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K8-K11

K 8: Rheinische Post , 06.07.1949
"Liebe 47"

Endlich ist dieser vieldiskutierte Liebeneiner-Film auch in Düsseldorf zu sehen, nachdem er bereits seit Wochen in den Kinos der Westzonen läuft (Vgl. die Besprechung in Nr. 55 der "Rheinischen Post" vom 11. Mai anläßlich der westdeutschen Uraufführung). In "Liebe 47" wird Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür" mit filmischen Mitteln sichtbar gemacht und mit einem Ende versehen, das nicht in völliger Hoffnungslosigkeit versinkt. Der Film wirkt aufrüttelnd und erschütternd, obwohl gesagt sein muss, dass 1949 um zwei entscheidende Jahre von den Problemen des großen Zusammenbruchs weitergerückt ist.

Die grenzenlose Trost- und Hilflosigkeit, das Gehetztsein des Einzelmenschen in der grauenvollen Todesmühle des Krieges, verkörpert durch den Russlandheimkehrer Beckmann (Karl John) und die junge Frau Anna (Hilde Krahl) ergreift gleichwohl auch heute noch jeden, der Ähnliches erlebte. Und welcher Deutsche könnte diese Erinnerungen verleugnen? "Liebe 47" ist kein leicht zu nehmender Film. Er wird vielleicht in den Düsseldorfern (die wohl etwas dazu neigen, Problemen und Schwierigkeiten auszuweichen) kein aufnahmebereites Publikum finden. Aber damit ist nichts über den künstlerischen Wert und das menschliche Wollen dieses ersten Spielfilms der "Filmaufbau Göttingen" gesagt. Man darf von dem Ernst und Verantwortungswillen, der diesen Film trägt, für die Zukunft noch zeitlos gültige Aussagen erwarten.  (Burgtheater)

 

K 9: Kasseler Zeitung , 06.08.1949
Das neue Filmprogramm:
Wolfgang Liebeneiner inszenierte: Liebe 47

In diesem Film wird noch einmal das Pandämonium des letzten Jahrzehntes lebendig: die Front, die Bombenangriffe, die Flucht aus dem Osten, der Schwarzhandel, der Zusammenbruch. Man erlebt, wie die aus den Fugen gegangene Zeit die Menschen wandelt. Man sieht, wie eine anständige Frau aus Lebenshunger, Lebensangst und Verzweiflung zur halben Dirne, ein durchschnittlicher Mann zum Verächter des Daseins wird. Beide wollen ihr Leben fortwerfen, treffen einander zufällig, sprechen sich aus - und beginnen ihr Leben von vorn.

Ähnliche Geschehnisse sind eben erst in der Erinnerung verblasst. Der historische Abstand zu den Ereignissen wiederum ist noch nicht vorhanden. Hier liegt die eine Problematik des Films.

Die andere besteht darin, dass man den jugendlichen Pessimismus von Borcherts "Draußen vor der Tür" (der Grundlage des Films) auch durch Überarbeitung nicht überwand. Die - durch einkopierte Szenen sinnfällig gemachten - Dialoge sind eine einzige Anklage gegen alles. So wirkt der versöhnliche Schluss konstruiert. Zum dritten sind die "metaphysischen" Einlagerungen bestenfalls Theater. Mit einem Einschlag ins Reißerische. (Der Beerdigungs-Institutsbesitzer Florath als Tod - Ponto in der Maske eines alten Fischers als der liebe Gott!). Auch die surrealistisch gemeinten, sehr ausgespielten Traumszenen wirken fehl am Platze. Trotzdem vermittelt der Film starke Eindrücke. Die Krahl und John zeigen ihre bisher vielleicht reifsten Leistungen. Liebeneiner beweist sich in den Einzelszenen wieder als Meister der Regieführung. (Capitol.)

 

K 10: Film-Echo, Nr. 7/01.03.1949
"Liebe 47 läuft vor dem Landtag Schleswig-Holstein

Das Parlament diskutiert aktuelle Filmfragen

(Eigene Meldung)
Hamburg, 28. Februar Das Film-Echo erfährt bei Redaktionsschluss, dass der Präsident des Landtages von Schleswig-Holstein seine Zustimmung für eine Sondervorführung des neuen deutschen Filmes "Liebe 47" (Regie Wolfgang Liebeneiner) vor den Abgeordneten des Landtages erteilt hat. Diese im Einvernehmen mit allen beteiligten Stellen, insbesondere auch mit dem Kultusministerium des Landes Schleswig-Holstein vereinbarte Vorführung des Films wird am Dienstag, dem 22. März 1949, vormittags 1030 Uhr, im "Reichshallentheater", Kiel, stattfinden.

Es ist beabsichtigt, im Anschluss an diese Vorführung den für die Filmwirtschaft entscheidenden Fragen, wie Prädikatisierung und allgemeine Gestaltung der Vergnügungssteuer näherzutreten.

Wolfgang Liebeneiner, der Regisseur dieses Films, wird Gelegenheit haben, zu den Abgeordneten über die künstlerischen Fragen und Problemstellung des deutschen Nachkriegsfilms zu sprechen. Presse, Rundfunk und Wochenschau werden diesen für die Filmwirtschaft besonders bedeutsamen Ereignis eine entsprechende Breitenwirkung geben.

Der Landtag Schleswig-Holsteins wirkt mit der Ausführung dieses Entschlusses bahnbrechend in der Gepflogenheit der Länderparlamente. Es ist das erste Mal, dass Abgeordnete aller Fraktionen in ihrer Eigenschaft als gesetzgebende Vertretung des Volkes derart einschneidende Probleme durch persönliche Inaugenscheinnahme eines repräsentativen Werkes der Filmkunst zu klären suchen.

Der Landtag Schleswig-Holsteins beschäftigt sich in seiner gegenwärtigen Legislaturperiode mit der Verabschiedung eines neuen Vergnügungssteuergesetzes für Schleswig-Holstein. Die erste Sitzung des Gesetzes hat bereits stattgefunden. Der Gesetzentwurf wurde einem parlamentarischen Ausschuß zur eingehenden Beratung überwiesen. Auf der Sitzung des zuständigen Ausschusses für die innere Verwaltung wurden auch die Vertreter des Wirtschaftsverbandes der Filmtheater e. V. (Britische Zone) eingehend gehört.

Es kann mit besonderer Freude festgestellt werden, dass sich aus den Diskussionen der Vertreter der verschiedenen Spitzenorganisationen der Kommunalverwaltung wie der Wirtschaft ein lebhafter Gedankenaustausch entwickelte, der wesentlich zur Herbeiführung dieses Entschlusses beigetragen haben dürfte. Es erfüllt die gesamte Filmwirtschaft mit Zuversicht, dass sie außer in grundsätzlichen Besprechungen, zu den Parlamentariern auch einmal in der Sprache reden darf, die ihre ureigenste ist: durch den Film selbst.

 

K 11: Abendpost, 25.03.1949
Liebeneiners "Liebe 47" in Göttingen

18000 Besucher in sieben Tagen

wmz. GÖTTINGEN (Eig. Bericht) -
Der Liebeneiner-Film "Liebe 47", der in der vergangenen Woche, wie die "Abendpost" berichtete, vor zahlreichen Vertretern des öffentlichen und kulturellen Lebens der Westzonen und in Anwesenheit der Mutter des verstorbenen Dichters Wolfgang Borchert zur Uraufführung gelangte, hat bisher außerordentliche Beachtung gefunden und eine lebhafte Diskussion ausgelöst. Die Presse schreibt von einem schöpferischen Experiment in einer im deutschen Nachkriegsfilm noch nicht erreichten Synthese technischer und künstlerischer Mittel.

Wegen des großen Erfolges haben die Göttinger Capitol-Lichtspiele die Spielzeit dieses ersten Films der Filmaufbau, Göttingen, auf unbestimmte Zeit verlängert. Dem Panoram-Verleih wurden 18000 Besucher innerhalb der ersten sieben Tage im Uraufführungskino gemeldet.