Diese Seite drucken

M 2


Der Regisseur Wolfgang Liebeneiner zur Frage von Kontinuität und Neuanfang in seinem Filmschaffen nach 1945

" (...) Dann jedoch entdeckte er (Josef Goebbels, d.V.), daß die deutschen Künstler genau wie in den Tagen von 'Dr. Caligari', dem 'Müden Tod' und 'Faust' einen Hang zum Transzendentalen und Irrealen besaßen, der sich im direkten Gegensatz zu jenen volkserzieherischen Maßnahmen befand, die ein Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda den Deutschen angedeihen lassen wollte, denn die Deutschen sollten ja eine nüchtern und harte, der realen Welt zugewandte Nation werden. Der Expressionismus, jene urdeutsche Dichtung, die schon bei Matthias Grünewald ihre frühesten Blüten getrieben hatte, wurde als 'entartete Kunst' bezeichnet und verfemt.(...)".

Liebeneiner schildert anschließend die Zensurprobleme seiner beiden Filme "Yvette" (1937/38) und "Du und ich" (1938).
"Dann erklärte er (Josef Goebbels, d.V.) mir, daß die Kamera ja nur das aufnehmen könne, was es in der Wirklichkeit zu sehen gäbe, daß der Film der Technik verhaftet sei, und darum müsse der Film auch realistisch bleiben, und je realistischer er sei, desto näher käme er der wahren Filmkunst.
Das war das genaue Gegenteil dessen, was sich die deutschen Künstler von jeher unter Film vorgestellt hatten, und was die besten deutschen Filme wie überhaupt die beste deutsche Kunst von jeher ausgezeichnet hatte. Ich war tief betroffen, und als Goebbels dann in einer öffentlichen Rede meinen Film ('Du und Ich', d.V.) zitierte, um daran nachzuweisen, was entartete und was echte Kunst sei, merkte ich, daß die politische Fuchtel, die wir im Film gar nicht so sehr zu spüren bekamen, halb so schlimm wie die weltanschauliche war, die sich in drakonischen Kunstgesetzen auswirkte."
Die von ihm realisierten Filme "Bismarck" (1940), "Ich klage an" (1941) und "Die Entlassung" (1942), die allesamt stark propagandistische Züge tragen, werden von Liebeneiner nicht erwähnt.

"(...) Als ich nun nach dem Kriege meinen ersten Film drehte, 'Liebe 47', nach jenem Stück des jung verstorbenen Wolfgang Borchert, das als echtes deutsches Theaterspiel im Reich des Transzendentalen und des Jenseitigen spielt, da war ich froh, daß diese Fesseln abgeschüttelt waren, und daß wir nun dort wieder anknüpfen konnten, wo die tiefsten Wurzeln unserer Kunst liegen. Anna, die Frauengestalt, die ich zu dem Stück meines Freundes Borchert nach seinem Tode hinzuerfunden habe, wenn auch auf Grund unserer Gespräche über eine Verfilmung, ist als Frau ganz dem Diesseits und der Realität verhaftet. Beckmann jedoch, der heimkehrende, junge Soldat, an den Rand seiner Existenz geschleudert, ringt nicht nur mit dieser Welt, sondern auch mit jener, in der seine Seele zuhause ist und in der ihm Gott und Tod im Traum begegnen, denn ein richtiger Deutscher lebt eben nur zum Teil in der Klarheit und in dem Bewußtsein, zum Teil lebt er im Unterbewußtsein, in der Sehnsucht und in seiner Phantasie. Das ist seine besondere Kraft im Guten und seine besondere Kraft im Bösen. Aber wenn ich einen echten Deutschen zeigen will, so darf ich das nicht vergessen. (...)
Darum war ich aufs höchste erstaunt, als mir der Schweizer Kritiker Rothenhäusler, der den Film scharf ablehnte, als Begründung für diese Ablehnung fast wörtlich die gleichen Argumente vorbrachte, mit denen Dr. Goebbels meinen Film 'Du und ich' abgelehnt hatte. (...)"

Auszug aus einem Leserbrief von Wolfgang Liebeneiner. Abgedruckt unter dem Titel "Wolfgang Liebeneiner und Josef Goebbels" in: Elite-Film-Magazin, Zürich, Oktober 1949