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K 2: Abendpost (Frankfurt), 02.04.1949


Drinnen im Zimmer: ein neuer Glaube
Wolfgang Liebeneiner ging neue Wege

"Draußen vor der Tür" wurde zum Filmproblem

Wunden, die die Zeit heilt, kann die Kunst nicht wieder aufreißen. Sie müsste es zuweilen, um zu voller Wirkung zu kommen. Sie hätte es tun müssen, um der Verfilmung von Borcherts Zeitstück "Draußen vor der Tür" jene tiefgreifende, im Grunde genommen apathische, lähmende Resonanz zu schaffen, der das Theaterstück ursprünglich entgegenstrebte.

Man suchte einen Mittelweg. Man fand ihn, indem man den Wirkungsgehalt der Borchert´schen Dichtung oder dessen, was an Borcherts Werk Dichtung ist, unter psychologische Voraussetzungen stellte, die dem inzwischen vollzogenen Zeitenwandel gerecht werden.

Borcherts Stück war Verzweiflung 45/46. Daraus hat man "Liebe 47" gemacht, der Titel besagt´s. Den fertigen Film sieht man heute, Anno 49. Darin liegt die Problematik dieser Schöpfung. Sie steht im bedrohlichen Schatten des "zu spät".

Die Zeit hat die Belehrbaren von den Unbelehrbaren bereits geschieden, jetzt, da die Wunden der Vergangenheit grob geheilt sind. Die Belehrbaren haben bereits begriffen, was dieser Film ihnen noch einmal begreiflich machen will, und die Unbelehrbaren leiden unter seiner Länge. Unter der Klage, unter dem Schrei von gestern und der engen, illusionslosen Hoffnung von morgen. In diesen Zwiespalt hinein, muss man die Publikumswirkung dieses Wolfgang-Liebeneiner-Films stellen. Denn er hat eine einjährige, intensive Arbeit und rund 1,2 Millionen Mark gekostet. "Liebe 47" ist der ehrlichste, sauberste, künstlerisch überzeugendste und aufrichtigste deutsche Nachkriegsfilm. Er wird in den Großstädten Bewunderung hervorrufen und das Gemüt der Skeptiker mit neuer Hoffnung füllen. Aber er wird schwerlich das einbringen, was er kostete. Und er wird im Ausland nicht jene Wirkung erzielen, die man sich verschiedentlich von ihm versprach. Denn was da künstlerische Gestaltung fand, ist im Grunde nur jenen recht begreiflich, die das Grauen erlebt haben, die mit dabei waren, die Anteil hatten und mitlitten, mithofften, die einmal so verloren waren wie, Unteroffizier Beckmann, so verzweifelt, wie Anna Gehrke.

Wie kann jemand die Kabarett-Wirkung des Liedes von der kleinen Soldatenfrau begreifen, der die Propaganda-Wirkung des Wilhelm-Striez-Liedes vergangener Wirklichkeit nicht erlebte?

Liebeneiners Gestaltung hat Längen, große Augenblicke, ist am stärksten in den Traumvisionen und klar und präzise in der Schilderung des Schicksals der Anna. Die Brücke zwischen der realistischen Anna-Geschichte und der visionären Beckmann-Geschichte, die in ihren stärksten Augenblicken nur aus grauenhaften Träumen wächst, ist freilich nicht immer geschlagen. Was der Dichter getrennt hat, kann sein Freund schwer zusammenfügen. Liebeneiners Schluss, das "Drinnen im Zimmer" war für das Filmparkett von Anno 49 notwendig. Das "Draußen vor der Tür" hätte niemand mehr ertragen.

Großartige schauspielerische Leistungen trugen den großen künstlerischen Erfolg. Hilde Krahl als Anna, wunderbar in den Ausbrüchen, lobenswert taktvoll in ihrer zurückhaltenden Art. In warmen lebensvollen Tönen, bot sie dem Beckmann Karl Johns ein ebenbürtiges Pendant.

Hervorragend die Chargen: Erich Ponto, der als Gott, an den keiner mehr glaubt, im Film gefährlicher als auf der Bühne, Albert Florath als Beerdigungsunternehmer, Hubert von Meyerrinck blendend in der Rolle des Kabarett-Direktors, Grete Weiser, wunderbar glaubhaft und menschlich als unausstehlich ausstehliche Zimmerwirtin, fern jeder ihr naheliegenden Schablone. Ein meisterlicher Film, alles in allem, gefährlich und unter mancherlei Aspekten diskutabel, ein Film, den jeder sehen müsste!

Willy H. Thiem