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K 1: Gießener Freie Presse , 19.03.1949


Verrat an Wolfgang Borchert
Wolfgang Liebeneiner verfilmte "Draußen vor der Tür" - "Liebe 47" hoffentlich keine ewige!

Der Trümmerfilm scheint unsterblich zu werden. Er ist immer noch das Steckenpferd einfallsloser Regisseure. Dabei sind Trümmer gar kein schlechter Stoff. Alles, was geschieht oder meist nicht geschieht, geht vorerst auf Krücken. Aber billig ist das nicht. Jedenfalls nicht so kostenlos wie der fotografierte Katzenjammer des Lebens. Seit Jahren kehren in den deutschen Filmfabriken ganze Armeen heim. Vom Schützen bis hin zum General finden sie tapfer ins Leben zurück, gut beleuchtet, von der Kamera nach allen Seiten ausgenommen und von Schlagerschreibern aufrüttelnd versonnt. Die wenigen Filme, die den richtigen Ton trafen, haben das Maß des Erträglichen längst vollgemacht.

Trotzdem wird weiter unbekümmert auf Zelluloid heimgekehrt. Auch Wolfgang Liebeneiner kann nicht anders, als hinter der ruinierten Fassade der Gegenwart nach lohnenden Effekten zu suchen. Dass der ehemalige Filmprofessor des Propagandaministeriums wieder Gelegenheit hat, im Schutthaufen der großen Zeit, in der er seine preußischen Monumentalgemälde in den Kinos "künstlerisch und staatspolitisch wertvoll" projizierte, von neuem zu kurbeln, gehört zu den Merkwürdigkeiten, die einen Kommentar nicht mehr lohnen. Sein neuester Film "Liebe 47", in Göttingen erstaufgeführt, fordert aber zur Ehre des toten Wolfgang Borchert kritische Anmerkungen heraus. Die Tatsache der Verfilmung der Dichtung steht hierbei nicht in Frage. Sie scheint nach den ersten Urteilen künstlerisch tragbar zu sein. Was aber nicht ohne Widerspruch hingenommen werden kann, ist die Verfälschung der Idee. Borcherts "Draußen vor der Tür" ist eine einzige Frage. Als Zeitstück führt es die Literatur der letzten Jahre an. Es ist vom Dichter nicht anders bewertet worden, als eine erste Empörung des gequälten Gewissens gegen menschliche Gleichgültigkeit. Eine Antwort darauf gibt es nur in der Einsicht und Wandlung der Zeitgenossen, an die diese Frage gerichtet ist. Auch Liebeneiner bemüht sich um die Antwort. Aber er, ein Freund Borcherts, verrät den Freund mit falschen Tönen von vorgestern. Die "Film-Illustrierte" Nr. 8 / 49 bringt Aufnahmen der angelaufenen "Liebe 47", die die filmische Ausbeutung der Szenen Borcherts zeigen und die Antwort des sein Publikum nicht sehr hoch wertenden Regisseurs Liebeneiner geben. Diese Antwort auf des toten Dichters Frage: Gibt denn niemand Antwort?, sieht so aus: Randfiguren des Dramas werden über ihre Substanz hinaus in einer klischierten Rahmenhandlung zum peinlichen Aufsatz der von Borchert realistisch gezeichneten Bilder. Das Film-happy-end bringt die Rückkehr in die bürgerliche Behaglichkeit, in das traute Heim: Plüschsofa, Stehlampe, Radio, liebendes Mädchen - nichts ist vergessen. Unterschrift (vom Filmfoto wörtlich zitiert): "Das letzte ist gesagt, es gibt keine Maske, keine Täuschung mehr." Das letzte ist also wieder die Welt, in der Uffz. Beckmann und mit ihm Millionen einmal Schiffbruch erlitten. Jene Sorglosigkeit, aus deren Schoß die Katastrophen kommen. Daran sind Beckmann, Borchert, ist ein ganzes Volk gescheitert. Man sollte das Unglück nicht durch Harmlosigkeit beleidigen. Ganz besonders Wolfgang Liebeneiner hätte keine Ursache dazu. Oder ist es etwa Absicht?

Hoffentlich ist wenigstens ein Teil des Publikums aufmerksam genug und lässt die "Liebe 47" nicht ewig währen.