspielen. Der Stoff wurde schließlich 1948 wiederum unter der Regie von Liebeneiner verfilmt. Die Uraufführung fand 1949 im Göttinger Capitol statt. Das Premierenpublikum verharrte, so die zeitgenössische Presse, in seltener Anteilnahme und spendete anhaltenden Beifall, was, so ein Rezensent, angesichts dieses "anspruchsvollen, aber unerhört wertvollen Films" nur angemessen gewesen sei. Auch anderswo sprach die Kritik von einem "über die Zeitfilmproduktion hinausgehenden Meisterwerk", das die im Nachhinein nicht so glanzvolle Rolle Liebeneiners während der Naziherrschaft (u.a. Regie in den Filmen Bismarck, Die Entlassung und Ich klage an, von 1942 -1945 Produktionschef der Ufa) wettmache - es sei naheliegend, "ihm vor der einzigartigen künstlerischen Tat des Heute das Gestern zu vergeben." Wenngleich die Kritik den Film überwiegend lobte, blieben die deutschen Kinos, in denen Liebe 47 lief, relativ leer. Die Bilder einer Trümmerlandschaft, gleich mit welcher Moral verbunden, wollte das Publikum im Jahre 1949 nicht mehr sehen.

Filmographie und Verleihinfos

Produktion: Filmaufbau GmbH Göttingen
Produzenten: Hans Abich, Rolf Thiele
Erstverleih: Panorama-Film GmbH
Buch: Wolfgang Liebeneiner; nach dem Hörspiel und Bühnenstück "Draußen vor der Tür" von Wolfgang Borchert und Motiven von Kurt J. Fischer
Regie: Wolfgang Liebeneiner
Regieassistenz: Peter Rieschel
Produktionsleitung: Curt Prickler
Aufnahmeleitung: Frank Roell
Kamera: Franz Weihmayr
Bauten: Walter Haag, Hans Joachim Kutzner
Kostüme: Salon Biebernell
Masken: Franz Siebert, Ilse Siebert, Maria Müller-Westhoff
Schnitt: Walter von Bonhorst
Ton: Erich Leistner
Musik: Hans-Martin Majewski
Drehort: Atelier Göttingen
Außenaufnahmen: Hamburg, Göttingen und Umgebung
Länge: 118 Minuten
Uraufführung: 7.3.1949 in Göttingen (Capitol)
Preise: IFF Locarno 1949: Preis für die beste Schauspielerin an Hilde Krahl

Darsteller:  
Hilde Krahl Anna Gehrke
Karl John Beckmann
Erich Ponto alter Mann
Albert Florath Unternehmer
Grethe Weiser Frau Puhlmann
Paul Hoffmann Oberst
Erwin Geschonneck Kriminalbeamter
Dieter Horn Jürgen Gehrke
Hubert von Meyerrinck Direktor Engelbrecht
Inge Meysel Betty aus Berlin
u.a.  

Bezugsquelle:

Auf DVD wird der Film von Absolut Medien vertrieben, und zwar als Hauptfilm der zum Cinefest 2009 erschienenen DVD "Schatten des Krieges - Innovation und Tradition im europäischen Kino 1940–1950".