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Der Film in der zeitgenössischen Kritik


Vorbemerkung zur zeitgenössischen Rezeption von LIEBE 47

Bereits Wolfgang Borcherts Hörspiel "Draußen vor der Tür", das am 13. Februar 1947 im Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) erstmals gesendet worden war, hatte in der Öffentlichkeit ein starkes, uneinheitliches Echo hervorgerufen, dessen Bandbreite von kategorischer Ablehnung bis zu vehementer Zustimmung reichte. So war es von vornherein abzusehen, dass auch das Resultat der Verfilmung des Stoffes durch Wolfgang Liebeneiner beinahe zwangsläufig in der Diskussion stehen würde. Diese entzündete sich denn auch bald nach der Uraufführung am 7. März 1949 im Göttinger "Capitol" in den Tageszeitungen und Filmzeitschriften, wobei hier auf zwei Gesichtspunkte, die in den Rezensionen Beachtung fanden, eingegangen werden soll, um eine Orientierung zu erleichtern - zum einen auf die Auseinandersetzung mit der Person des Regisseurs Liebeneiner, zum anderen auf die Kritik an der formalen und inhaltlichen Umsetzung der Literaturvorlage -, bevor abschließend der Gesamteindruck, den LIEBE 47 bei den zeitgenössischen Kritikern hinterließ, skizziert wird.

Die Debatte um Liebeneiner

Wolfgang Liebeneiners Rolle als Regisseur von LIEBE 47 wurde in der Presse entweder gar nicht problematisiert oder war heftig umstritten. Dabei ging es nicht um seine fachlichen Qualitäten, die - wenn auch mit Abstrichen vor allem bei der Länge des Films - nicht angezweifelt, sondern im Gegenteil gelobt wurden. So erscheint er z. B. als "ein genialer Regisseur" (K 11), der "alle Register seines Könnens" (K 5) ziehe. Gegenstand der Kontroverse war vielmehr die Frage, ob Liebeneiner angesichts seiner hohen Position im nationalsozialistischen Filmwesen die geeignete Person für die Arbeit an Borcherts Stück gewesen sei. "Der neue Film " meinte hierzu: "Wer sich der Taten von gestern erinnnert, neigt dazu, die Frage zu verneinen. Wer aber das fertige Werk erlebt hat, der neigt weit mehr dazu, ihm vor der einzigartigen künstlerischen Tat des Heute das Gestern zu vergeben. Dieser Film ist die absolute Rechtfertigung einer künstlerischen Ausnahmerscheinung. Und das wiegt vieles auf." (K 4) Diese versöhnliche Haltung fand natürlich Widerspruch. So wurde einerseits angemerkt, dass ein Thema wie das in LIEBE 47 behandelte nur von denjenigen, die am eigenen Leibe den Ernst des Krieges erfahren hätten, angemessen dargestellt werden könne (Vgl. K 14).

Härter argumentiert die "Gießener Freie Presse " vom 19. März 1949, die energisch die Tatsache kritisiert, "dass der ehemalige Filmprofessor des Propagandaministeriums wieder Gelegenheit hat, im Schutthaufen der großen Zeit, in der er seine preußischen Monumentalgemälde in den Kinos ,künstlerisch und staatspolitisch wertvoll' projizierte, von neuem zu kurbeln (...)." Diese Kritik wird noch mit der künstlerisch-moralischen Wertung unterstrichen, der Film sei "die Verfälschung der Idee" Borcherts und verrate "den Freund mit falschen Tönen von vorgestern." (K 1) Nur die Stärke des Borchertschen Stückes bewahre es vor der "Gefahr der Verniedlichung" (K 6).

Die Kritik an der formalen und inhaltlichen Umsetzung der Literaturvorlage

Die formale Transformation von Stück zu Film wird insgesamt differenziert betrachtet. So weist "Der neue Film " (K 4) darauf hin, daß der Film "im Grunde aus zwei Teilen" bestehe, die "nicht ohne spürbare Naht aneinandergefügt" seien, wobei der erste Teil, die Erzählung Anna Gehrkes, "ein monotoner Rapport" sei. In ähnlicher Weise äußert sich der Kritiker der "Abendpost" aus Frankfurt, der den gelegentlich fehlenden Brückenschlag "zwischen der realistischen Anna-Geschichte und der visionären Beckmann-Geschichte" beklagt (K 2). Hingegen attackiert die "Gießener Freie Presse " die gesamte Komposition des Drehbuchs, indem sie zwar einräumt, die "Verfilmung der Dichtung" scheine "nach den ersten Urteilen künstlerisch tragbar zu sein", aber den Film dennoch - auch auf den Inhalt eingehend - folgendermaßen wertet: "Randfiguren des Dramas werden über ihre Substanz hinaus in einer klischierten Rahmenhandlung zum peinlichen Aufsatz der von Borchert realistisch gezeichneten Bilder." (K 1) Gegenteiliger Ansicht ist das "Film-Echo" vom 20. März 1949, das positiv vermerkt, Liebeneiner habe "die Figur des daseinskranken, müden Beckmann (Karl John) aufgelockert durch das dramatische Schwergewicht, das er auf die Gestaltung der ,Anna' (Hilde Krahl) legte. Das war zweifellos ein kühnes Unterfangen (...). Aber der Wurf gelang, sowohl nach der dramatischen wie auch nach der zeitanschaulichen Seite." (K 5) Mit dem letzten Teil des Satzes spielt der Rezensent auf die seines Erachtens gelungene Fortschreibung der Handlung im Film an, nachdem er Liebeneiner bereits attestiert hat, "diesen Stoff sehr eigenwillig, aber im Sinne von Borchert, mit dem ihn manche Unterredung verband, gestaltet" zu haben (K 5). Die "Abendpost" argumentiert in der gleichen Richtung, aber mit anderem Mittel, indem sie die psychologische Wichtigkeit des Filmendes hervorhebt - das "zwar kein offenkundiges ,happy end'" sei, "aber einen bewußten Optimismus gegenüber dem ,Morgen' ausdrückt, wenngleich eine tiefe Melancholie darüber lagert" (K 5) - : "Liebeneiners Schluss, das ,Drinnen im Zimmer', war für das Filmparkett von Anno 49 notwendig. Das ,Draußen vor der Tür' hätte niemand mehr ertragen." (K 2) Der Regisseur selbst hat auf einer Diskussionsveranstaltung zu LIEBE 47 über den Schluss gesagt, "das Problem sei gewesen, den Aufschrei der Verlassenheit zu überwinden, und er, Liebeneiner, habe (...) keine andere ehrliche Antwort gefunden als diese: zwei Menschen zu zeigen, die gut zueinander sind und die nicht die Welt verbessern wollen, sondern sich selbst. In diesem Sinne solle sein Film ein Aufruf an den Menschen sein, erst einmal in dem eigenen verantwortlichen Umkreis durch gegenseitiges Verstehen und Helfen das Gute zu tun." (K 3) Gegen dieses Anliegen, gegen die "Gefahr der Verniedlichung" wurde aufs schärfste protestiert, durch den "mütterlich-versöhnenden Schluss" werde der Film Borcherts Aussageintention nicht gerecht, es sei nicht recht, "aus etwas ein Positivum zu machen, das kein Positivum sein kann" (K 6). Das Stück Borcherts eigne sich gerade nicht für den Rückzug ins Private, die der Film propagiert, für "jene Sorglosigkeit, aus derem Schoß die Katastrophen kommen. Daran sind Beckmann, Borchert, ist ein ganzes Volk gescheitert. Man sollte das Unglück nicht durch Harmlosigkeit beleidigen." (K 1) Es wird deutlich, dass die Argumente beider Seiten sich zwar unvereinbar gegenüberstehen, aber als Gemeinsames die Sorge um die Zukunft in sich tragen.

Gesamtbewertung des Films durch die Kritik
Bei der Unterschiedlichkeit der Urteile über die Aussage des Films kann es nicht verwundern, dass sich auch die Resümees deutlich voneinander unterscheiden - während die darstellerischen Leistungen nahezu einhellig gelobt werden -: für die einen "ein Meisterwerk" (K 4), "ein Film, den jeder sehen müsste!" (K 2), "der ehrlichste, sauberste, künstlerisch überzeugendste und aufrichtigste deutsche Nachkriegsfilm" (K 2), "der Film, der auch noch in Jahrzehnten Gültigkeit hat" (K 13), "ohne Zweifel der in jeder Hinsicht kühnste, tiefste, aufwühlendste und anspruchsvollste deutsche Nachkriegsfilm." (K 15) Diejenigen Kritiker, bei denen die Aussage des Films auf Ablehnung gestoßen war, hatten zwangsläufig kein Interesse daran, Hymnen anzustimmen, sondern konzentrierten sich darauf klarzumachen, welchen Wert sie dem Film beimaßen: "Hoffentlich ist wenigstens ein Teil des Publikums aufmerksam genug und lässt die ,Liebe 47' nicht ewig währen." ( K 1, vgl. auch  (K 6)

Das Publikum entsprach im übrigen diesem Wunsch weitgehend. Nach anfänglichen Erfolgen (Vgl. K 11) wurde schnell deutlich, daß LIEBE 47 am Geschmack des Publikums vorbei produziert worden war. Manches deutet darauf hin, dass die Menschen im Jahre 1949 bereits soviel Abstand zwischen sich und die materiellen und psychischen Notzeiten im Krieg und nach dessen Ende gebracht hatten oder dies versuchten, dass niemand daran interessiert war, noch einmal in den Schrecken zurückversetzt zu werden (Vgl. (K 6), K 8, K 9), weshalb nicht einmal der leise Aufbruchstimmung verbreitende Filmschluss in der Lage war, die Schablone von Not und Elend, die er als Hintergrund brauchte, erträglich scheinen zu lassen.