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K5-K7


K 5: Film-Echo, 20.03.1949
"Liebe 47" uraufgeführt

Im Göttinger "Capitol" fand die Uraufführung des ersten Filmwerkes der Filmaufbau statt. Sie wurde zu einem eindringlichen Erlebnis. Neben offiziellen Ehrengästen, den Darstellern des Films, Hilde Krahl, Karl John, Wolfgang Liebeneiner sah man die Mutter des verstorbenen Wolfgang Borchert, aus dessen Feder der erschütternde zum Nachdenken zwingende Vorwurf stammt.

Es ist die Geschichte des aus Russland heimkehrenden Unteroffizier Beckmann, der aus der Eiswüste Sibiriens kommend, in der Heimat nur verschlossene Türen und Herzen findet, der sich mit seiner Verantwortung am Kriege quält und auf seine Frage nach Gott, Tod und Menschen keine Antwort erhält. Liebeneiner hat diesen Stoff sehr eigenwillig, aber im Sinne von Borchert, mit dem ihn manche Unterredung verband, gestaltet. Er hat in seiner filmischen Auffassung die Figur des daseinskranken, müden Beckmann (Karl John) aufgelockert durch das dramatische Schwergewicht, das er auf die Gestaltung der "Anna" (Hilde Krahl) legte. Das war zweifellos ein kühnes Unterfangen, denn die dramatischen, wie auch darstellerischen Akzente verlagerten sich dadurch entgegen Borchert entscheidend. Aber der Wurf gelang sowohl nach der dramatischen wie auch nach der zeitanschaulichen Seite.

Auch sie, Anna, die den Beckmann auf einem Ponton an der Elbe trifft, will aus Müdigkeit ihr Leben beenden. Auch ihr Leben, das in seinen gravierenden Momenten filmisch überwältigend gestaltet wurde, führte zur tödlichen Einsamkeit zum Selbstekel und ratlosem Zweifel. Aber gerade sie kann zuerst erkennen, dass diese Einsamkeit nicht mehr besteht, wenn das Verstehen mit einem Schicksalsgefährten sie neutralisiert. So ist die Figur der Anna in der von Liebeneiner und Kurt-Joachim Fischer neugeschaffenen Fassung hoffnungsvoll - unweiblich aufgefasst. Sie ist bestimmend für den Schluss, der zwar kein offenkundiges "happy end", aber einen bewussten Optimismus gegenüber dem "Morgen" ausdrückt, wenngleich eine tiefe Melancholie darüber lagert. Darstellerisch und filmdramaturgisch stellt dieser Film ein Kunstwerk dar, das man in seinem bewegten Ablauf und durch sein anspruchsvolles Grundthema den Spitzenwerken Frankreichs gleichstellen kann. Sein unbekümmerter aber dennoch filmisch-disziplinierter Avantgardismus lässt uns für die Entwicklung des deutschen Films sehr viel erhoffen, wenn dieser Weg ohne Rücksicht auf Äußerliches weiter beschritten wird.

Hilde Krahl und Karl John, zwei Darsteller, die weit über das Maß des bisher Gesehenen hinauswachsen. Welch ein Erlebnis, dieser einsam, besessene, fordernd-fragende und lästernde Beckmann! Diese Anna, deren Augen und deren bewegter Mund mit sparsamsten Mitteln Ekel, Lebenshunger, Ratlosigkeit und - Liebe auszudrücken vermag -!

Unerhört packend die filmische Vision des "trommelnden Generals", dieses "Beckmannschen Alpdrucks", "der Mann im Rinnstein", an dem das Leben vorübergeht, achtlos wie an einem Knäuel fortgeworfenen Papiers, die Vision der "sprechenden Elbe"! Liebeneiner zeigt alle Register seines Könnens. Das Ergebnis ist eine Meisterleistung. Bild, Ton, Realtricks, Rückblenden und der kluge Einsatz der Kamera (Franz Weihmayer) lassen erkennen, dass hier eine Entwicklung herangereift ist, deren erster Ansatz uns vor langen Jahren durch die "Nacht auf dem Kahlenberge" und Fischinger aufgezeichnet wurden. Ein anspruchsvoller aber unerhört wertvoller Film. Darstellerisch ausgezeichnet Grethe Weiser, Hedwig Wangel, Albert Florath (Tod!), Erich Ponto (Gott!), Hubert von Meyerinck.

In allem ein filmischer Realismus, der auch (oder besonders?) im Ausland stärkste Beachtung finden wird. Das Premierenpublikum folgte dem Filmstreifen mit seltener Anteilnahme. An seinem Schluss stand eine ergreifende Stille vor dem dann folgenden einmütigen und anhaltenden Beifall.

St.


K 6: Pennäler-Echo , Aug./Sept. 1949
Unsere Filmseite

Man nehme einen Dichter ...

Als wir "Draußen vor der Tür" zum ersten Male im Rundfunk hörten, da waren wir sprachlos vor soviel Mut und - Verzweiflung des Menschen Borchert. Als wir dann den Film gesehen hatten, da verließen wir das Kino mit sehr zwiespältigen Gefühlen.

Nun, der Film lässt konservative Theateranhänger auf ihre Kosten kommen. Er weist einen dramatisch einwandfrei geknüpften roten Faden auf, der allerdings nicht wesentlich zur Vertiefung des Werkes beiträgt. Zu diesem roten Faden gehört aber auch eine in die Handlung hineingestellte Frauengestalt und schließlich ein positives Finale: Und das macht uns stutzig.

Es genügt nicht, dass man für einen Film eine Handvoll erstrangiger Schauspieler zusammenholt. Die Regie hat ein gewichtiges Wörtchen mitzureden, und die dem Film eigentümlichen Möglichkeiten dürfen nicht dazu verführen, seinen Gehalt zu überwuchern. Wir meinen, wen das Hörspiel und das Schauspiel nicht gepackt hat, sollte dem der Film ans Herz greifen? Ein Film, der in weite Kreise eindringen soll, muss anscheinend immer Konzessionen an das Publikum machen. Zwar gibt es kein happy end, immerhin jedoch einen mütterlich-versöhnenden Schluss, aber dieser Schluss genügt, die Macht der Borchertschen Anklage zu brechen, zumindest abzuschwächen. Wir bejahen das Stück heute so wie nur je, wir begrüßen jede Neubelebung, doch wir wehren uns dagegen, dass irgendwelche Abstriche gemacht werden. Um erhöhte Grausamkeit zu erwirken, genügt es nicht, die ohnehin schon beinahe unerträglichen Traumszenen mit filmischen Mitteln bis aufs Letzte auszuschlachten. Wollte denn Borchert den Menschen das Gruseln lehren? Es kommt nicht oft vor, dass ein Werk im Funk, auf der Bühne und auf der Leinwand vorgeführt wird. Aber es ist nicht recht, ein solches Werk dergestalt zu variieren und aus etwas ein Positivum zu machen, das kein Positivum sein kann. Es spricht für Borcherts Stück, dass es sich der Gefahr der Verniedlichung widersetzte, es spricht nicht für die Regie, dass sie es dieser Gefahr aussetzte.

Friedhelm Voß

 

K 7: Wirtschaftszeitung , 16.07.1949
Überholte Filme

Erst jetzt wird allmählich in vollem Umfang deutlich, was die Geldneuordnung den deutschen Film gekostet hat. Der Besucherandrang war plötzlich zu Ende, das kaum akkumulierte Kapital schmolz dahin, ebenso der Kredit. Die Ateliers, an sich schon gering in Zahl und Kapazität, stehen zum großen Teil leer. In dieser Lage ist es für die Produzenten besonders bedrückend, dass vom Publikum fast alle Filme abgelehnt werden, die in den der Geldneuordnung vorausgehenden Jahren spielen. In München geschah das kürzlich in demonstrativer Form. Als dort Wolfgang Liebeneiners "Liebe 47", die Verfilmung von Borcherts Heimkehrerstück "Draußen vor der Tür", aufgeführt wurde, schrie das Publikum energisch "Schluss!" Kaum daß die Vorstellung noch zu Ende gebracht werden konnte. Selbst für einen Film, der der Trümmerkulisse so sorgsam aus dem Wege geht, wie "Du bist nicht allein", lassen sich bei den Filmtheatern nur schwer Termine erzielen. Dieser Film erzählt das Schicksal einer jungen Kriegerwitwe, die sich von der Bindung an das Phantom der Erinnerung losringt und dem Ruf des Lebens an der Seite eines anderen Mannes folgt. Dass dieser Mann ein Heimkehrer ist und die Erzählung den kummervollen Ernst der ersten Nachkriegsjahre atmet, genügt schon, um dem Film den Weg zum Publikum zu erschweren. Barlogs "Wohin die Züge fahren", eine Geschichte aus der Zeit der Tramps in Güterwagen, hat erst nach langer Zeit einen Verleiher gefunden. In Freiburg im Breisgau gedreht, wurde der Film dort schließlich von einem einzigen Kino gezeigt: als lokales Ereignis. Das Publikum fühlt sich den Zeiten der Personenbeförderung in Güterzügen schon zu fern, um daran noch ein aktuelles, und nicht weit genug entfernt, um daran schon ein historisches Interesse zu nehmen. In zehn oder zwanzig Jahre werden diese Filme vielleicht als Dokumente der Vergangenheit eine verspätete Anerkennung ernten. Im Moment bedeuten sie für manche Firmen den Ruin. Die von den Militärregierungen erzwungene Zersplitterung der Produktion zeigt sich hier von der nachteiligsten Seite.Ein Konzern kann das Versagen eines Filmes eher mit den Gewinnen aus anderen Filmen ausgleichen. Wenn aber bei einer der zu Dutzenden lizenzierten Zwergfirmen auch nur ein Film ausfällt, so steht sie sofort am Ende. Die Frage der künstlerischen Qualität spielt bei der rigorosen Ablehnung dieser Filme durch das Publikum kaum eine Rolle. Die Stars, wie Hilde Krahl und Karl John, Heidemarie Hatheyer und Karl Raddatz, gehören zu den zugkräftigsten, die Regisseure Wolfgang Liebeneiner und Boleslaw Barlog zu den künstlerisch gewissenhaftesten und erfahrendsten des deutschen Films. Jeder der beiden Regisseure hatte den Ehrgeiz, einen künstlerisch repräsentativen Zeitfilm zu schaffen.

Es ist das Thema, die Atmosphäre, das Milieu von Krieg und Nachkrieg, was hier abgelehnt wird. Nicht nur in Deutschland, sondern zunehmend auch im Ausland. Das Publikum verlor in allen Ländern rasch den Geschmack am Anblick vergangener Not und Verzweiflung. Aber im Ausland vollzog diese Entwicklung sich in Übergängen, denen die Filmproduktion zu folgen vermochte. In Westdeutschland geschah das mit einem Ruck. Auf einen Einschnitt, wie die Geldneuordnung, vermochte die Filmproduktion nicht schnell genug zu reagieren. Die Herstellung eines Films benötigt vom Beginn der Arbeit am Manuskript bis zur vorführfertigen Kopie acht bis zehn Monate. So lief die Produktion nach der Geldneuordnung noch ein halbes Jahr in der alten Richtung weiter.

Es ist eine fast tragische Situation. Die Produzenten konnten nicht voraussehen, welchen tiefgreifenden Umschwung der Lebensbedingungen und der Lebensstimmung die Geldneuordnung mit sich bringen würde. Sie konnten nicht voraussehen, dass das Publikum einige Monate später jede Erinnerung an die Hoffnungslosigkeit der ersten Nachkriegsjahre mit einmütiger Entschlossenheit ablehnen würde. Auf der anderen Seite ist es dem Publikum nicht zu verargen, wenn es jetzt nicht mehr zurück-, sondern nur noch vorwärtssehen will und deshalb Filme ablehnt, in denen es über den Mangel immer noch mit einer umständlichen Feierlichkeit hinweg getröstet wird. Es ist eine Zeit der seelischen Restauration. Man hat genug von den Erschütterungen. Die großen Publikumserfolge in den Westzonen sind zur Zeit die österreichischen Filme, die kunstlos, aber gemütvoll das alte Wiener Herz mit einer Tunke von altem Wiener Humor auf der Leinwand servieren. Man wird nicht erstaunt sein, wenn die deutschen Produzenten aus dieser und ihrer eigenen Erfahrung Lehren ziehen. Ihr erster Blick, wenn sie heute einen Film planen, streift mit Argwohn den politischen und wirtschaftlichen Horizont ab. Was naht von dort? Welche plötzliche Veränderung ist wieder im Anzug? Sie wissen: Die Beschlüsse der Pariser Konferenz sind vielleicht folgenreicher für das Einspielergebnis des neuen Films als der Regisseur und die Schauspieler, die sie engagieren. Die Zukunft liegt im Dunkel, und nichts wird heutzutage schneller unzeitgemäß als ein Zeitfilm. Nichts mehr davon. Kriminalreißer und etwas zum Lachen, die lieben alten Derby- und Zirkusfilme: Das ist die Devise für den nächsten Start. Mit künstlerischen Offenbarungen, die dem deutschen Film auch im Ausland wieder Boden gewinnen könnten, wird man deshalb noch Geduld haben müssen.