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Hans Abich (Produzent des Films) blickt zurück
(...)
FRAGE: Ihr erster Film war also LIEBE 47. Der Film weicht ja deutlich ab von der literarischen Vorlage - und zwar in einer sehr charakteristischen Weise: es gibt eine zweite Hauptrolle, Anna, gespielt von Hilde Krahl. Eine solche Frauengestalt, mit diesem Gewicht, ist in Borcherts Stück nicht enthalten. Wurde über diese Verän­derung gegenüber dem Stück diskutiert? Was hat man sich davon versprochen? Welche Rolle hat der Regisseur Wolfgang Liebeneiner dabei gespielt?
ABICH: Wir wollten nicht die ganze "Realisierung" von Literatur, sondern waren der Meinung, daß Film immer eine Art "Umsetzung" ist, und damit auch Veränderung. Die Änderungen gingen zurück auf Liebeneiner, der das Stück ja bereits in Hamburg inszeniert hatte, und auf einen zweiten Drehbuchautor (Kurt Joachim Fischer), der die Figur der Anna "zum Blühen" brachte. Wir haben uns dieser Veränderungen nicht geschämt, denn wir wußten: das waren zwei Dinge, Film und Theaterstück.
Außerdem hätten wir den "reinen" Borchert bei keinem Verleiher unterbekommen. Nur die Figur der Anna hat den Film beim Verleih möglich gemacht.
Allerdings: Trotz dieser Figur ist der Film zwar viel besprochen, aber wenig besucht worden. Das hing wohl auch damit zusammen, daß das Publikum diese Trümmer und auch die Schuldabtragungsfrage zu dieser Zeit nicht mehr wollte.
Borchert war für unsere Generation fast etwas zwischen Pflicht und Begeisterung. Wir mußten doch etwas abarbeiten an Thematik. Für Liebeneiner war es ein Stoff, mit dem er sozusagen eine neue "Liebeneiner-Zeit" eröffnen wollte, denn er war ja Produktionschef der Ufa gewesen.
FRAGE: Kann man Liebeneiner als Regisseur paradigmatisch sehen für ihre Situation damals: neue Themen mit alten Leuten?
ABICH: Ja.
FRAGE: Sie hatten auch keine Schwierigkeiten, ihn zu engagieren?
ABICH: Nun, gleichzeitig lief ein Entnazifizierungsverfahren gegen ihn. Davon waren wir abhängig. Es lief sonderbar gut, denn er wurde von der zuständigen Spruchkammer freigegeben. Das imponierte uns. Im übrigen: Schon als Studenten in Berlin erschien uns Liebeneiner, den wir ja nicht persönlich kannten, von seiner Arbeit her als "Individualist".
FRAGE: Liebeneiners Film LIEBE 47 spendet - im Gegensatz zu Borcherts Stück, das den Leser mit vielen offenen Fragen allein läßt - Trost, gibt Antworten und endet schließlich in einer Art "kleinbürgerlicher Harmonie". Die Verantwortung, die vorher gesellschaftlich war, wird übernommen in eine private Verantwortung der Zweisam­keit. Hatte diese Funktion des Trostspendens etwas zu tun mit ihren Erziehungszielen?
ABICH: Ja, genau dies muß uns wohl damals "bestochen" haben. Denn hätten wir aufgehört mit "Gibt denn keiner Antwort", hätte uns diesen Film kein Verleiher abgenommen. Aber wir standen auch selbst zu diesem Schluß, denn wir dachten, wir könnten ein Publikum nicht dahin führen, wo es noch gar nicht ist. Wir hatten auch Angst vor jedem "Heroismus", auch vor dem warnenden. Wir fanden diese Schlußszene seltsam klein, aber gut gelungen (...)"

Zitiert nach: Lichtspielträume. Kino in Hannover 1896 - 1991, hrsg. von der Gesellschaft für Filmstudien e.V., Hannover 1991. Darin: Zeigen, wie es sein soll. Ein Gespräch mit Hans Abich, S. 57-68. (Auszug)