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K 4: Der neue Film , Nr. 8/1949

Liebe 47

Wenn die ganze sogenannte Zeitfilmproduktion längst vergessen ist, wenn sich selbst "Ehe im Schatten" nur als leise Erinnerung halten wird, wird dieser Film noch immer gegenwärtig sein wie kaum ein anderer der neuen deutschen Filmproduktion. Er ist ein Meisterwerk. -

Aus der Fülle von dramatischen Versuchen, das Geschehen der Zeit in künstlerische Formen zu bannen, aus den unnennbaren Schicksalen der Nachkriegsjahre, aus der Verlassenheit der Heimkehrenden, der Lebensnot der Davongekommenen, der Verzweiflung der Hoffnungsberaubten den Aufschrei zu formen: "Ändert diese Welt!" - aus all diesen Versuchen hebt sich nur ein einziges Werk heraus, das eine dichterische Gültigkeit besitzt: Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür", das Stück, das "kein Theater spielen und kein Publikum sehen will". Die Theater haben es gespielt, und das Publikum wollte es sehen: wenn es sich auch nur allzu gerne in eine Traumwelt flüchtete, brauchte es doch diesen Anruf, diese Manifestation der Zeit.

Und darum war es nur eine Folgerichtigkeit, wenn sich der Film dieses Stoffes vom Heimkehrer Beckmann bemächtigte. Dieser Film musste kommen. Aber: war gerade Wolfgang Liebeneiner der Mann, der dieses Thema behandeln durfte? Wer sich der Taten von gestern erinnert, neigt dazu, die Frage zu verneinen. Wer aber das fertige Werk erlebt hat, der neigt weit mehr dazu, ihm vor der einzigartigen künstlerischen Tat des Heute das Gestern zu vergeben. Dieser Film ist die absolute Rechtfertigung einer künstlerischen Ausnahmeerscheinung. Und das wiegt vieles auf. An dieser grundsätzlichen Einstellung ändern oder mildern auch die Bedenken nichts, die gegen die vorliegende Fassung des Filmes erhoben werden müssen - im Interesse des Werkes. Der Film ist mit seinen 3920 Metern viel zu lang geraten. Er schreit an einzelnen Stellen nach der Schere, der manche großartige Einzelheit geopfert werden muss, um die einzigartige Größe des Filmes schlackenlos erstehen zu lassen. Denn "Liebe 47" besteht im Grunde aus zwei Teilen, nicht ohne spürbare Naht aneinandergefügt: Liebeneiner hat vor das Beckmann-Schicksal Borcherts das Schicksal der Frau Anna Gehrke nach Motiven von Kurt J. Fischer gesetzt. Aus dem Heimkehrerschicksal ist so ein Doppelspiegel der Zeit geworden. Zwei vom Leben in dieser Zeit Geschlagene denken an den Tod in der Elbe, zwei Menschen stehen für Millionen. Aber das Schicksal der Anna Gehrke hat spürbar kein Borchert gestaltet. Es bleibt ein monotoner Rapport, an dem auch die (größtenteils völlig überflüssigen und nur die Wirkung schwächenden) Rückblenden nichts bessern. Den Dialogen fehlt die dichterische Überhöhung, dem Bild oft die Verdichtung. Und nur die außergewöhnliche Gestaltungskraft Hilde Krahls hebt auch diesen Teil weit aus dem Rahmen des Üblichen.

Nach genau einer Stunde Spieldauer aber ist es, als käme Liebeneiener erst jetzt zum eigentlichen Ziel. Das Beckmann-Schicksal Wolfgang Borcherts bringt ihn zu einer Filmdichtung, wie sie erschütternder kaum gedacht werden kann. Da tun sich vor dem gequälten inneren Auge Beckmanns die Gräber auf: ein gespenstiger Zug von Soldaten aller Zeiten zieht (im Negativeffekt!!) vorüber, geisterhafte Stimmen murmeln, murren, meutern. Da steht plötzlich riesengroß vor dem Gewissensgequälten auf Krücken die Gestalt eines anderen, dessen Joppe er trägt, da wachsen aus dem Nichts Mütter, Frauen, Mädchen, Kinder, die nach ihrem Sohn, ihrem Mann, ihrem Geliebten, ihrem Vater fragen. Da bannen zwei glotzende Augen inmitten des Elbewassers (auch wenn man sich diese Montage noch klarer vorstellen könnte), da wirft es den träumenden Beckmann auf ein unwirklich verzerrtes Straßenpflaster, lässt die Menschen achtlos an ihm und seiner Not vorübergehen und nicht einmal die Hunde wenden ihren Blick nach ihm: Und da erscheint aus einem Meer von Glocken Gottvater und spricht mit ihm, dem Verzweifelten, den Zweifelnden, den Lästernden. Und da bannt schließlich ein Sternentraum alle Qual, alle Fragen, alle Zweifel: dem träumenden Beckmann, der noch eben in einer riesengroßen, dunklen Einsamkeit um Antwort bat auf die Frage, weshalb er noch leben soll, wird (im Gegensatz zu Borcherts Schluss) im Traum wie im Wachen die Antwort der Liebe.

Hätten kräftige Schnitte in den Rückblenden der Anna-Gehrke-Handlung schon viel Gutes gewirkt, so würde die eindringliche Kraft der Bildvisionen noch wesentlich gesteigert, wenn sie knapper, traumhaft rasch vorüberzögen. So ermüden sie, wo sie wecken sollen; ein Weniger wäre auch hier ein Mehr. Und wenn, was durchaus verständlich wäre, Liebeneiner zu seinem Werk nicht den nötigen Abstand hat, dann sollte ein Dritter den notwendigen Nachschnitt besorgen. Ist die Regieleistung Liebeneiners außergewöhnlich (er übertrifft mit ihr eindeutig alle seine Kollegen!), so ist es die Leistung seiner Darsteller nicht minder. Hilde Krahl, aus dem Mädchen zur jungen Frau gereift, gibt eine Lebensstudie von erschütternder Kraft: sie gibt, von ihrem Gatten geführt, hier ihre bisher beste und wohl kaum wiederholbare Leistung. Erstaunlich, wie Karl John hier den Weg zum Charakterspieler findet: seine schwierige Rolle findet in dem grausig-unwirklichen Chanson ihren Höhepunkt. Aus der Fülle der Gesichter müssen vor allem genannt werden: Paul Hoffmanns Oberst - eine meisterliche Charakterstudie! -, Erich Pontos (an sich mehr als problematische) Verkörperung des lieben Gottes, Albert Floraths gemästeter Tod, Hubert v. Meyerincks Kabarett-Direktor, Grethe Weisers Zimmervermieterin und Helmut Rudolph. Die Musik H. M. Majewskis hat leider zu wenig eigenes Gesicht: ihr Hauptthema ist fast ein leichtes Beethoven-Plagiat und ihre jazzsinfonische Traumkulisse der einzige krasse Missgriff in dem sonst so geschlossenen Filmganzen. Hier, wo die Technik Liebeneiner spürbar im Stich lässt und ihn zu schlechten Schnitten und ermüdendem Sternchenflimmer zwingt, ist die Achillesferse des Werkes.

Dass niemand die bannende Bildkraft Franz Weichmayrs vergessen wird, ist bei einem Könner von seinem Format selbstverständlich. Dennoch bedeutet seine Kameraarbeit auch für ihn einen Höhepunkt in seinem bisherigen Schaffen. Der Film wird dem Landtag von Schleswig-Holstein vorgeführt, um zu beweisen, dass Kino nicht immer "ein Vergnügen" ist. Aber hoffentlich erkennt dieser - und nicht nur dieser Landtag - aus Liebeneiners "Liebe 47" gemeinsam mit dem Publikum, dass zumindestens dieser Ausnahmefilm Kunst ist. Und handelt danach!

Walter Panofsky