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K 3: Film-Echo, Nr. 18, 20.06.1949


Liebeneiner gibt Antwort

Auf einem Diskussionsabend der "Theatersammlung" der Hansestadt Hamburg, zu dem Gerhard Sanden, der Feuilletonchef der "Welt", mit seinen Ausführungen über "Unser Leben als Filmstoff", über das noch nicht geformte Menschenbild unserer Zeit sowie über Forderungen an den echten Gegenwartsfilm Basis und Anregung gab, erläuterte der Regisseur Wolfgang Liebeneiner, inwiefern er auf die Frage Beckmanns aus Borcherts Dichtung "Draußen vor der Tür" in seinem Film "Liebe 47" habe eine Antwort geben wollen.

Auf seinem Krankenlager habe er Wolfgang Borchert aufgesucht und mit dem Dichter, der vor seinem Tode zu einer wunderbaren Harmonie mit der Welt gelangt sei, die Möglichkeiten einer Verfilmung des Beckmann-Stoffes besprochen. Das Problem sei gewesen, den Aufschrei der Verlassenheit zu überwinden, und er, Liebeneiner, habe, als er die realistische Lebensgeschichte Annas neben die metaphysischen Schreckensvisionen stellte, keine andere ehrliche Antwort gefunden als diese: zwei Menschen zu zeigen, die gut zueinander sind und die nicht die Welt verbessern wollen, sondern sich selbst. In diesem Sinne solle sein Film ein Anruf an den Menschen sein, erst einmal in dem eigenen verantwortlichen Umkreis durch gegenseitiges Verstehen und Helfen das Gute zu tun. Das sei seine Antwort auf Beckmanns Frage gewesen. Außerdem habe er am Schicksal der Frau das Unrecht einer gar zu männlichen Welt aufzeigen wollen.

Liebeneiner gab zu, dass ihm künstlerisch (beispielsweise in den Traumphantasien) nicht alles so gelungen sei, wie er es sich gewünscht hätte. Aber leider sei er kein Maler, der dasselbe Motiv hätte neu malen können, und ein Produzent hätte ihm die Mittel für eine nochmalige Verfilmung des Stoffes bestimmt nicht gegeben. Das französische System des Mäzenatentums, das aus Liebe zur Filmkunst das notwendige Geld zur Verfügung stelle, sei in Deutschland bisher leider unbekannt. Die finanzielle Unabhängigkeit sei jedoch wesentliche Voraussetzung für die mutige Gestaltung wirklichkeitswahrer Zeit- und Menschenbilder. Die Filmschaffenden befänden sich, so betonte Liebeneiner am Schluss, einer an Kontroversen reichen Debatte, in einem schwierigen Dilemma: denn man dürfe nicht übersehen, dass auch der Illusionsfilm ein echtes Bedürfnis des Publikums darstelle, das sich wenigstens auf Stunden dem harten Alltagsleben entziehen wolle. A. E. K.